Viel haben die Kinder der Klasse 2a in ihren ersten anderthalb Schuljahren nicht gelernt, aber eines dann doch: dass auf die Schule kein Verlass ist. So bitter lässt sich zusammenfassen, was Eltern von der Mühlbergschule in Frankfurt-Sachsenhausen berichten. Die erste Klassenlehrerin habe keine volle Stelle gehabt und wegen Krankheit und Schwangerschaft ständig gefehlt. Von Anfang an seien die Grundschüler deshalb mit Vertretungslehrern und Unterrichtsausfall konfrontiert gewesen. „Von einem positiven Schulstart in eine der wichtigsten Phasen ihres Lebens konnte keine Rede sein“, sagen Cora Walker-Minneker und Michael Quast, die für die Eltern der 2a sprechen.
Die Folge sei schon im ersten Schuljahr gewesen, dass Kinder nicht nur beim Lernen zurückgeblieben, sondern auch in ihrem Verhalten auffällig geworden seien. Deshalb sei sogar eine Psychologin des Staatlichen Schulamts tätig geworden. Im der zweiten Klasse habe sich die Misere jedoch fortgesetzt. Die eigentliche Lehrerin sei insgesamt nur zwei Tage präsent gewesen, ansonsten hätten Vertretungskräfte unterrichtet, wenn die Schule nicht ganz ausgefallen sei. Die unklare Situation habe die Kinder sehr belastet: „Wir mussten Tränen, Bauchweh und Schulverweigerungsattacken miterleben.“ Es habe sich ein aggressives Verhalten untereinander und gegen die Lehrkräfte entwickelt. Gemeinschaftsgefühl habe völlig gefehlt, die Klasse habe als extrem laut gegolten.
Kinder und Eltern demonstrieren auf dem Pausenhof
Im vergangenen Oktober sei dann die Wende gekommen, berichten die Eltern. Der neuen Klassenlehrerin, Giovanna Campanella, sei es gelungen, das Vertrauen der Kinder zu gewinnen. „Beim Lehrstoff konnte aufgeholt werden, die Kinder hatten endlich eine feste Bezugsperson.“ Anfang dieses Monats folgte dann der Schock: Die Lehrerin sei von einem Tag auf den anderen abgezogen worden, weil sie wegen ihrer Sprachkenntnisse die bilinguale Parallelklasse übernehmen sollte. Deren vorherige Lehrkraft sei allerdings nicht etwa überraschend ausgefallen, sondern planmäßig in Rente gegangen. Es wäre doch möglich gewesen, rechtzeitig einen anderen Ersatz zu finden, meinen Walker-Minneker und Quast. Für die Schüler sei der Verlust „ein Vertrauensbruch, der kaum wieder gut zu machen ist“.
Mittwochmorgen haben Kinder und Eltern der 2a auf dem Pausenhof dafür demonstriert, dass sie ihre Lehrerin zurückbekommen. Was sie schildern, ist sicher ein Extremfall, aber doch keine Ausnahme. Erst am Montag gab es eine ähnliche Protestaktion an der Walter-Kolb-Schule in Frankfurt-Unterliederbach. Die Klasse 4b forderte mit Plakaten ihre Lehrerin zurück. Es war schon die dritte Klassenlehrerin in dreieinhalb Jahren. Sie habe jedoch immer nur Halbjahresverträge bekommen und deshalb schließlich von sich aus gekündigt, berichten die Eltern.
Viele Lehrer erhalten nur Zeitverträge
Für den häufigen Wechsel von Klassenlehrern in Grundschulen gibt es mehrere Ursachen. Eine ist quasi naturgegeben: Die Lehrkräfte an diesen Schulen sind oft weiblich, relativ jung und bekommen mehr Kinder als vergleichbare Akademikerinnen. Der andere Grund ist finanzieller und politischer Natur: Das hessische Kultusministerium will in den Schulen mehr Lehrer einsetzen, die keine Beamte, sondern Angestellte sind. Das macht den Schulbetrieb billiger und flexibler.
Viele angestellte Lehrer erhalten zudem nur Zeitverträge, begrenzt auf ein Schuljahr, vom ersten bis zum letzten Schultag, um so noch Bezahlung in den Sommerferien zu sparen.Sie hangeln sich von einer Stelle zur nächsten, in der Hoffnung, doch noch eine feste Stelle und nach drei Jahren womöglich den Beamtenstatus zu erhalten. Sobald eine solche Stelle an einer anderen Schule angeboten wird, greifen sie zu - und ihre Klasse bleibt lehrerlos zurück.
Das allgemeine Problem ist nicht behoben
An der Mühlbergschule seien die Stellen von zwei Lehrerinnen nach deren Pensionierung nicht wiederbesetzt worden, sagt Tom Fasig, der Vorsitzende des Elternbeirats. Auch drei Planstellen für angestellte Lehrkräfte seien nicht besetzt worden. In den vergangenen drei Wochen habe die Schule sogar mit einem Notfallplan arbeiten müssen, weil es nicht genügend Lehrer gegeben habe, um den Stundenplan abzudecken. Den Wunsch des Kultusministeriums, sich vom Beamtenstatus zu verabschieden, könne er nachvollziehen, sagt Fasig. Aber das Angestelltenverhältnis müsse attraktiver und längerfristig sein, damit die Lehrer nicht ständig wechselten.
Wie der Elternbeiratsvorsitzende am Mittwoch sagte, hat das Staatliche Schulamt der Mühlbergschule kurzfristig eine neue Beamtenstelle und eine Planstelle für einen angestellten Lehrer zugesprochen. Das könnte mit dem lautstarken Elternprotest zu tun haben, und auch damit, dass Michael Quast nicht nur Vater eines Kindes in der Klasse 2a, sondern auch ein gut vernetzter Theatermacher ist. Das allgemeine Problem ist damit nicht behoben. Der Lehrer, der nun auf die Planstelle an der Mühlbergschule wechselt, wird vermutlich andernorts fehlen. Vielleicht gibt es dort Kinder, die soeben ihren Klassenlehrer verloren haben.
irritierende Kommentare
kathrin siebert (ka-sie)
- 17.02.2012, 14:49 Uhr
" der gut vernetzte Theatermensch Quast“
Peter Schäfer (PSConsultant)
- 16.02.2012, 14:45 Uhr
Wer will es ihnen verdenken
Thomas Brentana (Grinsekatz)
- 16.02.2012, 12:02 Uhr