Die Packung Taschentücher liegt nicht ohne Grund auf dem Tisch im Schulleiterzimmer. „Für die kleinen Rotznasen“, erklärt Ursula Avery mit einem Lächeln, das schon über so einige aufgeschürfte Knie hinweggetröstet haben dürfte. Elf Jahre lang hat sie die Günderrodeschule im Gallus geleitet, nun ist sie in Pension gegangen. Wenn sie über ihre Zeit als Lehrerin und Rektorin spricht, tut sie das mit sichtbarem Stolz auf ihre Schule und deren Kinder.
Das ist nicht selbstverständlich. Bei oberflächlicher Betrachtung wird die Günderrodeschule schnell als „Brennpunktschule“ bezeichnet. Mehr als 90Prozent der Grundschüler kommen aus Zuwandererfamilien, unter den 260Kindern sind 42Nationen vertreten. Das sind selbst für Frankfurter Verhältnisse Spitzenwerte. Hinzu kommt die nicht gerade vornehme Lage im Gallus. Doch Klagen und Schwarzmalerei sind Avery fremd. Ihre Schule bezeichnet sie als „international“, als handele es sich um eine privilegierte Privatschule mit bilingualem Unterricht und Bildungsreisen nach Japan.
Bildungsferne nicht gleichbedeutend mit Verwahrlosung
Privilegiert ist freilich kaum ein Kind, das die Günderrodeschule besucht. Daraus macht Avery bei aller positiven Einstellung zur Welt und den Menschen kein Geheimnis. Manche ihrer Schüler hätten Eltern, die weder lesen und schreiben noch rechnen könnten, sagt sie, allerdings nur, um gleich hinzuzufügen: „Das können trotzdem super Mamis und Papis sein.“ Bildungsferne sei nicht gleichbedeutend mit Verwahrlosung. „In den Familien wird täglich frisch gekocht, es wird auf die Kleidung und auf gute Manieren geachtet.“
Die kulturellen und sprachlichen Barrieren sind dennoch hoch. Man müsse versuchen, „mit den Augen zu verstehen“, sagt Avery. Eine Mutter, es war eine traditionell gekleidete und tätowierte Berberin, habe ein Elterngespräch mit ihr einmal mit den Satz begonnen „Weißt du, Kinder alles Scheiße.“ Übersetzt, sagt Avery, bedeutete das so viel wie „Liebe Frau Rektorin, ich mache mir Sorgen um meine Kinder.“ Aus der so verstandenen Einleitung habe sich zuerst ein vertrauensvolles Gespräch und dann eine von gegenseitigem Respekt geprägte Beziehung entwickelt.
Transparenz herstellen, Berührungsängste nehmen
Das deutsche Schulsystem sei vielen Migranten fremd, sagt Avery. Nur das Abitur, das sei für fast alle ein Begriff. Manche Eltern beharrten darauf, dass ihr Kind aufs Gymnasium gehen müsse: „Mein Kind klug, mein Kind Abitur, dann Rechtsanwalt.“ Solche Zukunftspläne würden oft entworfen, ohne die reale Leistungsfähigkeit des Kindes zu berücksichtigen. Aber auch ohne zu wissen, dass in Deutschland viele Wege zum Beruf, zu Wohlstand und auch zu höheren Abschlüssen führen können.
Aufgabe der Schule sei es, den Familien das Bildungswesen nahezubringen, sagt Avery. Transparenz müsse hergestellt, Berührungsängste müssten genommen werden. Als Rektorin fing sie mit dem Naheliegendsten an: dem Schulhaus. Es stammt aus dem Jahr 1901, einer Zeit, als in Berlin der Kaiser regierte, als es getrennte Klassen für Knaben und Mädchen gab und die Kinder während der Pausen händchenhaltend im Kreis laufen mussten. Es ist ein repräsentatives Gebäude, das in seiner strengen Einheitlichkeit einen seltsamen Gegensatz zur heutigen disparaten Schulrealität bildet. Gut vorstellbar, dass die Erstklässler-Eltern, die zu Informationsabenden kommen, sich hier noch fremder fühlen, als sie es in Deutschland ohnehin tun.
„Hier ist nichts, was man nicht sehen darf“
Als Rektorin führte Avery die Mütter und Väter erst einmal durch das ganze Gebäude. Sie zeigte alles, vom Keller bis zum Dachboden, vom Fotokopierer bis zur Heizungsanlage. „Hier ist nichts, was man nicht sehen darf“, lautete die Botschaft. Unterwegs ergaben sich dann Gespräche. Es kamen Fragen auf, die bei einem Vortrag im Klassenzimmer, vielleicht auch aus Respekt vor der Autorität der Schulleiterin, nie gestellt worden wären. Einem Vater fielen die Anlauttabellen an den Wänden auf. Er wollte wissen, wozu die Buchstaben mit den Bildern gut sind. Und die Schulleiterin nutzte die Gelegenheit, um die Vorgehensweise im Deutschunterricht zu erklären.
Aber nicht alle Missstände lassen sich durch Kommunikation beheben. Die Fünfundsechzigjährige erzählt von der Trauer in den Gesichtern von Frauen, die nach Deutschland gekommen sind, weil sie hier verheiratet wurden. Die Gesellschaft erwarte, dass die Mütter Deutsch lernten und sich integrierten, denn davon hänge das Los der nächsten Generation ab. „Aber wie soll das eine Frau schaffen, die auf 45Quadratmetern mit fünf Kindern lebt und von ihrem Mann auf jeden Schritt kontrolliert wird?“
Längst nicht alle Probleme haben mit Herkunft oder Kultur zu tun
Avery erinnert sich an einen Jungen aus Äthiopien, der ihr anvertraute, er wolle „die bitteren Blätter“ nicht mehr kauen. Sie sprach die Eltern darauf an. Für sie war der Konsum von Kath, einer pflanzlichen Droge mit berauschender Wirkung, selbstverständlich. Warum sollte ihr Sohn die Blätter nicht kauen, sie taten es schließlich auch, genauso wie ihre Eltern und Großeltern. Solche Traditionen und Einstellungen sind tief verwurzelt. Wie bei dem afrikanischen Vater, der von vier Frauen zwölf Kinder hatte, aber noch nie mit einem von ihnen gespielt hatte. Viele Männer aus diesem Kulturkreis, sagt Avery, hielten es für würdelos, sich auf eine Ebene mit Kindern zu begeben.
Längst nicht alle Probleme haben mit Herkunft oder Kultur zu tun. Die Schulleiterin erzählt von Kindern, die sich übers Wochenende von ungekochten Nudeln ernährten, weil in der Wohnung der Strom abgestellt worden war. Und auch jenseits sozialer Härtefälle sei es wichtig, die Familie im Blick zu haben. Wenn ein Kind im Unterricht störe, ausfallend oder aggressiv werde, liege die Ursache oft nicht in der Schule, sondern in der häuslichen Situation. Vielleicht suche der Schüler die Aufmerksamkeit der Lehrer und Mitschüler, weil es in seiner Familie ein Geschwisterkind gebe, das etwa wegen einer Behinderung alle Fürsorge der Eltern auf sich ziehe.
„Kinder sind die größten Schätze, die wir haben“
Es gibt wohl kaum ein Erlebnis, das Avery in ihrer positiven, menschenfreundlichen Haltung erschüttern könnte. In einer Liste hat sie ihre Grundsätze festgehalten. „Kinder sind die größten Schätze, die wir haben“ steht darauf, „Es ist egal, woher sie oder ihre Eltern kommen“ und „Kinder lernen am besten, wenn sie Spaß daran haben“. Es sind Ideale, die man als realitätsfernes Wunschdenken abtun könnte. Doch Avery vertritt sie mit einer lebendigen Überzeugung, die Menschen und Dinge bewegen kann.
Eine Grundlage dafür ist der christliche Glaube. Die gebürtige Frankfurterin, deren englischer Mann vor einigen Jahren gestorben ist, trägt um den Hals eine Kette mit goldenem Kreuz. Sie hat außer Deutsch, Mathematik und Kunst katholische Religion studiert und arbeitet ehrenamtlich in der Gemeinde. Im grauen Aktenschrank ihres Büros steht die Bibel, gleich daneben ein Koran. Sie fordert gegenseitige Achtung, die sich in der Beschäftigung mit dem jeweils anderen Glauben ausdrücke. Wer sich ernsthaft für den Koran interessiere, müsse auch nicht alle Behauptungen über ihn hinnehmen: „Wenn mir jemand erzählt, in der Sure soundso stehe dies und das, dann schlage ich eben nach.“
Jeden Schüler für sich sehen
Als Erziehungsmaxime zitiert Avery, die selbst zwei Kinder und einen achtjährigen Enkel hat, den Satz Baden-Powells, des Gründers der Pfadfinder-Bewegung: „Look at the boys.“ Jeder Schüler müsse für sich gesehen werden, der Lehrer müsse die Erwachsenen-Perspektive ablegen und die des Kindes verstehen. „Wenn ich herausfinde, was das Kind bewegt, dann ist das wie ein Türöffner.“ Sie erzählt von einem Flüchtlingskind aus China. „Das Mädchen hatte noch nie eine Stadt gesehen, es kam mit dem Flugzeug hierher, aus einem Dorf, wo ein Dialekt gesprochen wird, den in ganz Frankfurt niemand kennt.“
In der Günderrodeschule habe die kleine Chinesin dann Deutsch lernen sollen. Aber sie habe die Sätze wochenlang nur nachgesprochen, ohne sie mit einem Sinn oder mit Gefühlen zu verbinden. „Sie wiederholte wie ein Papagei, sie war wie eingefroren.“ Bis Avery ihr schließlich ein Kärtchen zeigte, das eigentlich für den Englischunterricht gedacht war. Darauf stand das Wort „bottom“, verbunden mit dem Bild eines Kindes, das sein Hintern vorreckte. Das Mädchen begann zu kichern - „in diesem Moment war die Tür geöffnet.“