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Gallus-Theater Ein Ort der Freiheit für das Viertel und die Stadt

Seit 30 Jahren gibt es das Frankfurter Gallus-Theater. Seit 27 Jahren leitet es Winfried Becker.

© von Siebenthal, Jakob Vergrößern Plakativ: Winfried Becker im von ihm geleiteten Gallus-Theater.

Als Winfried Becker Anfang der achtziger Jahre eine Schauspielgruppe eine Weile bei sich übernachten ließ, dachte er nicht daran, damit seine berufliche Laufbahn entscheidend zu verändern. Die Chemie zwischen dem selbständigen Softwareproduzenten und den jungen Künstlern aus England stimmte sofort, und er beschloss, sich abends ihre Vorstellung im Gallus-Theater anzusehen. In dessen Diskothek war Becker zwar Stammgast, den Theatersaal hatte er aber noch nie betreten. Im Gegenteil war er sogar froh gewesen, seit Ende der Schulzeit nicht mehr in Theatervorstellungen gehen zu müssen. Doch an jenem Abend packte es ihn. „Die Schauspieler haben mir eine ganz neue Welt eröffnet.“ Drei Abende in Folge war er Gast. Bis heute hat ihn, der später, als dem Theater die Schließung drohte und er mit einigen Kollegen kurzum selbst dessen Leitung übernahm, die Begeisterung nicht losgelassen. Mit glühendem Blick und freudigem Ton spricht er von den Möglichkeiten des Theaters, die Gesellschaft zu ihrem Besten zu verändern.

Inzwischen ist das Gallus-Theater, dessen Erster Vorsitzender Becker seit 27 Jahren ist, mit etwa 30 Jahren das älteste freie Theater Frankfurts. Die Ursprünge der Spielstätte indes reichen noch weiter zurück. Gegründet wurde sie nicht bewusst, sie entstand nach und nach. In der Rückschau scheinen Becker die ersten Theateraktivitäten wie ein „Ur-Impuls“: Wichtig war auch schon die Arbeit des 1973 gegründeten Vereins Internationales Solidaritätszentrum, aus dem bald das Gallus-Zentrum hervorging, eine Art multinationaler Jugendtreff in einer Autowerkstatt in der Krifteler Straße. Dort kamen überwiegend Jugendliche des Arbeiterviertels zusammen, deren Eltern nach Deutschland gekommen und geblieben waren und zum Teil in der Fabrik der nahe gelegenen Adlerwerke arbeiteten. Mit der Zeit kam zum Angebot wie Musik, Billard und Nachhilfe das Theaterspiel, aus dem die erste aus Gastarbeitern bestehende Schauspielgruppe hervorging, das „Teatro Siciliano“. Schauspiel, sagt Becker, das sei für die Jugendlichen wie ein längst überfälliges Mittel der Kommunikation ihrer Erfahrungen gewesen.

Wachsendes Stammpublikum

Nach und nach formierten sich in den Räumen in der Krifteler Straße mehrere Theatergruppen, und mit dem Bau einer Bühne stand das freie Theater von 1983 an erstmals unter dem Namen Gallus-Theater auch freien Ensembles von außerhalb offen. Drei Jahre später stößt Becker als Leiter dazu. Aufgewachsen im Landkreis Offenbach, ist er überzeugt von den kulturellen Vorteilen des Lebens in der Großstadt, von der Vielfalt ihrer Kulturen, den unterschiedlichen Werten und Glaubensangeboten. Mit vier Kollegen, darunter Heike Bonzelius, mit der Becker seit 1989 das Theater leitet, entwickelt er die Spielstätte entscheidend weiter. Mitte der neunziger Jahre ergibt sich durch Zufall der Umzug in die Adlerwerke in der Kleyerstraße. Das Angebot der Kleinbühne entsprach so gar nicht den damaligen Konventionen des Theaters. Sie brachten Inszenierungen für Kinder und später auch für Jugendliche, Workshops, Festivals, Theaterpädagogik, schräge Jazz-Performances, Poetry Slam, Commedia dell’Arte und türkisches Theater, veranstalteten die ersten Pekinger Kulturtage in Deutschland und riefen allerlei Projekte ins Leben. „Im Nachhinein“, sagt Becker, „lässt sich gar nicht mehr vermitteln, was für ein Kampf um Anerkennung das war.“ Kindertheater etwa hatte nach allgemeinem Verständnis mit Kunst nichts zu tun und wurde sogar belächelt. Jüngst wurde das Gallus-Theater mit dem „Karfunkel“ ausgezeichnet, den die Stadt jährlich für herausragende Leistungen eines Kinder- und Jugendtheaters vergibt. „Die Geschichten des Theaters sind für Kinder ein Kulturöffner“, sagt Becker, dessen sechs Jahre alte Tochter selbst schon auf der Bühne mitwirkt.

Das Gallus-Theater sei vor allem ein Ort der Freiheit, sagt Becker: „Kultur ist keine Mehrheitsentscheidung, und ich bin gegen politische Richtlinien, die festlegen, was gute Kunst ist und was nicht. Für diese Freiheit kämpfe ich immer weiter.“ Überzeuge ihn ein Künstler, genieße er volles Vertrauen in der Ausgestaltung seines Programms. „Theater ist klassische Handwerkskunst - der Meister dahinter ist wichtiger als das Konzept.“ Hingegen dürfe Kultur kein Mittel zum Geldverdienen sein, sagt Becker. Doch es fehlen dem diplomierten Mathematiker allzu oft die finanziellen Mittel, um das Theaterprogramm nach seinen Vorstellungen zu erweitern. Ideen und Kontakte gebe es massig, sagt er. Allein, das Geld für die Technik und die Gagen fehlten oft, auch wenn manche Künstler dem Theater seit Jahren treu seien und noch heute ohne oder für geringe Bezahlung aufträten. Die städtischen Subventionen bewegten sich unter dem vor etwa 20 Jahren bewilligten Betrag.

Zum immer weiter gewachsenen Stammpublikum des Gallus-Theaters - 2012 waren 27.000 Zuschauer zu Gast - gehört auch der 60 Jahre alte Leiter selbst. Das Abreißen der Eintrittskarten, der Pausenplausch mit dem Publikum und das gemeinsame Erlebnis der Vorstellung lässt er sich nicht nehmen. Damals wie heute versteht sich das Theater als Verein, der die kulturelle Vielfalt des Viertels fördert - und darüber hinaus.

Quelle: F.A.Z.

 
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