Irgendjemand muss Christian Barthelmes vor einiger Zeit als „Volkstribun“ bezeichnet haben. Das hat den Vorsitzenden des Gesamtpersonalrats der Stadt so genervt, dass er gleich am Anfang des Gesprächs erzählt, wie sehr ihn das genervt hat. Tatsächlich passt der Titel nicht gut zu dem 51Jahre alten Franken: Zum einen ist Barthelmes kein politischer Amtsträger, zum anderen ist er nicht unbedingt der Typ für laute Reden vor Tausenden Menschen.
Dafür weiß er ein paar tausend Stimmen hinter sich. Im Mai ist Barthelmes als oberster Personalvertreter der mehr als 10.000 städtischen Beamten und Angestellten wiedergewählt worden. Für weitere vier Jahre wird er deren Interessen gegenüber dem Dienstherrn, der Stadt, vertreten. Seine Verdi-Liste holte 17 der 23 Plätze im Gesamtpersonalrat. Ohne Barthelmes wird in Personalfragen wenig entschieden. Als mächtigen Mann würde sich der parteilose Gewerkschafter trotzdem nicht bezeichnen. Zumindest nicht öffentlich. Er sagt lediglich, dass er seit der Wiederwahl recht entspannt in sein Büro im Erdgeschoss des Römer geht.
Vom eigentlichen Job freigestellt
Dort döst in einem Korb „Zora“, eine Deutsch-Kurzhaar-Hündin. Gemeinsam mit dem 14Jahre alten Tier gehört Barthelmes zu der etwa 25Mitglieder starken Rettungshundestaffel der Frankfurter Feuerwehr. Auch seine Frau zählt mit einem eigenen Hund zu den freiwilligen Helfern, die etwa 15Einsätze im Jahr bewältigen. „Alles andere wäre blöd, weil wir uns sonst kaum noch sehen würden.“
Für seine Aufgabe im Gesamtpersonalrat wird Barthelmes von seinem eigentlichen Job in der Verwaltung - er ist Sachgebietsleiter im Palmengarten - freigestellt. Finanziell bessergestellt wird er nicht, das regelt das Begünstigungsverbot. Mit Stellvertreterin Mathilde Meyer und drei weiteren, nicht gewählten Mitarbeitern bildet er die Geschäftsstelle für alle übergeordneten Personalthemen. Immer wenn mindestens zwei Ämter oder Institutionen der Stadt beteiligt sind, kommt der Gesamtpersonalrat ins Spiel. Darüber hinaus gibt es mehr als 20Personalräte, die sich in kleineren Verwaltungseinheiten um Einzelfragen kümmern.
„Hart in der Sache bleiben“
Trotzdem kommen Mitarbeiter regelmäßig auch zu ihm, um sich zum Beispiel Rat in einem Streit mit dem Dienstherrn zu holen. „Schlichten ist eine wesentliche Aufgabe“, sagt Barthelmes. Darüber hinaus ist das Gremium vor allem „für die Meta-Ebene zuständig“: das Leistungsentgelt zum Beispiel, die Beurteilungsrichtlinie und - nicht zuletzt - das Aushandeln neuer Dienstvorschriften, kurz DV.
In solchen Verhandlungsrunden sollte man Barthelmes nicht unterschätzen. Die freundlichen Augen, das lockere Jeans-Outfit, das Lächeln - wer als Gegenspieler nicht aufpasst, könnte sich im Anschluss erst über ein angenehmes Gespräch freuen und sich wenig später fragen, warum er diesen und jenen Mehrkosten und Zusatzleistungen eigentlich zugestimmt hat. „Gut verhandeln, ordentlich kommunizieren, respektvoll miteinander umgehen, hart in der Sache bleiben“, so fasst er seine Strategie zusammen.
Der Vorsitzende will nicht als eitel gelten
Dabei ist es ihm nach eigenen Worten egal, welchen Personaldezernenten der Dienstherr schickt. In den vergangenen Jahren habe er sowohl mit den CDU-Stadträten Boris Rhein und Markus Frank wie auch mit der Grünen-Politikerin Manuela Rottmann vernünftig verhandeln können. „Wir kommen mit jedem klar“, sagt Barthelmes, „und das mit dem größten Vergnügen.“ Die nunmehr vierte Personaldezernentin seiner Amtszeit, Rosemarie Heilig von den Grünen, wird das bestimmt auch bald feststellen. Auch bei ihr wird Barthelmes sicher versuchen, „die weichen Stellen des Gegenüber zu kennen und für sich zu nutzen“.
Der Vorsitzende will nicht als eitel gelten, aber seine Mitstreiter und er haben seit 2008 eine ganze Menge für die Mitarbeiter erreicht, wie er findet. So habe die Stadt in einer Dienstvereinbarung von August 2011 schriftlich zugesichert, bis einschließlich 2018 keine betriebsbedingten Kündigungen auszusprechen. Außerdem werden bis dahin alle Auszubildenden unbefristet übernommen; auch das Job-Ticket der Mitarbeiter bleibt in den nächsten sechseinhalb Jahren erhalten. „Darauf sind wir stolz, weil wir das so gerade noch in einer Zeit geschafft haben, in der noch nicht so viel über Konsolidierung gesprochen worden ist.“
Angela Merkel schüttelte er die Hand
Die Verwaltung sieht Barthelmes „an der Grenze der Belastbarkeit“. Statt 17.500 Stellen im Jahr 1993 zähle sie bloß noch 7500. Außerdem machten die Personalkosten nur 17 Prozent des Ergebnishaushalts aus, damit liege Frankfurt im Vergleich zu anderen Großstädten „ganz unten“. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass seit 1993 sehr viele Stellen nicht gestrichen, sondern in städtische Gesellschaften verlagert wurden, deren Mitarbeiter der Gesamtpersonalrat, anders als jene der Eigenbetriebe, nicht mehr vertritt. Und auch der Personalkostenanteil ist höchstens relativ betrachtet gering. Denn in der nach wie vor steuerstarken Stadt Frankfurt umfasst ein 17-Prozent-Anteil absolut gesehen viele Millionen Euro mehr als anderswo ein 30-Prozent-Anteil. Barthelmes weiß das natürlich, aber er sieht keinen Grund, es von sich aus preiszugeben. Spricht man ihn darauf an, lehnt er sich zurück, lächelt und sagt: „Unsere Verwaltung ist auch besser als anderswo.“
In einer Ecke des Büros hängt ein Bild. Es zeigt Barthelmes im Sonnenschein, als Hundeführer der Rettungsstaffel. Das Foto ist schon ein paar Jahre alt, aufgenommen wurde es im Kloster Seligenstadt. Der Vorsitzende des Gesamtpersonalrats der Stadt schüttelt darauf Angela Merkel die Hand. Aber das soll eigentlich nicht erwähnt werden. Damit Barthelmes demnächst nicht auch noch als CDU-naher Volkstribun bezeichnet wird.