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„Genannt Gospodin“ im Schauspielhaus : Parforceritt durch eine surreale Gegenwelt

Eher Zitat als Spiel und alles übertrieben: „Genannt Gospodin“. Bild: Karolin Back

In Philipp Löhles Stück „Genannt Gospodin“ wird die Realität ausgeblendet, der Bezug zur Wirklichkeit verschwindet. Stattdessen kommt antikapitalistischer Sehnsuchtssound zu Tage.

          Drei vermummte Gestalten treten auf wie eine Rock-Band, rufen „Hallo Frankfurt“ und greifen ohne Zögern zu Elektrogitarre, Trommelschlägeln und Tasteninstrument. Während einer vorn theatralisch ein paar Akkorde erzeugt, agieren die beiden anderen hinter mischpultartigen Aufbauten mit den leuchtenden Großbuchstaben „Go“. All dies dient der Einführung des Antihelden, des jugendlichen Außenseiters, des Rebellen, den man sich in utopieresistenten Zeiten nur als Pop-Star vorstellen kann. So zieht sich die Musik durch die gesamte Inszenierung von Philipp Löhles Stück „Genannt Gospodin“, das aus dem Jahr 2007 stammt und jetzt in der „Box“ des Frankfurter Schauspielhauses Premiere hatte.

          Das Theater geht nicht über das Theater hinaus

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Wegen der intimen Größe dieser Spielstätte wirkt der Auftritt der Akteure als Spitzen-Band, die zudem lauter Bombast-Titel wie „The Final Countdown“ im Programm hat, reichlich deplaziert. Die Atmosphäre ist die eines Clubs und hat wenig zu tun mit einer Rock-Arena. Dass sich die drei dennoch so benehmen, als gehe es hier um die ganz große Show, obwohl auch die bescheidenen Requisiten und ihr Outfit eine andere Sprache sprechen, muss man freilich als Element der Deutung verstehen, mit der Regisseurin Roscha A. Säidow das Stück nahezu umgekrempelt hat. Die Realität wird ausgeblendet. Jeder Wirklichkeitsbezug verschwindet. Das Theater geht über das Theater nicht hinaus. Die Regisseurin weigert sich, eine geradlinige Geschichte zu erzählen, die Entwicklung von Personen zu zeigen, eine Spannung aufzubauen.

          Selbst der Streit zwischen Gospodin und seiner Freundin Annette wird eher zitiert als gespielt. Christian Erdt, Mario Fuchs und Daniel Rothaug haben keine bestimmte Rolle. Mal sind sie Gospodin, mal die Menschen aus seiner Umgebung, mal der Erzähler, mal die Band-Mitglieder. Die Übertreibung ist ein wesentliches Stilmittel. Und das Absurde des Textes ist nicht nur irritierende Beigabe, das ganze Stück wird vielmehr zu einer surrealen Veranstaltung. Wodurch es ungemein gewinnt. Womöglich kann man es gar nicht anders aufführen, ohne in eine Art thesenhaften Boulevard zu verfallen.

          Antikapitalistischer Sehnsuchtssound

          Hier redet kein Einzelner, ein Kollektiv kommt zu Wort und artikuliert einen antikapitalistischen Sehnsuchtssound. Die Form dafür könnte ein Rock-Musical sein, doch im kleinen Raum der „Box“ bleibt es eine Farce. Eine mit Tempo. Mit viel Witz. Ein Parforceritt durch eine Gegenwelt, die Gospodin entwirft. Er propagiert Nichtstun und Nichtbesitz. Das wenige, das er hat, überlässt er den Freunden, was Annette rasend macht und sie dazu veranlasst, die Beziehung zu beenden. Dass ausgerechnet über Gospodin, der ohne Geld lebt, später Scheine regnen, ist eine von zahlreichen grotesken Wendungen dieses Abends. Auch das Lama, das Greenpeace ihm weggenommen hat, weil er es nicht artgerecht in einem Keller hielt, ist eine hübsche Erfindung. Das Tier diente ihm als Streichelgeschöpf in der Fußgängerzone zum Broterwerb.

          Als Konsequenz aus dem Verlust seiner Existenzgrundlage lebt er forthin noch radikaler: frei von Entscheidungen. Am Ende findet er das wahre Glück hinter Gefängnismauern. Dort kann er jede Verantwortung abgeben. Die Schauspieler aber verabschieden sich als Rock-Musiker. Die Show geht weiter, anderswo. Alle sind irgendwie Gospodin. Natürlich nicht in Wirklichkeit.

          Nächste Vorstellung Donnerstag, 20. Dezember, um 20 Uhr.

          Quelle: F.A.Z.

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