Wie bitte? Was hatte der Ohrenarzt gesagt? "Kommen Sie am Karfreitag. Und wenn Ihnen das nicht paßt, geht es auch am Samstag." Kaum zu glauben, aber es tut sich offenbar etwas in einem Land, in dem das Gesetz über den Ladenschluß viele Seiten stark ist. Ärzte dürfen als Freiberufler ihre Praxen öffnen, wann sie wollen, doch sonst ist bei uns immer noch allzu vieles streng geregelt. Das gute alte Nachtbackverbot beispielsweise dürfte auf der weiten Welt nicht viele Vorbilder oder Nachahmungen finden.
Wie abstrus unser deutscher Regelungswahn ist, wird einem klar, wenn man sich die Feinstbedingungen anschaut, zu denen der Staat huldvoll seinen Bürgern gestattet, sonntags etwas zu erwerben: Brot und Brötchen drei Stunden lang, Milch und Milchprodukte aber nur für zwei Stunden. Blumen? Dürfen verkauft werden, aber nur zwei Stunden lang. Außer an Allerheiligen, am Volkstrauertag, am Buß- und Bettag, am Totensonntag und dem 1.Advent. An diesen Tagen dürfen "die Verkaufsstellen, in denen im erheblichen Umfange Blumen feilgehalten werden", sechs Stunden offen sein. Ja super. Übrigens dürfen neuerdings in Hessen Videotheken sonntags ihren Kunden Videos und DVDs ausleihen. Den ganzen Tag lang? Aber wo kämen wir da hin! Erlaubt ist es zwischen 13 und 21 Uhr. Nicht auszudenken, welchen Schaden Kunden und Mitarbeiter an Körper und Seele nähmen, gälten die Zeiten für die geradezu frivole Dauer zwischen zwölf und zehn. Oder zwischen elf und elf. Wer sich solche Regeln ausdenkt, sollte sich in einer ruhigen Minute fragen, ob er noch ganz bei Troste ist.
Zugleich wollen wir allen Friseuren gratulieren, die lange Nächte mit Sekt und Haarschnitt anbieten, allen Bürgermeistern, die an Samstagen geöffnete Bürgerbüros vorweisen können, allen Museumsdirektoren, die an einem Abend in der Woche ihr Haus für Berufstätige länger offenhalten. Sollten irgendwann Kindergärten erfunden werden, deren Personal Verständnis aufbringen könnte für die Bedürfnisse und Nöte berufstätiger Mütter, sollten einst Uni-Bibliotheken bis Mitternacht geöffnet haben und Kleinstadt-Cafes auch samstags - dann soll es Orden regnen. PETER LÜCKEMEIER

