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Gießen : Grabungen vor großem Publikum

Der Gießener Kirchenplatz soll neu gestaltet werden - das dauert aber länger als gedacht Bild: Sick, Cornelia

Die Spurensuche der Archäologen verzögert den Umbau des Gießener Kirchenplatzes. Nun soll während der Landesgartenschau gegraben werden - vor Abertausenden Gästen.

          Archäologen machen der Stadt einen Strich durch die Rechnung. Der Kirchenplatz, zentrales Areal und Haupttreffpunkt in der Gießener Innenstadt, sollte zur Landesgartenschau im nächsten Jahr der Anziehungspunkt zwischen den beiden Standorten der Pflanzen- und Gartenbaupräsentationen am Lahnufer und im Ostpark der Wieseckaue bilden. Der gewünschte Ort der Begegnung für Besucher und Einheimische kommt auf absehbare Zeit aber nicht zustande - der Kirchenplatz bleibt während der Großveranstaltung eine Baugrube. Die Umgestaltung einer der historischen Keimzellen der Stadt stockt, weil dort erst einmal Grabungsteams der Landesarchäologie Regie führen.

          Wolfram Ahlers

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für Mittelhessen und die Wetterau.

          Dass der Zeitplan für den Umbau des Platzes obsolet ist und das Vorhaben erst nach der Landesgartenschau angegangen werden kann, haben sich die Verantwortlichen im Rathaus selbst zuzuschreiben, wie Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich (Die Grünen) einräumt. In der Stadtverwaltung war man fälschlich davon ausgegangen, dass bei einer ersten Umgestaltung des Platzes vor rund zwei Jahrzehnten alle archäologischen Befunde aufgearbeitet worden seien. Seinerzeit wurde einen halben Meter tief gegraben und der Aushub von den Archäologen untersucht.

          Grab eines Bischofs entdeckt

          Weil der damals verlegte Schotterrasen durch ein Natursteinpflaster ersetzt werden soll, ist eine Gründung bis in 70 Zentimeter Tiefe erforderlich, wie sich nach jüngsten Prüfungen herausstellte. Und das rief die Landesarchäologie auf den Plan. Sie vermutet auf dem geschichtsträchtigen Terrain in tieferen Schichten weitere Relikte aus dem mittelalterlichen Gießen, die es zu dokumentieren gilt.

          Schon bei den Grabungen 1992 waren die Forscher unter anderem auf das Grab eines Bischofs gestoßen. Vorgesehen ist, dieses Mal das gesamte Umfeld des Kirchturms bis in Richtung Marktplatz archäologisch zu erfassen. Das nimmt voraussichtlich mehr als ein halbes Jahr in Anspruch. Die Umgestaltung des Platzes könnte also frühestens im Herbst beginnen. Das Projekt dann noch bis zum Beginn der Landesgartenschau im nächsten Jahr abzuschließen sei „unrealistisch“, sagte die Bürgermeisterin.

          Also entschloss sich der Magistrat, das Projekt um anderthalb Jahre zu verschieben und aus der Not eine Tugend zu machen. Die Kommune hat mit der Landesarchäologie eine Verabredung getroffen, die beiden Seiten zugutekommen soll. Danach finden die Grabungen während der Landesgartenschau statt und damit vor großem Publikum. Dies biete die Gelegenheit, mit Grabungsführungen und einem Informationspavillon Besuchern die frühe Gießener Geschichte näherzubringen. Anhand der wenigen erhaltenen Baudenkmäler ist das bislang kaum möglich. Für die Archäologen bietet sich mit dieser Art von Öffentlichkeitsarbeit auch die Möglichkeit, für sich und ihre Aufgaben während einer Großveranstaltung zu werben. Somit wird die Grabung „zum Teil der Landesgartenschau und gehört vielleicht sogar zu einer ihrer Attraktionen“, hofft die Bürgermeisterin.

          Am Anfang eine Wasserburg

          In der Nähe des Kirchenplatzes und des benachbarten Marktplatzes befand sich die Wiege der mittelhessischen Stadt. Die Grafen von Gleiberg errichteten um die Mitte des 12. Jahrhunderts am Ostufer der Lahn eine kleine Burg. Im Zusammenhang mit dieser Befestigung wird Gießen erstmals urkundlich erwähnt, denn um die Wasserburg entstand eine Siedlung, in der sich nach und nach dörfliches und dann städtisches Leben entfaltete.

          Größere, repräsentative Bauten wie Wehrhof und Gotteshaus entstanden am Rande des heutigen Kirchenplatzes. Durch Schenkungen von Ländereien und Handel ging es mit Gießen bergauf, was sich nicht zuletzt in Umbau und Erweiterung des Andachtsgebäudes zu einem stattlichen Sakralbau im 14. Jahrhundert manifestierte.

          Um diese Kirche herum gruppierten sich Wohn- und Geschäftshäuser. Wegen Baufälligkeit ließ die Stadt den gotischen Kirchenbau im 19. Jahrhundert bis auf den Turm abbrechen. Das spätmittelalterliche Kirchenschiff ersetzte ein großzügiger klassizistischer Bau, der nahezu das gesamte Gelände des Platzes beanspruchte. Als das alte Gießen gegen Ende des Zweiten Weltkriegs im Bombenhagel unterging, blieb von der Stadtkirche nur der Turmstumpf erhalten. Er wurde nach provisorischer Instandsetzung kurz nach dem Krieg in den achtziger Jahren einschließlich der Rekonstruktion seiner charakteristischen Barockhaube wiederhergestellt. Mit Grünfläche und Parkplätzen wirkte der Kirchenplatz gleichwohl wenig attraktiv, bis die Stadt dieses Areal in den neunziger Jahren zu einem Treffpunkt und Veranstaltungsort herrichten ließ.

          Außengastronomie plus Fontänenfeld

          Die Pläne für eine weitere Aufwertung sehen vor, den Schotterrasen, der sich bei Veranstaltungen als unzulänglich erwiesen hat, durch Basaltpflastersteine zu ersetzen. Quader zeichnen den Grundriss des früheren Kirchenschiffs in der Mitte des Platzes nach. Gesäumt wird die Fläche, wo künftig noch mehr kulturelle Darbietungen stattfinden sollen, von Bauminseln. Unter dem Grün lässt die Stadt Sitzecken und Bänke nach dem Vorbild früherer Dorfplätze aufstellen.

          Geplant ist zudem, in der Verlängerung zum Stadtkirchenturm Außengastronomie zu etablieren. Ein Fontänenfeld sowie Bodenscheinwerfer runden das Konzept ab. Der Umbau soll im übernächsten Frühjahr beginnen und bis Ende 2015 oder Anfang des Jahres 2016 abgeschlossen werden.

          Quelle: F.A.Z.

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