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Frankfurter Galerien : Es ist immer wie beim ersten Mal

Flanieren, schauen, plaudern: Zum Saisonstart zeigt die Galerie Grässlin den Biennale-Künstler Heimo Zobernig. Bild: Wolfgang Günzel

Bekannte Gesichter, Willkommen und Abschiede: Die Frankfurter Galerien begehen den 21. Saisonstart.

          „Frühling, Sommer und dahinter / gleich der Herbst und bald der Winter - / ach, verehrteste Mamsell, / mit dem Leben geht es schnell.“ Tja, das sind so herbstliche Gedanken, und in der Tat hat Wilhelm Busch mal wieder recht. Einmal noch zwanzig sein und alles so genießen, als wär’s das erste Mal. Oder wenigstens dreißig, dann wären wir jetzt so jung wie Bärbel Grässlin. Also nicht die geschätzte Galeristin jetzt natürlich, sondern wie die gleichnamige Galerie. Verzeihung. Aber mit der ganzen Feierei, die jetzt den 21. gemeinsamen Saisonstart der Frankfurter Galerien rahmte wie ein barocker Prunkrahmen die alten Meister, nach Unmengen von Crémant, Elsässer und Moselwein kommt man leicht ein wenig durcheinander.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          So gut jedenfalls war die Stimmung der Frankfurter Kunstgemeinde am Eröffnungsabend der traditionellen Rentrée seit Jahren nicht mehr. Vor allem in der Fahrgasse, wo zahlreiche Galerien bis tief in die Nacht geöffnet hatten, und alleweil auch sah man rote Punkte als Zeichen des Verkaufs. Dabei waren es weniger die stolzen Jubiläen der großen Galerien - Grässlin feierte schon im Frühjahr 30. Geburtstag, bei Detterer und Lothar Albrecht fiel die 25-Jahre-Feier sogar ganz einfach aus.

          Reich beschenkt

          Und nur Barbara von Stechow feiert schon seit gut und gerne einem halben Jahr mit jeder neuen Ausstellung die zwei Jahrzehnte des Bestehens ihrer Galerie. Mit einer zum Saisonstart freilich vor allem in den Großformaten überzeugenden Ausstellung Justine Ottos, deren Malerei, geht man nach dem Andrang bei der Vernissage, auch zwölf Jahre nach ihrem Abschluss an der Städelschule noch immer zahlreiche Liebhaber in Frankfurt hat. Und doch fragt man sich bei aller malerischen Virtuosität gelegentlich im Stillen, ob ihre adoleszenten, offenbar auf ewig in verwunschenen oder vielleicht doch verhexten Zaubergärten herumirrenden Protagonisten nicht irgendwann einmal erwachsen werden.

          Indes kein Grund, sich zu beklagen. Im Grunde waren es hier geradeso wie andernorts weniger die Veranstalter, sondern gerade umgekehrt die Herren und Damen Künstler, die sich, die Galeristen und den geneigten Kunstbetrachter reich beschenkten. Volker Stelzmann, einem der maßgeblichen Protagonisten der zweiten Generation der Leipziger Schule, hat etwa Die Galerie eine große Ausstellung mit Arbeiten aus 40 Jahren eingerichtet.

          Mit starken Stillleben wie der „Schüssel“ aus dem Jahr 1983, aber auch einer ganzen Reihe erst im vergangenen Jahr entstandener, weniger allegorischer als die soziale Realität unmittelbar in den Blick nehmender Bilder. Philipp Pflug ehrt mit „Mutanten und Meteorologen“ derweil die gleichfalls 1940 geborene, bis zu ihrem Auftritt im Rahmen von „German Pop“ in der Frankfurter Schirn ein wenig aus dem Blick geratene Bettina von Arnim mit einer höchst sehenswerten Schau, und Bärbel Grässlin stellt mit den monochromen, Bild und Abbild, Thema und Motiv höchst malerisch ins konzeptuelle Bildgeviert zwingenden Leinwänden Heimo Zobernigs den aktuellen österreichischen Biennale-Künstler vor.

          Die Gedanken schweifen

          Qualitativ bemerkenswert war in diesem Jahr auch die Fotografie vertreten. Etwa in der L.A. Galerie mit den atelierfrischen „Schächten“ Oliver Bobergs, mit Dragana Jurisics großem fotokünstlerischen Essay über das untergegangene Jugoslawien bei Feld+Haus oder Patrick Raddatz’ Debüt bei Hanfweihnacht, das freilich zugleich einen Abschied markiert. Nach fünf Jahren wird die Galerie, die sich nicht zuletzt mit zahlreichen Frankfurter Positionen rasch ein eigenes Profil erarbeitet hatte, nun wieder schließen, was nicht nur für Künstler wie für Kunstbetrachter, sondern auch für die Interessengemeinschaft der Galerien fraglos einen Verlust darstellt. Waren es doch vor allem junge Galerien, die in den vergangenen Jahren frischen Wind in die Frankfurter Kunstszene geblasen haben.

          Jacky Strenz aber oder Parisa Kind, Jürgen Wolfstädter, Anna Feldhaus oder Neue Alte Brücke, wo Mark Dickenson zum Saisonstart die schwedische Städelschülerin Anna Zacharoff vorstellt, zeigen sich an einer Mitgliedschaft in der Interessengemeinschaft bislang nicht wirklich interessiert, sind teils mehrfach ein- und wieder ausgetreten. Offenbar versprechen sie sich wenig von einem gemeinsamen Auftritt. So schweifen die Gedanken, wie es nun mal, glaubt man Wilhelm Busch, ihr Wesen ist. „Sie laufen lustig voraus wie Hündchen.“ Und der Kunstbetrachter immer hinterher. Nun denn, zurück also zum großen Feierabend.

          Ein kleines Glück

          Wer Zeit und Raum fand nämlich im dichten Gedränge der Besucher am Eröffnungsabend, der mochte bei Sekt und Smalltalk und herzlicher Umarmung nach der langen Sommerpause auch die eine oder andere Entdeckung machen. Oder doch wenigstens eine bestehende Bekanntschaft angeregt vertiefen. Und am nächsten Tag noch einmal wiederkommen. Zu Tolksdorf beispielsweise, wo Nasan Tur, den man schon seit seinen Studienzeiten in Offenbach und Frankfurt kennt, einen bemerkenswerten Auftritt hat; zu Appel auch mit der ganz auf den Prozess konzentrierten Farbmalerei Winfried Virnichs oder zu Martina Detterer mit Peter Rösels aktuellen, gleichsam das Gegenstück zu den früheren Fata-Morgana-Bildern vorstellenden Alpenimpressionen.

          Und schließlich und keineswegs zuletzt sei nicht nur Liebhabern des Informel ein Besuch im Kunstraum Bernusstraße ans Herz gelegt, wo man sich angesichts seiner verblüffenden Papierreliefs respektvoll vor dem Spätwerk des vor allem für die bewegten Oberflächen seiner Bronzen bekannten Emil Cimiotti verneigen möchte. Mittlerweile ist der Künstler 88 Jahre alt. Doch wiewohl hier konkrete, dort informelle Traditionen sich in den Blättern zu manifestieren trachten, die Faltungen ebenso an frühere Werkphasen anzuknüpfen scheinen wie die neu erwachte Lust am Kolorit, erscheint doch alles leicht und frisch. Frühlingshaft und sommerlich und nicht die Spur von Herbst und Winter. Vielmehr voller künstlerischer Lust und Neugier. Ein kleines Glück. Fast so, als sei’s das allererste Mal.

          Alle Ausstellungen sind, mit Ausnahme der Schau bei Feld+Haus, die schon am 24. September zu Ende geht, wenigstens bis Anfang, meist bis Mitte Oktober zu sehen.

          Quelle: F.A.Z.

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