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Veröffentlicht: 16.12.2012, 19:33 Uhr

Gedankenexperiment Der Tag, an dem die Lichter ausgehen

Und plötzlich wäre es dunkel. Doch was würde eigentlich passieren, wenn in Frankfurt der Strom ausfiele? Ein Gedankenexperiment.

von Moritz Mihm, Frankfurt
© dpa Zappenduster: Akkubetriebene Lampen einer Baustelle sorgten im Sommer 2011 während eines Stromausfalls in Hannover für ein wenig Licht.

Der Tag, vor dem sich alle fürchten, ist kalt. Die Sonne schafft es nicht durch die Wolkendecke, und es weht kein Wind. In den Häusern laufen die Heizungen, die Fernseher und die Computer. An einem solchen Tag ist es am wahrscheinlichsten, dass in Deutschland der Strom ausfällt. Zwar heißt es beim Energieversorger Mainova, Frankfurt habe eines der stabilsten Stromnetze der Welt. Doch die Gefahr von Stromausfällen hat in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen. Im Februar sind große Teile der Bundesrepublik an mehreren Tagen hintereinander einem flächendeckenden Stromausfall nur knapp entkommen.

Schuld daran ist die Energiewende. Rund 20 Prozent des deutschen Stroms werden schon heute aus erneuerbaren Energien gewonnen, bis 2020 soll der Anteil auf 35, bis 2050 auf 50 Prozent steigen. Die Produktion schwankt jedoch stark, anders als die von Atom- oder Kohlekraftwerken. Die Herausforderung für die Energieversorger ist, immer so viel Strom ins Netz einzuspeisen wie gerade benötigt wird. Ein Drahtseilakt. Eine Überversorgung kann ebenso zum Totalausfall führen wie eine Unterversorgung.

70 Prozent mehr Spannungseinbrüche

Allein der Netzbetreiber Tennet musste im vergangenen Jahr mehr als 1000 Mal regulierend in die Verbundnetze eingreifen, um die Stabilität zu gewährleisten. 2010 war das nur 300 Mal nötig. An den Übergangsstellen von den Überlandleitungen zum Frankfurter Stromnetz ist die Zahl der kurzzeitigen Spannungseinbrüche von 2009 bis 2011 um 70 Prozent gestiegen, wie es bei der Mainova heißt.

Das Frankfurter Stromnetz wird von der Leitzentrale der Netzdienste Rhein-Main, einer Tochtergesellschaft der Mainova, aus gesteuert. Das Großraumbüro ist 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr besetzt. Vier Ingenieure sitzen in einem Halbkreis an ihren Arbeitsplätzen. Auf mehr als einem Dutzend Bildschirme und einer großen Leinwand breitet sich in endlosen Linien das Netz aus.

Sollte die Versorgung ausfallen, werden die Ingenieure Michael Brückmann anrufen. Er ist bei der Frankfurter Feuerwehr der Ansprechpartner für den „Notfallplan Stromausfall“. Zusammen mit Kollegen aus verschiedenen Behörden hat er einen Katastrophenschutzplan erarbeitet, der vier Kategorien kennt. Als Stromausfall der ersten Kategorie gilt, wenn die Wohnungen von 15000 Menschen nicht mehr versorgt werden und dies höchstens vier Stunden dauert. Solche Ausfälle könnten von der Feuerwehr im Tagesgeschäft abgewickelt werden, sagt Brückmann. Kritisch wird es erst bei einem Ausfall der Kategorie zwei, der 35.000 Menschen betrifft und maximal 16 Stunden dauert. Bei einem Ausfall der europäischen Übertragungsnetze ist dies das wahrscheinlichste Szenario.

Frankfurter Kraftwerke liefern 500 Megawatt Strom

Sollte es zu einem Ausfall dieser Verbundnetze kommen, läuft automatisch ein mehrstufiger Plan an. Sinkt die Frequenz, die standardmäßig bei 50 Hertz liegt, unter einen Wert von 48,8 Hertz, koppelt sich das Frankfurter Hochspannungsnetz ab. Es bleibt dann nur der Strom, der in Frankfurt erzeugt wird, etwa im Heizkraftwerk im Gutleutviertel. „Je nach Auslastung können zwei Drittel bis drei Viertel der Stadt nach einer Abkopplung vom Verbundnetz weiter mit Strom versorgt werden“, sagt Mainova-Vorstand Peter Birkner. 500 Megawatt Leistung können die Frankfurter Kraftwerke liefern, bis zu 750 Megawatt werden benötigt.

Nach der Abkopplung zerfällt das Frankfurter Stromnetz in vier Inselnetze, deren Aufgabe es ist, die Versorgung zu stabilisieren. Sollte dies gelingen, wird primär das Frankfurter Innenstadtgebiet mit Strom versorgt. Sollte das nicht gelingen, weil mehr Strom verbraucht als eingespeist wird, schalten sich die Inselnetze ab, um einem Absturz der Kraftwerke vorzubeugen. Diese decken dann nur noch ihren Eigenbedarf und warten darauf, wieder ans Netz zu können. Wenn sich auch dann die Frequenz nicht stabilisiert, müssen selbst die Kraftwerke heruntergefahren werden. Die Stromversorgung wäre dann vollständig zusammengebrochen. Aber dunkel ist es in Frankfurt trotzdem nicht, noch nicht.

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