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„Futur perfekt“ im Frankfurter Kunstverein : Zwei Plattenspieler

Zeitgenössische Kunst aus Deutschland: Besucherin im Steinernen Haus in Frankfurt zwischen Skulptur und Wandzeichnung von Mariana Castillo Deball Bild: Bernd Kammerer

„Futur perfekt. Vollendete Zukunft“ im Frankfurter Kunstverein: 16 ästhetische Positionen aus Deutschland.

          Am Ende wird alles gewesen sein. Die Welt. Die Kunst. Die Sprache, in der es die Zeitform der vollendeten Zukunft gibt. In der deutschen Grammatik heißt sie „Futur II“, in der Ausstellung, die derzeit im Steinernen Haus des Frankfurter Kunstvereins zu erleben ist, „Futur Perfekt“. Das ist der Titel einer Schau, die das in Stuttgart ansässige Institut für Auslandsbeziehungen, kurz Ifa genannt, von zwei Kuratoren zusammenstellen ließ. Die Präsentation wird durch diverse Länder touren, der tiefere kunstpolitische Sinn ist es, andernorts die Lebendigkeit der deutschen Kulturszene vor Augen zu führen. Vertreten sind auch etliche Künstler, die von weit her nach Deutschland gekommen sind, um hier zu leben und zu arbeiten.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Ob die Schau allerdings, wenn sie dereinst ihre letzte Station absolviert haben wird, einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat, steht derzeit noch in den Sternen und wird irgendwann einmal in denselben gestanden haben. Die Zukunft war gestern, heute ist das Morgen schon abgestanden, eine melancholisch stimmende Melange aus lauter Sachverhalten, die sich längst deutlich abzeichnen. Gerade auch die künstlerische Avantgarde, die nur einem Zeitpfeil folgte, nämlich dem in die Zukunft, darf als abgeschlossenen System gelten, aus dem die Künstler freilich partout nicht herausfinden. Daher wird die Kunst sich auch an ihrem Ende immer noch an den avantgardistischen Bewegungen abgearbeitet haben. Auch die Ausstellung mit Positionen jüngerer Künstler im Kunstverein zeugt davon.

          Denkmaterial, Sprachmaterial

          Dani Gals Installation „Architecture Regarding the Future of Conversation“ kann als der metaphorische Kern dieser seltsam unentschlossenen und leicht verbastelt wirkenden Schau verstanden werden. Dabei könnte man fast ein wenig wehmütig werden, wenn man von dem Material erfährt, das im Zentrum von Gals Arbeit steht. Es ist Denkmaterial, Sprachmaterial, eine Langspielplatte mit Unterhaltungen bedeutender amerikanischer Architekten aus den fünfziger Jahren: „Conversations Regarding the Futur of Architecture“. Auf schwarzes Vinyl gepresste intellektuelle, ästhetische Auseinandersetzungen, das gute kulturelle Wort, wie es einst auch in den Nachtprogrammen der Radiosender verbreitet wurde - das gehört jener vergangenen Epoche an, als die Avantgardisten noch über etwas zu streiten hatten, gerade auch die Modernisten des zeitgenössischen Bauens.

          Der 1975 in Jerusalem geborene Künstler hat zwei flache Plattenspieler, die früher als das Design-Nonplusultra für Tonabtastgeräte galten, auf Lautsprechersockel gesetzt, die A- und die B-Seite der Produktion wird zusammen abgespielt, und je nachdem, wie viele Menschen im Raum sind und wie sie sich in diesem bewegen, ändert sich der Klang der Aufnahme. Das geht bis hin zur kompletten Verzerrung. Aber auch ohne sie versteht man nichts. Es ist wie ein Abgesang auf Habermas’ herrschaftsfreien Diskurs. Von der Kommunikation bleiben nur noch sinnloses Gebrabbel, Verwirrung, Irritation, Orientierungslosigkeit übrig.

          Globalisierung und Beschleunigung

          Installation, Film, Malerei, selbst die abstrakte Skulptur gehören zum formalen Repertoire der Künstler, die hier präsentiert werden. Die „Uncomfortable Objects“ von Mariana Castillo Deball, die in Mexiko geboren wurde, bestechen mit ihrer merkwürdigen Mischung aus elegantem Schwung und Gestalt gewordener Gleichgewichtsstörung. Die Geschichte Lateinamerikas bildet ebenso einen Hintergrund für diese Arbeiten wie die Gegenwartsphänomene Globalisierung und Beschleunigung. Das erschließt sich freilich nicht von selbst. Dies ist bei den anderen Werken der Ausstellung ähnlich. Sie beziehen sich mehr oder weniger auf Privatmythologien, Biographisches, Erzähltes. Eine starke Arbeit ist Henrik Olesens Annäherung an Alan Turing, eine Auseinandersetzung mit Identität und Integrität des herausragenden Mathematikers und Philosophen, der wegen seiner Homosexualität in der englischen Psychiatrie zwangsbehandelt wurde.

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