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Veröffentlicht: 27.02.2015, 19:30 Uhr

Gebärdendolmetscher Mit Händen und Würgen

Wer wenig Geld für harte Arbeit bekommen möchte, sollte sich zum Gebärdendolmetscher ausbilden lassen. Unter den schlechten Bedingungen leiden nicht nur die Übersetzer.

von , Darmstadt
© Cornelia Sick Ruhig bleiben: Roswitha Wagner hat jahrelange Erfahrung.

Mancher Maurer fällt während der Arbeit vom Gerüst, Manager bekommen Burnout. Dass auch der Beruf des Gebärdendolmetschers krank machen kann, ist weniger offensichtlich. Als Katrin Dean sich zum ersten Mal an der Volkshochschule für einen Gebärdensprachkurs anmeldete, hatte sie wohl kaum gedacht, dass das derart schmerzhafte Folgen haben könnte. Nun trägt sie eine Schiene am rechten Handgelenk. „Zu verkrampft“ sagt sie nur. Bald müsse sie wohl auch links eine Manschette tragen. Gebärdendolmetschen ist kein Ponyhof.

Christian Palm Folgen:

Dean und ihre vielleicht 50 Kollegen in Hessen leisten wichtige Arbeit. Sie begleiten Taube und Hörgeschädigte zu Arztterminen, helfen ihnen am Arbeitsplatz und in vielen privaten Situationen. Ohne diese Hilfe wäre für sie Teilhabe unmöglich. Doch die Inklusion hat Tücken, denn es gibt viel zu wenige Dolmetscher. In Hessen betreuen rund 50 Simultanübersetzer etwa 5000 Leute, die eine solche Unterstützung brauchen.

Gehörlose auf sich allein gestellt

Die Tauben sind unter den Behinderten eine relativ kleine Gruppe, eine die oft vergessen, aber immer aktiver wird. Dabei hat sich mittlerweile eine Art Zweiklassengesellschaft gebildet. Einerseits gibt es Gehörlose, die mit der Unterstützung der Dolmetscher einen ganz normalen Job erledigen können, Kinder großziehen und in Vereinen mitarbeiten. Andere hingegen haben den Sprung zur Teilhabe noch nicht geschafft. „Zu viele sitzen zu Hause“, sagt Roswitha Wagner. Sie ist Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft der Gebärdendolmetscher (LAG) und meint, dass das auch an der geringen Zahl ihrer Kollegen liege. Der Beruf sei zu unattraktiv und zu unbekannt, und die Erstattung der Kosten sei kompliziert. Letztlich führt das dazu, dass Taube allzu oft vergeblich nach einem Dolmetscher suchen und Termine absagen müssen. Ihre Teilhabe bleibt auf der Strecke.

Grundsätzlich haben alle Gehörlosen ein Recht auf einen Übersetzer. Je nach Gelegenheit müssen sie die Leistung aber mit anderen Trägern abrechnen. Für Hilfe bei Arztbesuchen kommt die Krankenversicherung auf, Elternabende in Schulen sind mit den Staatlichen Schulämtern abzurechnen, Elternabende in Kitas hingegen mit dem Regierungspräsidium Kassel. Das kostet Kraft, und in vielen privaten Situationen bleiben Gehörlose auf sich allein gestellt, weil niemand die Kosten übernimmt. Wagner und Dean verbringen einen guten Teil ihrer Arbeitszeit damit, ihre Kunden zu beraten - und das unbezahlt. 75 Euro in der Stunde erhalten die freiberuflichen Dolmetscher, aber nur für die Zeit, die sie aktiv übersetzen. Jede Einsatzstunde erfordere aber etwa weitere 60 Minuten für Vor- und Nachbereitung sowie für die Bürokrate, die damit zusammenhängt.

Vom Kauderwelsch der Sprechenden

Die Dolmetscher können bei weitem nicht alle Aufträge annehmen. Mehr als vier Stunden am Tag im Einsatz seien nicht sinnvoll, sagt Wagner. Dann sei der Akku leer, aber vermeiden lasse sich Mehrarbeit nicht immer. „Eigentlich müssten wir vielmehr ,ommmm‘ machen. Wagner meint damit Entspannungsübungen. Genauso wichtig wie die Bewegungen mit den Händen sind die Verrenkungen im Kopf. Das simultane Übersetzen von Laut- in Zeichensprache und umgekehrt ist eine geistige Höchstleitung. Gedächtnisübungen gehörten für sie zum Alltag, sagt Wagner. Die Simultanübersetzer müssen gleichzeitig zuhören, antizipieren, was der Sprechende überhaupt sagen will, und das alles in Gesten fassen, die der Taube versteht.

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Das fällt umso einfacher, je besser sich die Gesprächspartner kennen. Insoweit haben Dean und Wagner an diesem trüben Freitagnachmittag in Darmstadt ein gutes Los gezogen. Ein Arbeitskreis, passenderweise zum Thema Inklusion, trifft sich, um Vorschläge für eine barrierefreie Stadt zu ersinnen.

Den Dolmetscherinnen gegenüber sitzen zwei Gehörlose, die viel Erfahrung haben und des Öfteren mit ihnen zusammenarbeiten. Die Männer können manches Wort von den Lippen ablesen - oder „abgucken“, wie es Wagner ausdrückt. Deshalb bewegt sie ihren Mund simultan zu den Gebärden. Wie sie es schafft, unübersetzbare Worte wie „Bürgerbeteiligungsverständnis“ in Gesten zu fassen, bleibt dem Laien verborgen. Es geht wohl nur mit großzügigen Umschreibungen. „Typisch Sprechende“, sagten ihre Kunden über solches Kauderwelsch, sagt Wagner. „Können die nicht mal konkret reden?“

Besserer Lohn nötig

Dean und Wagner wechseln einander ab. Sie sind ein eingespieltes Team, im 15-Minuten-Rhythmus legen sie Pausen ein, müssen aber trotzdem aufpassen, was die Kollegin gebärdet, um daran später anknüpfen zu können.

Mit ihren Dolmetschern haben es die Gehörlosen besser als manch anderer Behinderter. Unter lautem Protest - „Scheiß auf die Integration, oder was?!“ - muss eine Rollstuhlfahrerin feststellen, dass die Inklusionsgruppe ausgerechnet in einem Raum tagt, der nur über eine Stufe zu erreichen ist. Die Gehörlosen sind froh, dass sie mitreden dürfen. Noch vor einigen Jahren hätte wohl kein Tauber an diesem Tisch Platz genommen, meint Wagner. Dann hätte am Ende jemand das Protokoll an den Verband der Hörgeschädigten verschickt und gemeint, damit der inklusiven Gesellschaft einen großen Dienst erwiesen zu haben. Dass sich das geändert hat, bedeutet mehr Arbeit für die Dolmetscher und verschärft die Knappheit.

Wagner und ihre Kolleginnen von der LAG wünschen sich, dass ihr Beruf attraktiver wird und dass es bessere Ausbildungsmöglichkeiten gibt. Um so fließend dolmetschen zu können wie sie, sind viele Jahre Ausbildung nötig. Dean studierte die Gebärdensprache gut fünf Jahre lang berufsbegleitend. Bisher gibt es aber wenige Hochschulen, die solche Kurse anbieten. In Deutschland seien es nur fünf, sagt Wagner. In Darmstadt lässt sich eine staatliche Prüfung zum Gebärdendolmetscher ablegen. Wagner fände es gut, wenn es an Schulen entsprechende AGs oder Wahlpflichtfächer gäbe, um den Beruf bekannter zu machen.

Dean und Wagner glauben, dass sich der finanzielle Einsatz durchaus lohnte. Bisher habe niemand wirklich ausgerechnet, wie viel Euro Sozialleistungen sich einsparen ließen, wenn Gehörlose besser ins Berufsleben integriert wären. Für die beiden Kunden in Darmstadt steht ohnehin fest, wie wichtig die Dolmetscher für sie sind. „Ohne sie wären wir verloren“, sagt einer von ihnen. Roswitha Wagner nickt, während sie das übersetzt.

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Von Helmut Schwan

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