Home
http://www.faz.net/-gzg-7574c
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 19.12.2012, 13:00 Uhr

„Genannt Gospodin“ im Schauspielhaus Parforceritt durch eine surreale Gegenwelt

In Philipp Löhles Stück „Genannt Gospodin“ wird die Realität ausgeblendet, der Bezug zur Wirklichkeit verschwindet. Stattdessen kommt antikapitalistischer Sehnsuchtssound zu Tage.

© Karolin Back Eher Zitat als Spiel und alles übertrieben: „Genannt Gospodin“.

Drei vermummte Gestalten treten auf wie eine Rock-Band, rufen „Hallo Frankfurt“ und greifen ohne Zögern zu Elektrogitarre, Trommelschlägeln und Tasteninstrument. Während einer vorn theatralisch ein paar Akkorde erzeugt, agieren die beiden anderen hinter mischpultartigen Aufbauten mit den leuchtenden Großbuchstaben „Go“. All dies dient der Einführung des Antihelden, des jugendlichen Außenseiters, des Rebellen, den man sich in utopieresistenten Zeiten nur als Pop-Star vorstellen kann. So zieht sich die Musik durch die gesamte Inszenierung von Philipp Löhles Stück „Genannt Gospodin“, das aus dem Jahr 2007 stammt und jetzt in der „Box“ des Frankfurter Schauspielhauses Premiere hatte.

Das Theater geht nicht über das Theater hinaus

Michael Hierholzer Folgen:

Wegen der intimen Größe dieser Spielstätte wirkt der Auftritt der Akteure als Spitzen-Band, die zudem lauter Bombast-Titel wie „The Final Countdown“ im Programm hat, reichlich deplaziert. Die Atmosphäre ist die eines Clubs und hat wenig zu tun mit einer Rock-Arena. Dass sich die drei dennoch so benehmen, als gehe es hier um die ganz große Show, obwohl auch die bescheidenen Requisiten und ihr Outfit eine andere Sprache sprechen, muss man freilich als Element der Deutung verstehen, mit der Regisseurin Roscha A. Säidow das Stück nahezu umgekrempelt hat. Die Realität wird ausgeblendet. Jeder Wirklichkeitsbezug verschwindet. Das Theater geht über das Theater nicht hinaus. Die Regisseurin weigert sich, eine geradlinige Geschichte zu erzählen, die Entwicklung von Personen zu zeigen, eine Spannung aufzubauen.

Selbst der Streit zwischen Gospodin und seiner Freundin Annette wird eher zitiert als gespielt. Christian Erdt, Mario Fuchs und Daniel Rothaug haben keine bestimmte Rolle. Mal sind sie Gospodin, mal die Menschen aus seiner Umgebung, mal der Erzähler, mal die Band-Mitglieder. Die Übertreibung ist ein wesentliches Stilmittel. Und das Absurde des Textes ist nicht nur irritierende Beigabe, das ganze Stück wird vielmehr zu einer surrealen Veranstaltung. Wodurch es ungemein gewinnt. Womöglich kann man es gar nicht anders aufführen, ohne in eine Art thesenhaften Boulevard zu verfallen.

Antikapitalistischer Sehnsuchtssound

Hier redet kein Einzelner, ein Kollektiv kommt zu Wort und artikuliert einen antikapitalistischen Sehnsuchtssound. Die Form dafür könnte ein Rock-Musical sein, doch im kleinen Raum der „Box“ bleibt es eine Farce. Eine mit Tempo. Mit viel Witz. Ein Parforceritt durch eine Gegenwelt, die Gospodin entwirft. Er propagiert Nichtstun und Nichtbesitz. Das wenige, das er hat, überlässt er den Freunden, was Annette rasend macht und sie dazu veranlasst, die Beziehung zu beenden. Dass ausgerechnet über Gospodin, der ohne Geld lebt, später Scheine regnen, ist eine von zahlreichen grotesken Wendungen dieses Abends. Auch das Lama, das Greenpeace ihm weggenommen hat, weil er es nicht artgerecht in einem Keller hielt, ist eine hübsche Erfindung. Das Tier diente ihm als Streichelgeschöpf in der Fußgängerzone zum Broterwerb.

Mehr zum Thema

Als Konsequenz aus dem Verlust seiner Existenzgrundlage lebt er forthin noch radikaler: frei von Entscheidungen. Am Ende findet er das wahre Glück hinter Gefängnismauern. Dort kann er jede Verantwortung abgeben. Die Schauspieler aber verabschieden sich als Rock-Musiker. Die Show geht weiter, anderswo. Alle sind irgendwie Gospodin. Natürlich nicht in Wirklichkeit.

Nächste Vorstellung Donnerstag, 20. Dezember, um 20 Uhr.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Adnan Maral spielt Kleist Wir sind Kohlhaas

Nach etlichen Jahren Theaterabstinenz steht Adnan Maral wieder auf einer Bühne, in Frankfurt, wo der Star aus Türkisch für Anfänger einst als Schüler zu spielen begann. Maral erzählt von Michael Kohlhaas. Mehr Von Eva-Maria Magel

01.02.2016, 12:30 Uhr | Rhein-Main
Theater 90-jährige Holocaust-Überlebende auf Berliner Tanzbühne

Eva Fahidi hat den Holocaust überlebt. Wie mutig diese Frau ist, zeigt sie gemeinsam mit ihrer Tanzpartnerin Emese Cuhorka bei dem biografischen Tanztheaterstück Sea-Lavender oder die Euphorie des Seins, das im Berliner Theater im Aufbau in Kreuzberg Premiere feiert. Mehr

24.01.2016, 11:54 Uhr | Gesellschaft
Geänderte Olympianormen Die Entdeckung der Lockerheit

Der deutsche Leichtathletik-Verband gleicht seine Olympia-Normen nach unten an. Viele Sportler profitieren davon. Doch was ist der wahre Grund für die Senkung? Mehr Von Michael Reinsch

27.01.2016, 18:15 Uhr | Sport
Rock- und Poplegende gestorben David Bowie ist tot

Der Rockmusiker starb nach Angaben eines Sprechers an Krebs. Bowie wurde 69 Jahre alt. Erst in der vergangenen Woche war das neue Bowie-Album herausgebracht worden. Sein 25. Studioalbum Blackstar erschien an seinem 69. Geburtstag. Mehr

11.01.2016, 14:53 Uhr | Feuilleton
Zum Tod von Paul Kantner Rock unter Kontrolle

Er war der Gitarrist und Songschreiber bei Jefferson Airplane und überlebte die achtziger Jahre mit eher mittelmäßiger Musik. Jetzt ist Paul Kantner, dem gerade der Ehren-Grammy zugesprochen wurde, gestorben. Mehr Von Edo Reents

29.01.2016, 16:01 Uhr | Feuilleton

Pflicht zur Information

Von Ralf Euler

Vertuscht Hessens Polizei gezielt Straftaten von Flüchtlingen? Eine Reihe von Fällen erweckt diesen Eindruck. Den Finger in die Wunde zu legen, ist hilfreich. Mehr 51

Abonnieren Sie unsere Rhein-Main Newsletter

  • Newsletter auswählen

    Newsletter auswählen