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Andreas Maier liest : Geschichten von der Apfelweinglückseligkeit

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Schwärmt von Samstagen in uralten Gaststuben: Autor Andreas Maier Bild: Frank Röth

Wo liegt Frankfurts schickste Apfelweinwirtschaft? Andreas Maier liest in der Frankfurter Galerie Brauchbachfive und schwärmt von Samstagen in uralten Gaststuben.

          Frankfurts schickste Apfelweinwirtschaft war vorübergehend die Galerie Braubachfive. Der nüchterne Ausstellungsraum hat sich in eine gemütliche Gaststube verwandelt. Der Brezelbub verkauft aus dem Weidenkorb seine Ware, auch Kokosmakronen und Schinkenstangen. Auf Holzklappstühlen drängt sich das Publikum rund um ein improvisiertes Frankfurter Wohnzimmer mit Bembeln, Blumenschmuck und Biedermeierstühlen. Über der bürgerlichen Idylle schwebt eine Lampe aus einem Gerippten. Die Bembel sind keine Attrappen, sondern gut gefüllt mit bestem Apfelwein.

          Andreas Maier liest in dieser wohligwarmen Atmosphäre aus seinen Werken über sein liebstes Getränk. Der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller aus Bad Nauheim, der mittlerweile in Hamburg lebt, aber der Stadt Frankfurt und besonders Sachsenhausen tief verbunden ist, kann ohne Ebbelwei nicht sein. Getreu dem Motto „Trink Apfelwein täglich, keine Krankheit quält dich!“. Die Galerie platzt aus allen Nähten, per Lautsprecheranlage wird die Lesung in den Hinterhof und auf die Braubachstraße übertragen.

          Frankfurter Würstchen mit Kraut

          Maier trägt Texte vor, die er für Zeitungen und Zeitschriften verfasst hat. Er schwärmt davon, wie man in der Stadt am Main samstags in uralten Gaststuben sitzt, bei Rippchen oder Frankfurter Würstchen mit Kraut, und die sozialen Grenzen beim Apfelwein keine Rolle mehr spielen. Zusammen einen Schoppen zu petzen sei anders als gemeinsam Wein oder Bier zu trinken. Wein mache geschwätzig, Bier bisweilen aggressiv. Apfelwein aber rege stets zu einem gepflegten Gespräch an - oder zu beredtem Schweigen.

          Die Traditionsgasthäuser Sachsenhausens - „sozusagen die Kleinseite der Stadt, das Frankfurter Trastevere“ - wie die „Buchscheer“, die an diesem Abend das Stöffche gratis ausschenkt, das „Gemalte Haus“ oder die Schoppewirtschaft „Zu den drei Steubern“ sind Fixpunkte in Maiers Apfelweinwelt. Maier erzählt, wie er in der „Buchscheer“ von Udo Jürgens Tod erfahren hat, seinem großen Idol. Wie von allen Beteiligten ein Leuchten ausgeht im Apfelweinlokal. Wie er auf dem Heimweg einen vollen Fünf-Liter-Kanister an seinen Fahrradlenker gehängt hat und seither eine sieben Zentimeter lange Narbe über dem Auge trägt. Und von der fiktiven Keltererfamilie Maiwald, die in seinem Roman „Das Zimmer“ im Jahr der Mondlandung ihre Äpfel erntet.

          Der Geist des Apfelweins

          Draußen auf der Braubachstraße rauschen die Straßenbahnen vorbei. Eine kühle Brise zieht durch die Tür. Zurzeit wird in der Galerie die Schau „Frankfurt, Deine Künstler“ mit Bildern aus der Geschichte der Stadt und zeitgenössischen Gemälden gezeigt. Die „Frau am Tisch“ von Karl Tratt aus dem Jahr 1934 prangt über den Köpfen der Zuhörer. Das Bild ist in Davos entstanden, nach einer Begegnung mit Ernst Ludwig Kirchner. Tratt war einer von drei Meisterschülern Max Beckmanns.

          Fotografien aus der Nachkriegszeit sind zu sehen, darunter Werke des früheren F.A.Z.-Fotografen Lutz Kleinhans. Außerdem unter anderem zauberhafte Porzellanarbeiten von Caro Suerkemper. Zwischen all dem Lokalkolorit liest Maier, als wäre er daheim bei Freunden. Und plötzlich ist sie da, diese Apfelweinglückseligkeit. Die Temperatur in der Galerie steigt, der Geist des Apfelweins beginnt zu wirken, ein säuerlicher Duft liegt in der Luft. Und der Künstler sagt: „Jetzt erholen Sie sich und trinken Sie was. Zum Wohl!“

          Die Ausstellung „Frankfurt, Deine Künstler“ ist bis zum 15. August in der Galerie Braubachfive, Braubachstraße 5, zu sehen.

          Quelle: F.A.Z.

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