Home
http://www.faz.net/-gzg-ov7g
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Gesundheit Aus dem Raum Frankfurt zur Bypass-Operation nach Rotenburg

09.05.2004 ·  Bis nach Rotenburg an der Fulda wird der knapp Siebzigjährige für eine Bypass-Operation geschickt, weil es in Wohnortnähe keinen Platz für ihn gibt. Die Ehefrau, die ihren Mann gerne täglich besuchen würde, ist verzweifelt.

Artikel Lesermeinungen (0)

Bis nach Rotenburg an der Fulda wird der knapp Siebzigjährige für eine Bypass-Operation geschickt, weil es in Wohnortnähe keinen Platz für ihn gibt. Die Ehefrau, die ihren Mann gerne täglich besuchen würde, ist verzweifelt. Wie soll sie ohne Führerschein von Frankfurt nach Rotenburg kommen? Allein für eine Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln braucht sie zwei Stunden mit Umsteigen in Fulda, was der älteren Frau obendrein schwerfällt.

Doch verglichen mit früher, als viele Patienten mangels Krankenhausbett für eine Herzoperation ins Ausland gebracht werden mußten, seien das "kleinere Leiden", sagt Martin Kaltenbach, Kardiologe und Mitbegründer der Deutschen Herzstiftung, die ihre Wurzeln in Frankfurt hat. Mitte und Ende der siebziger Jahre mußten Patienten in Hessen monatelang auf einen Herzeingriff warten, viele starben, bevor sie operiert werden konnten. "Das Gespenst vom Tod auf der Warteliste war Realität", so Kaltenbach. Diesen Mißstand zu beheben war eines der ersten Anliegen der vor 25 Jahren gegründeten Deutschen Herzstiftung, die am 14. Mai ihr Jubiläum in der Paulskirche in Frankfurt feiert.

Die ersten Aktivitäten der Organisation galten der Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärung, um die politisch Verantwortlichen zu einem Ausbau der Herzchirurgie zu bewegen. Auf die Erfolge der Bemühungen ist Kaltenbach stolz: "Heute ist die Krankenversorgung in Deutschland gut. Jede Herzkrankheit kann rechtzeitig diagnostiziert und, wenn nötig, behandelt werden." Gleichwohl bedauert der Professor, daß die überschuldete private Herzklinik in Frankfurt vor etwa anderthalb Jahren nach langwierigen Rechtsstreitigkeiten schließen mußte, Notfälle manchmal nur nach vielen Telefonaten untergebracht werden könnten und dann nicht unbedingt in Wohnortnähe.

Das für seine medizinische Qualität von allen Seiten gelobte private Herzzentrum war gescheitert, weil es nicht in den Bettenbedarfsplan des Landes aufgenommen worden war. Nach wie vor steht das hessische Sozialministerium auf dem Standpunkt, die herzchirurgischen Kapazitäten in Hessen reichten auch ohne diese Spezialklinik aus. Herzchirurgische Abteilungen gibt es derzeit in Frankfurt am Universitätsklinikum, in Bad Nauheim, Gießen, Kassel, Fulda, Marburg und Rotenburg an der Fulda. Damit würden mehr Betten angeboten, als für die Versorgung der Patienten in Hessen erforderlich seien, argumentiert ein Sprecher des Ministeriums. Das freilich bedeute nicht, daß zu einem bestimmten Zeitpunkt für einen Patienten ein Krankenhausbett in Wohnortnähe frei sei. Eine höchstmögliche Qualität gehe vor, und diese sei gewährleistet, so der Sprecher.

Auch für Kaltenbach sind die gegenwärtigen Bedingungen "hinnehmbar". In seinem Büro nahmen die Aktivitäten der Stiftung ihren Anfang. Denn Kaltenbach war der Motor. So trafen sich die Gründungsmitglieder in seinem Arbeitszimmer in der Kardiologie am Zentrum der Inneren Medizin des Frankfurter Universitätsklinikums, die er bis zu seiner Emeritierung 1993 rund 20 Jahre leitete. Hier befand sich auch zunächst die Geschäftsstelle, die damals aus zwei Mitarbeitern bestand.

Das wichtigste und größte Projekt der Deutschen Herzstiftung ist die "Herzwoche", die alle zwei Jahre Anfang November ausgerichtet wird und in deren Mittelpunkt die Aufklärung über den Herzinfarkt steht. Es ist maßgeblich das Verdienst dieser Aktion, daß die meisten Menschen inzwischen die Symptome des Infarktes kennen und auch wissen, daß im Notfall sofort die 112 zu wählen ist. Noch allerdings verhalten sich die meisten nicht entsprechend. Erst durchschnittlich 190 Minuten nach Auftreten der ersten Anzeichen kommen die Patienten in die Klinik.

Die Herzstiftung möchte diese Zeit durch gezielte Informationen der Bevölkerung auf zwei Stunden verkürzen, sagt der Vorstandsvorsitzende der Herzstiftung, Hans-Jürgen Becker. Denn die größten Verzögerungen hätten die Patienten zu verantworten. Viele verharmlosten ihren Zustand oder wollten niemanden stören. Diese Hemmschwellen sollten durch Aufklärung abgebaut werden, so der Professor. Kaltenbach, heute Ehrenmitglied im Vorstand der Stiftung, ergänzt: "Unser Ziel ist der mündige Patient. Denn er kann besser mit Krankheit umgehen."

Eine herausragende Rolle spielt für die Herzstiftung die Vorbeugung bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das Rauchen als Hauptrisikofaktor zu bekämpfen ist Kaltenbach ein besonderes Anliegen. So galt das größte Präventionsprojekt der Organisation, die heute ihren Sitz in Frankfurt an der Vogtstraße hat, 1991 dem Nichtrauchen. Damals erhielten 3000 Haupt- und Realschüler sowie Gymnasiasten im Rhein-Main-Gebiet zwischen zwölf und 13 Jahren vier Doppelstunden Unterricht von Ärzten, die die Herzstiftung finanzierte.

"Den jungen Leuten wurde nicht gesagt, Rauchen sei schädlich. Das weiß sowieso jeder", berichtet Kaltenbach, der Mitte April mit dem höchsten Preis der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie-Herz-Kreislaufforschung ausgezeichnet wurde. Den Jugendlichen sei vielmehr vermittelt worden, sie müßten sich nicht zum Rauchen überreden, sie sollten ihren eigenen Willen durchsetzen. Bei der Nachuntersuchung vier Jahre später seien unter ihnen 50 Prozent mehr Nichtraucher gewesen als sonst unter Gleichaltrigen. Gleichwohl ist Kaltenbach unzufrieden, denn Deutschland sei das Land mit den meisten nikotinabhängigen Mädchen in Europa, was er den Regierungen zum Vorwurf macht, die auf seiten der Zigarettenindustrie stünden.

Nach der Devise "Forschung ist die Medizin von morgen" fördert die Stiftung regelmäßig patientennahe, wissenschaftliche Untersuchungen. Und der wissenschaftliche Beirat mit 440 Herzchirurgen, Kardiologen. Kinderkardiologen, Flugmedizinern, Tauch- und Pharmaspezialisten leistet nicht nur Wertvolles im Hintergrund, sondern diese Fachleute leiten Arzt-Patienten-Seminare, halten Referate oder stehen während der Telefonsprechstunden Rede und Antwort - alles ehrenamtlich. Das nur für die 48000 Mitglieder der Herzstiftung in Deutschland gedachte Angebot ist sehr beliebt. So saßen kürzlich 13 Ärzte vier Stunden zwischen 16 und 20 Uhr am Telefon und waren ununterbrochen beschäftigt.

Weniger bekannt, aber unverzichtbar, ist das Engagement der Stiftung für Eltern herzkranker Kinder. Auch ihnen stehen Experten mit Rat und Tat zur Seite. Und die meist überbehüteten Mädchen und Jungen sind überaus froh, wenn sie mal ohne Mama und Papa verreisen dürfen. Auch das macht die Stiftung möglich, zum Beispiel, indem Kinderkardiologen einen Segeltörn auf der Ostsee begleiten.

BRIGITTE ROTH

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Perspektivlosigkeit ist Gift

Von Rainer Schulze

Die Zukunft der Wohnungsbaugesellschaft Nassauische Heimstätte ist unklar. Das Land will sich von der Beteiligung trennen - Frankfurt hat die Hand gehoben. Eine Entscheidung tut not. Mehr