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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Geistliche Betreuung Mit dem Heiligen Geist durchs Bahnhofsviertel

 ·  Die Löwe-von-Juda-Gemeinde kümmert sich um Obdachlose und Prostituierte aus der Gegend um die Kaiserstraße. „Gott hat hier einen Plan mit uns“, sagt die Pastorin.

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„Genesis 1:8: And there was evening and there was morning, a second day.“ Der Vers aus der biblischen Schöpfungsgeschichte flimmert auf dem Computerbildschirm vor Alice Van Menxel. Von draußen dringen Schreie durch das angelehnte Bürofenster. „Die sind wie Tiere“, sagt die zierliche Frau mit dem pechschwarzen Pagenschnitt und seufzt. „Gegen Monatsende, wenn ihr Geld für Drogen knapp wird, werden sie aggressiver, schlagen sich vor unserer Haustür.“ Van Menxel ist Pastorin der Löwe-von-Juda-Gemeinde, einer evangelikalen Freikirche im Bahnhofsviertel. Die Gemeinderäume liegen an der Niddastraße oberhalb eines Druckraums, eines Treffpunkts für Abhängige, in dem sie sich unter Aufsicht mit sauberen Spritzen Drogen verabreichen können.

Van Menxel ist überzeugt davon, dass die Geschichte ihrer Gemeinde „unter der Leitung des Heiligen Geistes steht“. Am deutlichsten wird das in den Gottesdiensten, die sie feiert. Dort wird gesungen, geklatscht, gejubelt und getanzt, manchmal auch geweint. Die Betenden heben die Hände in die Luft oder knien auf dem Boden, wie es aus anderen evangelikalen Gemeinden bekannt ist, deren Mitglieder sich im direkten Kontakt mit dem Heiligen Geist glauben. Manche beginnen im Gebet krampfartig zu zucken, andere fallen wie leblos zu Boden. „Unsere Gemeinde ist aber keine Sekte, nur eben lebendiger als traditionelle Gemeinden“, sagt die Pastorin.

An Heiligabend geboren

In offiziellen Anträgen an die Stadt spielt das freilich keine Rolle. In ihnen hebt Van Menxel die Sozialarbeit der 100Mitglieder zählenden Gemeinde hervor: ein Café für Bedürftige an vier Tagen in der Woche, die samstägliche Essensausgabe samt Kleiderspenden am Kaisersack und ein Brunch für Prostituierte einmal im Monat. Die Pastorin hat keinen Zweifel an ihrem Auftrag. Nicht nach all dem, was sie erlebt hat.

Alice Van Menxel wurde an Heiligabend 1945 in Belgien geboren. Ihre Jugend verbrachte sie in der Hamburger Künstlerszene der sechziger und siebziger Jahre. Eine Zeit der wilden Partys, der freien Liebe und politischen Umwälzungen. Viele junge Menschen waren auf der Suche. Auch Alice Van Menxel. Nach einer gescheiterten Beziehung, Alkoholexzessen und der ständigen Frage nach dem Sinn des Lebens erlebte sie im Alter von 28Jahren, was sie heute als „Wiedergeburt“ beschreibt: der Moment, in dem ihr Jesus begegnet sei, der Moment, der ihrem Leben eine Richtung gegeben habe.

Widrige Umstände

Von nun an entsagte Van Menxel „Bier und Babypille“ und begann, die Umkehr zum Glauben zu predigen. Zuerst auf einer Kiste am Hamburger Hauptbahnhof, von 1991 an als „Evangelistin“ für die christlich-missionarische Organisation „Jugend mit einer Mission“ im Frankfurter Bahnhofsviertel. Am Hauptbahnhof8, zwischen den Prostituierten im Obergeschoss und den Drogenabhängigen im Untergeschoss, legte sie den Grundstein für die Löwe-von-Juda-Gemeinde: einen wöchentlichen Gebetskreis für Junkies und Obdachlose in ihrem Wohnzimmer. Sie empfing Prostituierte zu Apfelkuchen mit Schlagsahne, betete für die „verlorenen Schafe“ und schleppte Thermoskannen mit heißem Kaffee zum Autostrich an die Weser- und die Elbestraße. Die Vermieterin, die Frau eines mutmaßlichen Kriminellen mit Waffenarsenal und Kampfhund, duldete die „Betschwester“.

Van Menxel glaubte schon damals an ihre Mission - trotz einer hohen Miete, die sie mit Spenden christlicher Gemeinden zahlte, trotz armseliger Wohnverhältnisse, trotz widriger Umstände. Ihre Gäste bestahlen sie, urinierten auf ihr Sofa. Sie ließ die Obdachlosen ihre Dusche benutzen und brachte die Abhängigen mit ihrem Auto zur Entzugsklinik, auch wenn sie die meisten wenig später wieder auf der Straße traf. Auf die Frage, ob sie nicht auch einmal Angst gehabt habe, zuckt sie mit den Schultern. „Ich hatte mehr Angst vor Ratten und Mäusen als vor den Menschen im Viertel. Zu einem übernatürlichen Auftrag gehört auch ein übernatürlicher Schutz.“

Kein Gespräch möglich wegen der Drogen

Für einige Zeit war der Gebetskreis dann in der Nähe des Römers angesiedelt. „Wir haben für Petra Roth und die politische Szene gebetet.“ Die Gemeinschaft wuchs, und nach der offiziellen Gemeindegründung im Jahr 2001 zog sie wieder ins Bahnhofsviertel zurück. „Gott hat hier einen Plan mit uns, dem wir folgen müssen“, sagt die Pastorin. Das Quartier, in das sie zurückkehrten, ist aber ein anderes als das der neunziger Jahre. Designhotels, Büros und Penthäuser haben es verändert. Auch die Drogenszene hat sich gewandelt. „Früher war es Heroin, dann Crack. Was die heute nehmen, kenne ich nicht mal mehr.“

Die Junkies vor der Tür erreichen die Gemeindemitglieder nicht mehr. Die meisten Abhängigen seien so voller Drogen, dass nicht einmal ein Gespräch möglich sei, berichtet Van Menxel. Ließ die Gemeinde die Haustür offenstehen, war das Treppenhaus voller Blut, Spritzen und Exkremente. Die Tür ist jetzt grundsätzlich geschlossen, auch Gemeindemitglieder müssen klingeln.

Prostituierte und Obdachlose stehen nun im Mittelpunkt

Die sozialen Dienste der Gemeinde richten sich seither kaum noch an Drogenabhängige. Nun stehen Prostituierte und Obdachlose im Mittelpunkt, „Menschen, die eine warme Mahlzeit, ein Gespräch oder einfach nur eine Umarmung brauchen.“ Das Küchenteam besteht aus Gemeindemitgliedern und 1,50-Euro-Jobbern. Lebensmittel bekommen sie von der Frankfurter Tafel. Jeder Besucher wird herzlich begrüßt, mit einem intensiven Blick, einem leichten Druck auf den Arm, einer warmen Hand auf der Schulter. Die Berührung ist Teil der Mission. „Viele von ihnen haben seit Jahren keine menschliche Wärme erfahren. Es ist unsere Aufgabe, den verlorenen Schafen hier eine Heimat zu geben.“

Die Heimat der Gemeinde hingegen sieht Van Menxel zukünftig am Westhafen, ohne das Café im Bahnhofsviertel aufzugeben. Seit vier Jahren erhalte sie Zeichen von Gott, bisher habe sich nichts ergeben. „Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben.“ Man möchte ihr gerne glauben. Wunder, das lehrt schließlich die Bibel, geschehen immer wieder. Wenn nicht heute, dann vielleicht morgen.

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