Berge und Seen - Mathias Fischer gerät ins Schwärmen, wenn er über die Vorzüge von Gmunden in Oberösterreich spricht. Sie ließen den neuen Basketballtrainer der Gießen 46ers, der als Headcoach des Jahres aus der Alpenrepublik kommt, in den vergangenen drei Jahren zu einem begeisterten Mountainbikefahrer und Schwimmer werden. Die Universitätsstadt in Mittelhessen bietet ihm diese Naturerlebnisse nicht. „Aber hier gibt es ohnehin viel mehr zu tun“, sagte er am Donnerstag dieser Zeitung. Beim einzig verbliebenen Gründungsmitglied der Liga, das nur durch eine Wildcard der Spielklasse erhalten bleibt, übernimmt der Einundvierzigjährige auch das Amt des Sportdirektors. Eine Anforderung, die er an seinen neuen und noch zu findenden Assistenten stellt, sagt einiges über die ihm bevorstehende Arbeit aus. „Die Person muss belastbar sein.“
Fischer, der in Cosel in Polen geboren wurde und in Gießen einen Einjahresvertrag bekommen hat, ist mit Leidenschaft Trainer. Sie ist ein Grund, warum er mit Gmunden seit 2009 sieben Titel (darunter eine Meisterschaft und drei Pokalsiege) holte. Kein Wunder, dass der Klub nicht erfreut war, als der frühere luxemburgische Nationaltrainer seine Ausstiegsklausel zum 30. Juni nutzte. „Andererseits sind wir auch stolz, dass Mathias, der als No Name an den Traunsee gekommen ist, nun in die starke deutsche Bundesliga transferiert wurde“, teilte Harald Stelzer, der Sportliche Leiter der „Swans“, mit. Für Fischer geht ein Traum in Erfüllung. In Deutschland war er bisher nur Assistenztrainer - in Hagen (2003/2004) und ein Jahr später in Köln. Dort wohnte er als Gegner der bislang letzten Sternstunde des Gießener Basketballs bei: Nicht der große Favorit aus dem Rheinland, sondern Gießen zog schließlich in das Halbfinale um die deutsche Meisterschaft ein. In den Jahren danach hatte der Traditionsverein dann vor allem mit wirtschaftlichen und sportlichen Problemen zu kämpfen. Zweimal rettete ihn nur eine kostspielige Wildcard vor dem erstmaligen Abstieg.
Erste Trainerstation war Frauenmannschaft
„Gießen wird für mich die größte Herausforderung“, sagt Fischer. Zum einen muss er eine neue Mannschaft zusammenstellen. Den Regeln entsprechend haben sechs deutsche Spieler einem zwölf Mann starken Kader anzugehören. Die 46ers aber nehmen spät die Suche auf. Dass ihr Budget außerdem begrenzt ist, macht die Sache noch schwieriger. „Ich schaue nach deutschen Spielern aus der zweiten und dritten Reihe“, sagt der Trainer deswegen. Anschließend will er die Profis aus dem Ausland verpflichten. Kontinuität war ihm schon immer wichtig. Doch gerade in Gießen wechselten die Spieler in den zurückliegenden Jahren oft. So litt auch die Identifikation der Anhänger mit der Mannschaft. „Die Teams aus der oberen Tabellenhälfte haben ein Grundgerüst. Das fehlt hier.“ Auch bei der Nachwuchsarbeit möchte Fischer den fünfmaligen deutschen Meister voranbringen. Er fragt: „Wo sind die Eigengewächse?“ Und weiter: „Wo ist der Bruch in den Strukturen?“ In Gmunden ließ der ehemalige Bonner Zweitligaspieler die U-22-Mannschaft Spielsysteme des Erstligateams übernehmen, damit die Talente jederzeit bei den Profis mittrainieren konnten. Das ist ihm Vorbild genug, das System auf die Gießener zu übertragen. Wie in Gmunden, wo er „als Ausländer“ behandelt worden sei, steht Fischer als Ansprechpartner jedem zur Verfügung.
Seine erste Trainerstation war die Frauenmannschaft der BG Rentrop Bonn. Dort profitierte er vom Fachwissen zweier namhafter Spielerinnen: der 400maligen kanadischen Nationalspielerin Anna Stammberger sowie der 200maligen russischen Auswahlspielerin Irina Minch, die in Barcelona die olympische Goldmedaille gewann. Weil Fischer, der an der Sporthochschule in Köln studierte, von seinen Spielern eine aggressive Verteidigung verlangt und dafür eine gute Kondition erforderlich ist, wartet auf seine Mannschaft eine harte Saisonvorbereitung. „Mit seiner Art passt Mathias Fischer absolut in die Region“, findet 46ers-Geschäftsführer Heiko Schelberg. Abermals erlebt Gießen einen Neuanfang. Diesmal soll er mit Nachhaltigkeit verbunden sein.