http://www.faz.net/-gzg-763ed
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 27.01.2013, 18:49 Uhr

Gedenken an Holocaust Der Zeitzeugen werden immer weniger

Damit nichts in Vergessenheit gerät: In Frankfurt wird der Opfer des Nationalsozialismus gedacht.

von
© Wohlfahrt, Rainer Gedenken: Stadtverordnetenvorsteherin Bernadette Weyland (links) und Stadtrat Stephan Majer.

Im vergangenen Jahr hatte Arno Lustiger noch an der Gedenkstunde zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus teilgenommen und nach der Kranzniederlegung am Mahnmal für die Opfer der Gewaltherrschaft an der Stele auf die Namen jener Lager gezeigt, in welchen er inhaftiert war: Auschwitz-Blechhammer, Groß-Rosen, Buchenwald, Langenstein. Lustiger starb am 15. Mai.

Hans Riebsamen Folgen:

Es ist, wie Stadtrat Stefan Majer (Die Grünen) in seiner Gedenkrede sagte: „Die letzten Überlebenden und Zeitzeugen gehen nach und nach von uns“. Gestern Morgen in der Paulskirche war als einzige Holocaust-Verfolgte noch Miriam Gertler zugegen, die aus der Gegend von Warschau stammt und mit viel Glück jene schlimmen Jahre überlebt hat. Das Bemühen, die Vergangenheit wach zu halten und aus dem Menschheitsverbrechen die richtigen Lehren zu ziehen, ist gerade in Frankfurt unverkennbar: Vielerorts in der Stadt erinnern Stolpersteine daran, dass die Verfolgten damals Nachbarn waren. In die Mauer des alten jüdischen Friedhofs sind auf kleinen Täfelchen die Namen aller ermordeten Frankfurter Juden eingraviert, darunter der von Anne Frank. Und an der Großmarkthalle entsteht mit dem Neubau der Europäischen Zentralbank eine kleine Gedenkstätte, die daran erinnert, dass die Transporte in die Vernichtungslager des Ostens einst hier losfuhren. Frankfurt, daran besteht kein Zweifel, verdrängt die NS-Geschichte nicht. Oder nicht mehr.

Mehr zum Thema

Die Gefahr ist nie vollständig gebannt

Spätestens seit den Auschwitz-Prozessen in den sechziger Jahren, die im Haus Gallus stattfanden. Zumindest das offizielle Frankfurt nimmt die Mahnung „Nie wieder!“ ernst, wie man in der Paulskirche bemerken konnte, wo sich die Stadtverordnetenvorsteherin Bernadette Weyland (CDU), Vertreter aller Fraktionen im Römer und Repräsentanten der Kirchen eingefunden hatten. Nur eben keine Holocaust-Opfer und keine Zeitzeugen mehr. Denn es gibt nicht mehr viele von ihnen. Jetzt müssen die Nachgeborenen die Fackel aufnehmen. „Es liegt“, so sagte Stadtrat Majer in seiner bedenkenswerten Rede, „an uns allen, dass der Massenmord sich nicht wiederholt.“

Das nächste Mal könne eine andere Gruppe drankommen, hat Theodor W. Adorno gewarnt. Nach den Juden vielleicht die Alten oder die Intellektuellen. Von den Migranten hatte der Frankfurter Philosoph damals noch nichts wissen können. Ihm war indes klar, dass die Gefahr nie vollständig gebannt ist. Die Morde der NSU-Terroristen haben jüngst vor Augen geführt, dass der rassistische Bazillus durchaus virulent ist.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Stilles Gedenken Franziskus betet in Auschwitz für Opfer des Holocausts

Als dritter Papst hat Franziskus das frühere deutsche Vernichtungslager Auschwitz besucht. Still gedachte er der Opfer – eine Rede wie Johannes Paul II. oder Benedixt XVI. hielt er nicht. Mehr

29.07.2016, 12:02 Uhr | Politik
Früheres Konzentrationslager Papst besucht Auschwitz

Papst Franziskus hat das frühere Konzentrationslager Auschwitz besucht. Anders als seine Vorgänger verzichtete Franziskus auf eine öffentliche Rede. Stattdessen betete er und traf sich mit Überlebenden. Mehr

29.07.2016, 19:49 Uhr | Politik
Hessen Deutlich weniger Selbstanzeigen von Steuerbetrügern

Die Zahl der Selbstanzeigen in Hessen ist stark rückläufig. Im zweiten Quartal meldeten sich nur 46 Steuerbetrüger von sich aus bei den Finanzbehörden. Im gesamten Jahr 2014 waren es 3495 gewesen. Mehr

28.07.2016, 12:51 Uhr | Rhein-Main
Krakau Der Papst besucht Polen

Auf dem Programm steht in den kommenden Tagen nicht nur der Weltjugendtag sondern auch ein Treffen mit dem polnischen Präsidenten und ein Besuch der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Mehr

27.07.2016, 20:02 Uhr | Politik
Pornographie bei Arno Schmidt Kunst oder Verbrechen?

Vor sechzig Jahren geriet Arno Schmidt ins Visier der deutschen Justiz: Sein Roman Seelandschaft mit Pocahontas stand im Verdacht, Pornographie und Gotteslästerung zu verbreiten. Ein Gastbeitrag. Mehr Von Georges Felten

28.07.2016, 20:26 Uhr | Feuilleton

Schluss um Mitternacht

Von Helmut Schwan

Flughafenbetreiber Fraport fordert mehr Flexibilität bei der Handhabung des Nachtflugverbots. Minister Al-Wazir verspürt aber keine Lust, sich auf diesem Feld Ärger einzuhandeln. Mehr 5 9

Abonnieren Sie unsere Rhein-Main Newsletter

  • Newsletter auswählen

    Newsletter auswählen