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„Goldenes Buch der Stiftungen“ Groß durch die Kraft der Bürger

 ·  Die Stadt Frankfurt ehrt ihre Wohltäter mit einem Eintrag in das „Goldene Buch der Stiftungen“. Jetzt wird ein neuer Band aufgeschlagen - der alte ist voll.

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Nach 82 Jahren ist das „Goldene Buch der Stiftungen in Frankfurt am Main“ vollgeschrieben. Mehr als 100 Stiftungen haben sich seit 1930 in diesem Prachtband verewigt; er ist dem Goldenen Buch der Stadt nachgebildet, in dem sich namhafte Besucher Frankfurts eintragen dürfen. Morgen wird im Kaisersaal des Römer ein neues Stiftungsbuch aufgeschlagen, ein Band mit einem repräsentativen Umschlag aus rotem Rindsleder. Die Ehre des ersten Eintrags fällt der Stiftung für das Museum für Moderne Kunst zu.

Ein Goldenes Buch besitzt jede deutsche Stadt, die etwas auf sich hält. Ein Goldenes Buch der Stiftungen hat aber allein Frankfurt aufgelegt. Eingeführt wurde es aus einem traurigen Anlass. Die Stadt wollte an die vielen Stiftungen erinnern, die der Geldentwertung zwischen 1914 bis 1921 und der Hyperinflation der Jahre 1922 und 1923 zum Opfer gefallen waren. Stiftungen, die nur ein Geldvermögen und keinen Grundbesitz oder Immobilien hatten, verloren damals reihenweise ihr Kapital. Ein „Erinnerungsbuch der Stiftungen in Frankfurt am Main“ sollte dafür sorgen, dass zumindest ihre Namen und ihre Taten nicht vergessen würden.

In schöner Frakturschrift

Als die Weltwirtschaftskrise gerade ihr zerstörerisches Werk begonnen hatte, entschloss sich Frankfurt zu einem auf die Zukunft gerichteten Vorhaben. Künftige Stifter sollten wissen, dass ihr Engagement geschätzt und durch einen Eintrag in das Stiftungsbuch der Nachwelt überliefert werde. Es war ausgerechnet der NSDAP-Oberbürgermeister Friedrich Krebs, der am 24. Dezember 1936 den ersten Eintrag vornehmen durfte. In schöner Frakturschrift ließ Krebs kundtun, dass er im Winter 1933/34 das Hilfswerk des Oberbürgermeisters ins Leben gerufen habe, dessen Zweck es sei, manchen Verzweifelten wieder hochzureißen und ihm das Bewusstsein zu geben: „Auch du gehörst dazu, auch dich hat man nicht vergessen im neuen Staat der brüderlichen Volksverbundenheit.“ Des Oberbürgermeisters Stiftung war damals mit der älteren Heusenstamm’schen Stiftung verschmolzen worden, die heute noch existiert und Frankfurter Künstler unterstützt.

Frankfurt war und ist eine Stadt der Stiftungen. Gerne nennt sich die Mainmetropole deutsche Stiftungshauptstadt. Mit derzeit 510 selbständigen Stiftungen, deren Vermögen bei insgesamt 6,5 Milliarden Euro liegen dürfte, nimmt Frankfurt seit Jahrhunderten hierzulande einen Spitzenplatz ein. Lokalpatrioten wurmt es, dass Hamburg insgesamt mehr Stiftungen aufweisen kann und Würzburg seit einigen Jahren in der Stiftungsdichte, also der Zahl der Stiftungen pro 100.000 Einwohner, Frankfurt übertrifft. Hamburg liegt freilich nur deshalb vorne, weil es mit 1,8 Millionen Einwohnern wesentlich größer ist als Frankfurt mit seinen knapp 700.000 Bewohnern. Und Würzburg schneidet vor allem deshalb so gut ab, weil dort die Kirchen viele ihrer Tätigkeiten über Stiftungen ausüben.

Frankfurt stützt sich auf einige ganz alte und viele neue Stiftungen. Die Waisenhaus-Stiftung etwa, eine der größten der Stadt, wurde 1679 gegründet. Die Stiftung Hospital zum Heiligen Geist reicht sogar 700 Jahre zurück. Gerade einmal seit knapp 40 Jahren gibt es die Hertie-Stiftung, mit einem Vermögen von derzeit etwa 800 Millionen Euro eine der reichsten Stiftungen der Stadt. Und die Stiftung Polytechnische Gesellschaft, ebenfalls eine der bedeutendsten, ist sogar erst 2005 ins Leben gerufen worden.

Zuletzt 17 neue Stiftungen

Der Stiftungsgedanke hat in den vergangenen Jahren in Deutschland an Attraktivität gewonnen, man kann zumindest für Frankfurt sogar von einem Stiftungsboom sprechen. Allein im vergangenen Jahr haben sich 17 neue Stiftungen registrieren lassen, 93 sind nach Angaben des Rechtsamts derzeit in der Planungsphase. Das Aufsichtsrecht über die Frankfurter Stiftungen liegt seit 1966 beim Magistrat. Das von ihm beauftragte Rechtsamt überprüft einerseits, ob die Stiftungen ihre Aufgabe erfüllen und ihre Mittel ordnungsgemäß verwenden. Um Missbrauch auszuschließen, kontrolliert auch das Finanzamt regelmäßig die Gemeinnützigkeit der Stiftungen, schließlich verzichtet der Staat auf deren Besteuerung. Die städtische Stiftungsaufsicht versteht sich aber nicht nur als Aufpasser, sondern auch als Berater. Wer eine Stiftung errichten möchte, findet beim Rechtsamt Rat und Unterstützung.

Die Namen der meisten Frankfurter Stiftungen sind dem breiten Publikum unbekannt. Wer hat schon von der Farben-Jenisch-Stiftung, von der Helga-Ravenstein-Stiftung oder der Anni-und-Keyvan-Dahesch-Stiftung gehört? Sie alle bestellen Felder, die ohne ihren Einsatz brach liegen würden oder zumindest nicht so kultiviert wären. „Groß wurde Frankfurt durch die Kraft der Bürger, die Geist und Gut gemeinem Wohle weihen“, verkündet das Goldene Buch der Stiftungen dem Leser. Solche Bürger, denen das Gemeinwohl am Herzen liegt, hat es unter den Stiftern reihenweise gegeben. Zuweilen waren sie tragische Figuren wie etwa der Rentner Friedrich Karl August Stiefel, der im Februar 1944 sein Vermögen der „geliebten, einzigartig schönen Heimatstadt Frankfurt“, die in jenen Tagen freilich schon ein zerbombtes Trümmerfeld war, hinterlassen hat. Ob mit Stiefels Hinterlassenschaft tatsächlich, wie er es gewünscht hatte, Handwerker unterstützt wurden, muss man bezweifeln. Andere wie Helga Dierichs, die vor nicht allzu langer Zeit die Stiftung Citoyen ins Leben gerufen hat, gehen völlig auf in ihrer Stiftungstätigkeit und fühlen sich beglückt dadurch, dass sie etwas zum Guten bewegen können.

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Jahrgang 1954, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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