Solche Karrieren liebt die Öffentlichkeit. Wie jene von Julia Fischer, einer der markantesten Erscheinungen unter den jungen Geigerinnen auf internationalen Konzertpodien. Die Münchner Künstlerin mit slowakischen Wurzeln gewann im Alter von elf Jahren den Yehudi-Menuhin-Wettbewerb, gab ein Jahr später in Wien mit dem Beethoven-Konzert ihr Debüt und wurde mit dreiundzwanzig, da andere Talente erst über ihre Laufbahn nachzudenken beginnen, Professorin an der Frankfurter Musikhochschule; als jüngste seinerzeit in Deutschland. Das war vor sechs Jahren, und damals schien es, als würden die Julia Fischers überall nur so wie Pilze aus dem Bühnenboden schießen. Auf einmal war von Lisa Batiashvili und Hilary Hahn die Rede, von Chloë Hanslip und Alina Pogotskina, Sarah Chang, Baiba Skride, Janine Jansen. Alle jung, alle schön, alle hochbegabt: ein Medienereignis.
Die Phalanx schien immer größer zu werden und auch das Staunen über so viel Talent in einem solchen Alter. Wie kann jemand mit zwölf Jahren schon den knorrigen Beethoven verstehen und angemessen interpretieren? Wie schafft man es als Teenager, Bachs Solo-Sonaten und Partiten - den Mount Everest der Violinliteratur - ohne Sauerstoffmaske zu bezwingen und unbeschadet in die musikalische Wirklichkeit zurückzukehren? Dass neben großer Begabung auch glückliche Umstände, Disziplin und nochmals Disziplin, vor allem aber Fleiß dazu gehören - der Komponist Jaques Ibert sprach nicht umsonst von einem Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration als Mischungsverhältnis für geniale Taten -, war viel zu prosaisch für die Öffentlichkeit, als dass man sich mit einer solchen Erklärung begnügen wollte.
Das Fräuleinwunder
Julia Fischer ist heute achtundzwanzig Jahre alt und eine etablierte Künstlerin. Glücklicherweise für sie hat sich die Hysterie um ihre Person gelegt. Wer heute ihre Konzerte besucht, weiß, dass er einer außergewöhnlichen Künstlerin begegnet und ist möglicherweise nicht mehr so sehr fasziniert von Äußerlichkeiten. Und wer ihre Vita ein wenig genauer studiert, wird feststellen, dass auch ihre hohe Kunst nicht vom Himmel gefallen ist, dass sie bei ihrem frühen Debüt - wie alle großen Musiker - schon Hunderte Auftritte im engeren Familienkreis, bei privaten Festen, halboffiziellen Vorspielen absolviert hat, um das zu bekommen, was unabdingbar für die Solo-Karriere ist: Bühnentauglichkeit, Sicherheit im öffentlichen Auftreten, Unbeirrbarkeit durch äußere Umstände, Konzentration auf sich selbst und die Kunst.
So etwas lernt jeder Musikstudent in zahllosen internen Vorspielen, auch wenn dann kein Jascha Heifetz oder Gidon Kremer aus ihm wird. Aber um herauszufinden, wie aus einem begabten Musiker ein gefeierter Solist wird, ein Konzertmeister, Kammermusiker oder Tuttigeiger, dafür lohnt sich der Blick auf die Lebenswege angehender Künstler allemal. Nicht zuletzt auch, um das Fräuleinwunder unter den aktuellen Geigerinnen ein wenig zurechtzurücken: als Medienereignis eben.
Neben der Schule geübt
Katharina Wildermuth ist eine jener jungen Geigerinnen, die nicht wie Julia Fischer schon mit zehn wussten, was sie mit zwanzig sein werden. Sie ist eine hochbegabte Musikerin, ein junges Mädchen, das wunderbar Geige spielt, aber auch noch an andere Dinge denkt als ans Üben. Als wir sie im Sommer 2009 im Norden Frankfurts besuchten, Geige spielen hörten und nach ihren Zielen befragten, war sie ein unbeschwerter Teenager mit musikalischen Ambitionen, aus einem guten Elternhaus, Waldorf-Schülerin, die durchaus die beschriebene Phalanx von jungen, talentierten Geigerinnen eines Tages würde verlängern können.
Mit dreizehn hatte sie ihren ersten öffentlichen Auftritt gehabt, dann bei „Jugend musiziert“ einen zweiten und einen dritten Preis errungen, gerade ihre Aufnahmeprüfung als Jungstudentin an der Frankfurter Musikhochschule absolviert und bei der renommierten Pädagogin Susanne Stoodt ihre Lehre begonnen: eineinhalb Wochenstunden unter Hochschulbedingungen neben der regulären Schulzeit bis zum Abitur. Auf der Skala der musikalischen Betätigungen waren die Möglichkeiten für sie nach oben offen.
Kein Tempo wie Julia Fischer
In den gut zwei Jahren seither ist einiges passiert, was ein wenig beleuchtet, wie musikalische Laufbahnen sich entwickeln, aber auch, wie beschwerlich der Weg an die Spitze sein kann. Katharina Wildermuths Traum mit siebzehn Jahren war dabei gar nicht so weit von den realistischen Möglichkeiten ihrer Zunft entfernt. Sie wollte sich künstlerisch umfassend ausbilden lassen, ein reguläres Musikstudium beginnen, vielleicht noch bei einer anderen renommierten Pädagogin, möglicherweise bei Antje Weithaas in Berlin, ihre Ausbildung komplettieren und möglicherweise eine Solo-Karriere anstreben - trotz der großen Konkurrenz und trotz des Ehrgeizes vieler künstlerisch motivierter Elternhäuser, die ihre begabten Kinder mit Macht und möglichst früh zum Erfolg treiben und dabei die Folgen vergessen, die eine Midori in ihrer Autobiographie so eindrucksvoll und abschreckend zugleich beschrieben hat.
Man kann nicht sagen, dass Katharina Wildermuth - von der Begabung einmal abgesehen - ein Tempo vorgelegt hätte wie Julia Fischer. Dafür war ihr Umfeld zu liberal, die Steinersche Lebenseinstellung zu wenig aggressiv fordernd und ihr Temperament selbst ein wenig zu moderat. Das alles aber muss noch nicht viel für den Lebensweg bedeuten. Wer wollte schon eine sichere Voraussage in künstlerischen Dingen treffen? Christian Zacharias, Gil Evans, Alfred Brendel - um nur drei Prominente zu nennen, die vergleichsweise spät erst ihre Laufbahn einschlugen oder zu Ruhm gelangten - mögen Zeugen dafür sein, dass man im Zeitalter von Andy Warhols „Jeder ist nur noch berühmt fürfünfzehnMinuten“ die Wiedergewinnung der beruflichen Bedächtigkeit propagieren sollte. Alfred Brendel wurde zu einem der bedeutendsten Pianisten unserer Zeit erst im reifen Mannesalter, Christian Zacharias begann seine internationale Karriere 1975, als er schon fünfundzwanzig Jahre alt war. Und der Autodidakt Gil Evans, der mit vierzig Jahren erst richtig Klavier zu spielen lernte, gilt dennoch als einer der bedeutendsten Arrangeure und Komponisten des modernen Jazz.
An der Erweiterung ihres Repertoires gearbeitet
Vor einem Jahr hat sich Katharina Wildermuth wiederum bei „Jugend musiziert“ präsentiert: beim regionalen, dem landesweiten und schließlich auch beim bundesweit ausgetragenen Wettbewerb. Dreimal errang sie dabei die höchste Punktzahl und den ersten Preis, beim Bundeswettbewerb dazu noch zwei weitere Preise - einen von der Deutschen Stiftung Musikleben und einen Sonderpreis für ihre Interpretation von Witold Lutoslawskis „Subito“ für Violine und Klavier.
Nach diesen durchaus respektablen Erfolgen arbeitete Katharina Wildermuth kontinuierlich an der Erweiterung ihres Repertoires von Bach über Mozart, Beethoven, César Franck und Sarasate bis hin zu Sibelius und Debussy. Im Anschluss an die Wettbewerbe nahm sie an einem Workshop für Alte Musik mit Bach und Vivaldi teil, danach an einem Kurs vom Ensemble Modern in Wolfenbüttel, wo sie sich intensiv mit dem Werk des amerikanischen Minimalisten Steve Reich, vor allem mit dessen Kompositionen aus Sprach- und Geräusch-Samples „City Life“ und „Different Trains“ auseinandersetzte. Alles das waren beste Voraussetzungen für die weitere Karriere.
Nun Vollstudentin
Im vorigen Jahr hat Katharina Wildermuth dann ihr Abitur gemacht, immerhin mit dem Notendurchschnitt von 1,9. Danach spielte sie, auch auf Anraten ihrer Professorin, bei Antje Weithaas in Berlin vor. Zu einer Zusammenarbeit ist es jedoch nicht gekommen. Es war ein kleiner Dämpfer für die junge Geigerin, auch wenn man bedenken muss, dass der Unterricht bei solch großen Künstlern wie Julia Fischer oder Antje Weithaas, die selbst ausgiebig konzertieren, immer ein ganz individueller ist, bei dem nicht nur die Chemie zwischen Lehrer und Schüler stimmen muss. Es muss auch Kapazität bei den Professoren vorhanden sein, die oft nur zwei bis drei Schüler aufnehmen, um sie optimal betreuen zu können.
Dass die Abweisung in Berlin kein wirklicher Nachteil sein muss, hat Katharina Wildermuth mittlerweile erfahren können. Sie hat sich - nunmehr als Vollstudentin - an Frankfurts Musikhochschule eingeschrieben und den Unterricht bei Susanne Stoodt intensiviert. Mit drei Kommilitonen gründete sie das Aris Quartett, deren Primaria sie ist und mit dem sie schon einen Förderpreis für Kammermusik durch die Kamar-Percy-und-Ingeborg-John-Stiftung für ihre Interpretation von Mozarts „Dissonanzen-Quartett“ KV 465 erhielt. Bei der Kronberg Academy hat sie sich Anregungen von Christian Tetzlaff, von Ana Chumachenco, der Lehrerin von Julia Fischer, und von Gidon Kremer geholt, hat einen weiteren Workshop der Ensemble Modern Akademie besucht, wo sie sich intensiv mit Werken von Nikos Skalkottas, Hanns Eisler und Strawinsky beschäftigte.
Die Gelassenheit hat sie nicht verloren
Susanne Stoodt, die offenbar das rechte Maß zwischen freier Entfaltung und strenger Anleitung für ihre begabte Schülerin gefunden hat, bescheinigt ihr eine bemerkenswerte Entwicklung zur musikalischen Selbständigkeit, zu einem hohen klanglich-technischen Niveau, vor allem aber eine große Ausstrahlung und, unabdingbar für die höhere Karriere, eine solistische Attitüde. All das konnte man auch bei manchem ihrer Auftritte, etwa mit der Pianistin Isabel von Bernstorff bei einem Duo-Abend in der Festeburgkirche, mit ihrem Quartett beim Rheingau Musikfestival oder als Solistin mit dem Orchester des Stadttheaters Gießen mit Sarasates Carmen-Fantasie erleben.
Wie wird es weitergehen, welche zusätzlichen Perspektiven haben sich ergeben, welche Ziele kann sie jetzt verfolgen? Katharina Wildermuth weiß, dass sie am Anfang einer neuen Phase in ihrer Karriere steht. Obwohl erst zwanzig Jahre alt, kann sie nicht mehr auf einen Jugendbonus setzen. Dafür gibt es immer wieder neue, viel jüngere Talente. Panik muss sie freilich auch nicht bekommen, denn ihr reguläres Hochschulstudium hat erst begonnen, ihr Quartettspiel lässt aufhorchen, und mit ihren breiten Interessen zwischen Barock und Moderne bieten sich viele Möglichkeiten des öffentlichen Musizierens. Auch die Tür zu einem anderen prominenten Lehrer, möglicherweise mit einem wohltuenden Ortswechsel verbunden, steht nach wie vor offen.
Im Übrigen scheint Katharina Wildermuth bei all den musikalischen Anforderungen, die immer größer werden, ihre Gelassenheit nicht verloren zu haben. Etwas Unverkrampftes, eine solide Seriosität geht von ihrer Persönlichkeit aus. Auch das gilt es zu bewahren. Es hebt sich so wohltuend ab von den Tendenzen einer immer mehr auf Glamour setzenden musikalischen Öffentlichkeit. Wer weiß, vielleicht ist es gerade diese Gelassenheit, die sich für sie eines Tages auszahlt. Möglicherweise dann, wenn nicht eintritt, was sie sich erhofft: die große Solo-Karriere. Auf alle Fälle aber werden wir ihren Werdegang auch weiterhin verfolgen und in gebührendem Abstand darüber berichten.