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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Galerien Kunstvermittlung in der Diaspora

 ·  Galerien leben nicht von Laufkundschaft. Erfolgreich arbeiten können sie daher auch außerhalb der Großstadt.

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Kunst kauft man nicht im Vorbeigehen. Von Laufkundschaft könnten Galeristen deswegen auch nie leben und sind aus diesem Grund nicht unbedingt auf die Umgebung einer Großstadt angewiesen, sondern arbeiten außerhalb oft genauso erfolgreich. Nur selten geschieht dies allerdings so weit ab vom Schuss wie bei Veronica Kautsch, die seit 1995 eine Galerie im Odenwald-Ort Michelstadt führt. In dieser Gegend spaziert und wandert man gern über die grünen Hügel, fährt Rad, isst gut. Auf die Idee, dass sich auch der Kunst wegen ein Ausflug ins südlichste Hessen lohnt, kommt indes so schnell wohl kaum jemand.

Zudem vertritt Kautsch nicht gerade die Art von Kunst, die man am Rande des mittelalterlichen Stadtkerns in einer kopfsteingepflasterten Gasse erwarten würde. Dort zeigt sie viermal jährlich konstruktive zeitgenössische Malerei, Skulptur, Objekte, sogar Fotografie. Aktuell hängen dort noch bis Samstag Dieter Villingers monochrome Bilder: Die Acrylmalerei des Münchner Künstlers in gesättigtem Weiß oder einem an Yves Klein erinnernden Blau erhebt nicht nur die Farbe zum Gegenstand, sondern erforscht auch ihre Oberfläche. Die Pigmente bilden flache Wellen oder tiefe Furchen und machen die Tafeln zu Reliefs. Ungewöhnlicher sind Villingers Aquarelle: Mittelformatige Blätter fügen sich zu farblich fein abgestuften Reihen in Gelb oder Blau und lassen nicht die Spur eines Pinselstrichs oder andere Hinweise auf die Hand des Künstlers erkennen.

Einladungen ins ganze Bundesgebiet

Privat beschäftigt sich Veronica Kautsch gewissermaßen schon ihr ganzes Leben mit Kunst. Eine Galeristin wurde aus ihr aber paradoxerweise erst, nachdem sie aus der Kunststadt Köln nach Michelstadt gezogen war. Im Rheinland hatte sie als Übersetzerin bei Ford gearbeitet; nach einer beruflichen Veränderung ihres Mannes verschlug es sie dann in den Odenwald. Dort motivierte sie der ortsansässige Künstler Hans Sieverding, den sie noch heute vertritt, die Kunst zur Profession zu machen. Damals war Kautschs Tochter, die das jüngste ihrer drei Kinder ist, zwölf Jahre alt und also aus dem Gröbsten raus. Als Eigentümerin der hellen großzügigen Räume, die zu jener Zeit gerade leerstanden, hielt sie auch das unternehmerische Risiko in Grenzen. Seitdem vermittelt sie Kunst in der etwa 40 Kilometer vom nächsten Autobahnanschluss entfernten Diaspora.

Einladungen zu Ausstellungseröffnungen verschickt Veronica Kautsch mittlerweile zwar ins ganze Bundesgebiet. Aber sie hat nicht vergessen, dass es die Menschen aus der nächsten Umgebung waren, die die Galerie während der ersten Jahre am Leben hielten. Hin und wieder haderte sie mit der Abgeschiedenheit und ist sich auch heute sicher, dass sie es in der Großstadt leichter hätte. Dennoch spricht es für sich, dass sie nun seit 17 Jahren durchhält. Wie bei vielen Galeristen ereignen sich die für ihre Arbeit zentralen Dinge ohnehin weniger an Ort und Stelle als auf Kunstmessen. Gerade erst und zum inzwischen vierten Mal hatte sie wieder einen Stand bei der Art Karlsruhe. Dort trifft sie Museumsleute, Wissenschaftler, Sammler. Denn „hierher kommen die nicht“, sagt Kautsch mit Blick in die am Vormittag gerade menschenleeren Galerieräume. Jedenfalls nicht oft. Demnächst erwartet sie nämlich durchaus Besuch: Einem Kunstfreund hatte es in Karlsruhe ein rotes Acrylbild von Christiane Konrad angetan. Vor einem möglichen Kauf will er es nun noch ein zweites Mal begutachten.

Leiten vom eigenen Empfinden

Bei den meisten der gut 20 Künstler, die Kautsch in der Kartei hat, hat sie auf Bewerbungen reagiert und die Ateliers der Absender besucht. So geriet sie etwa an Brigitte Dams, die unter anderem Feuerwehrschläuche zu abstrakten Objekten verarbeitet und die vor einem Jahr erstmals in Michelstadt ausgestellt hat. Kurz vor dem Abschluss steht sie auch mit Dörte Behn, deren geometrische, an architektonische Grundformen erinnernde Arbeiten sie faszinieren. Von einem ersten Treffen bis zur tatsächlichen Zusammenarbeit können gut und gerne zwei Jahre vergehen. Bei der Auswahl ihrer Künstler lässt sich die Galeristin leiten vom eigenen Empfinden, sichert sich selbst aber ab, indem sie auf eine solide Ausbildung ihrer Künstler achtet. So war es nicht von Nachteil, dass Brigitte Dams in Düsseldorf bei Jannis Kounellis in die Lehre ging.

Außerhalb der Großstadt behauptet sich auch die Galerie Hoffmann, die in Friedberg freilich besser an Frankfurt angebunden ist als die Galerie Kautsch an Darmstadt. Als eine seit Jahrzehnten über regionale Grenzen hinausführende Adresse für konstruktive und konkrete Kunst hat sie zudem eine ganz andere und längere Geschichte, die 1967 mit einem Verlag für Künstler-Editionen in Frankfurt begann. In Friedberg unterhält Galeristin Adelheid Hoffmann seit langem zwei zum Lebens- und Kunstraum ausgebaute Mühlen mit jeweils zweimal jährlich wechselndem Programm. Auf etwa 140 Ausstellungen mit insgesamt mehr als 410 Künstlern kommt sie inzwischen. In der aktuellen Schau zeigt sie noch bis zum 30.September Mechtild Frisch und Willi Otremba. Neben den zwischen Farbfeldmalerei und Raumobjekten oszillierenden Arbeiten des Dortmunder Künstlers ist seine in Köln beheimatete Kollegin mit kleinen Wandarbeiten und großen Skulpturen vertreten, die sie mit Geduld und Mini-Locher respektive mit Körpereinsatz und Bohrer perforiert hat. So werden Francis Bacons, Picassos oder Chagalls auf Kunstpostkarten gedruckte Figuren durchlässig, lösen sich auf, wird Loch an Loch umgekehrt aber auch zu Fläche. Unterdessen sind Frischs voluminöse dreidimensionale Arbeiten aus Kartons entstanden, die ursprünglich als Umzugskisten, Verpackungen von Kühlschränken oder ähnlichem Sperrgut dienten, deren labile Seele man aber nicht mehr erkennt. So stabil, wie die lackartig aufgetragene Farbe sie hat werden lassen und wie sie wegen ihrer metallisch schimmernden Oberfläche auch aussehen, so filigran wirken die durchlöcherten Wände zugleich. Flüchtig ist auch der optische Eindruck: In den vielen kleinen Löchern vibriert das Licht und mit jedem Schritt verändert sich die Gestalt der Objekte. Wie schon bei den kleinen Arbeiten verschwimmen die Grenzen zwischen vorn und hinten. Der hallenartige Charakter des Präsentationsortes, Balken und nicht allzu hohe Decken wirken wie gemacht für diese im Übrigen sehr organisch wirkende Kunst. Einen solchen Raum müsste man in der Stadt erst einmal finden.

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