Einer fehlte, und trotzdem wurde beim Trainingsauftakt des FSV Frankfurt am meisten über ihn gesprochen: Mike Wunderlich. Am Dienstagabend meldete sich der Sechundzwanzigjährige per SMS vom Trainingauftakt des FSV Frankfurt ab, am Morgen danach lag seine Krankmeldung im Briefkasten der Geschäftsstelle am Bornheimer Hang. Längst hat Wunderlich abgeschlossen mit dem Kapitel FSV Frankfurt, nur die Trennung zwischen Verein und Spieler ist noch nicht vollzogen. Bis zum Sommer des kommenden Jahres steht er beim Fußball-Zweitligaverein unter Vertrag, zuletzt aber hat der Mittelfeldspieler immer wieder betont, dass er seine Zukunft bei Viktoria Köln in der Regionalliga sieht. Noch allerdings scheitert der Wechsel am Geld. „Wir sind ganz weit auseinander“, sagt Uwe Stöver, der Geschäftsführer Sport. Die Kölner haben eine fünfstellige Summe geboten, die Frankfurter fordern offenbar 200000 Euro. „Wenn wir uns nicht einigen, dann wird Mike bei keinem Verein dieser Welt eine Spielberechtigung erhalten“, sagt Stöver. „Das können wir nicht zahlen“, sagt Franz-Josef Wernze gegenüber dieser Zeitung. Wernze führt derzeit die Verhandlungen für die Viktoria: „Wir wollen an den FSV appellieren: Hier geht es nicht um einen normalen Spieler. Mike ist ein junger Mensch, der aus gesundheitlichen Gründen seinen großen Traum nicht leben kann, er hält den Druck im Profifußball noch immer nicht aus.“
Der Fall Wunderlich ist keine Diskussion um einen ganz normalen Profi, es geht um mehr. Im Frühjahr des vergangenen Jahres zog er sich mehr und mehr zurück, Wunderlich fehlte im Kader, und im April 2011 wurde der Grund dafür bekannt: Burn-out. Er kehrte zu seiner Familie nach Köln zurück, ließ sich intensiv behandeln und wurde ohne Leihgebühr zu Viktoria Köln ausgeliehen. Dort zeigte Wunderlich, was er auf dem Platz kann, machte 34 Spiele über die volle Distanz in der fünften Liga, erzielte 32 Tore und war der entscheidende Faktor für den Aufstieg. Weil auch die Verantwortlichen des FSV das große Potential von Wunderlich kennen, haben sie seinen Vertrag per Option bis 2013 verlängert. Inzwischen glaubt jedoch keiner der FSV-Verantwortlichen mehr an eine Rückkehr. „Er ist ein superguter Fußballer. Als er es im Winter bei uns noch mal versucht hat, hätte ich ihn sehr gerne behalten“, sagt Trainer Benno Möhlmann. „Aber trotz allem glaube ich, dass es jetzt vorbei ist. Das könnte ich ihm auch nicht raten: wieder anfangen bei uns - und vielleicht wieder abbrechen.“ Es geht nur noch um das Ende.
Noch stehen ein paar Mann auf der Liste
Aachen, Paderborn und Duisburg hatten Interesse an Wunderlich, auch der 1.FC Köln führte Gespräche mit ihm, doch immer wieder lehnte der Umworbene ab. Stattdessen verkündete Viktoria Köln auf der Vereinshomepage, dass der Vertrag mit Wunderlich verlängert worden sei - ohne jedoch eine Einigung mit dem FSV zu erzielen. „Wir werden sehen, wer den längeren Atem hat“, sagt Clemens Krüger, der Geschäftsführer Finanzen. Bis einschließlich Freitag dieser Woche ist Wunderlich krankgeschrieben, über den Grund schweigen die Verantwortlichen. „Mike sagt, dass sich sein Zustand nicht verbessert hat“, sagt Wernze. „In seinem gewohnten Umfeld konnte er sich erholen, aber eine Rückkehr nach Frankfurt würde er nicht schaffen.“ Nun liegt es an den Vereinen, sich über eine Ablöse zu einigen. „Wir hoffen, dass wir schnell eine Einigung erzielen“, sagt Stöver. „Das wäre auch für Mike wichtig.“ Am 31. August endet die Transferperiode.
Bis dahin will auch der FSV noch einmal tätig werden. Ein Stürmer und ein Außenverteidiger, vielleicht auch ein weiterer Mann für das Mittelfeld stehen auf der Liste. In dieser Woche werden zwei Kandidaten im Training getestet: Anthony Jung spielte zuletzt für Eintracht Frankfurt in der Regionalliga und spielt auf der linken Defensivseite; Felicio Brown-Forbes wäre einer für die Außenbahn im Mittelfeld, der Zwanzigjährige gehört dem 1. FC Nürnberg, spielte zuletzt jedoch für Oberhausen in der dritten Liga. Brown-Forbes bewies gleich am Mittwoch, dass er technisch durchaus begabt ist, zeigte aber konditionelle Mängel.
Erhebliche Mängel offenbart weiterhin der Neubau der Haupttribüne im Stadion am Bornheimer Hang. Dass dort schon in wenigen Wochen wieder Profifußball gespielt werden soll, kann man derzeit nur ahnen. Trotzdem glaubt Geschäftsführer Krüger: „Das wird klappen bis Ende November.“ Dann sollen erstmals Zuschauer auf der neuen Tribüne sitzen. Eigentlich sollten sie das schon zum Saisonbeginn. Stattdessen drücken die Verantwortlichen die Daumen, dass Top-Teams wie der 1. FC Köln oder Hertha BSC erst in der Rückrunde beim FSV spielen und bei der Deutschen Fußball Liga haben sie den Wunsch eingereicht, mit einem Auswärtsspiel in diese Spielzeit starten zu dürfen. „Uns entsteht durch die Verzögerung kein finanzieller Schaden“, beteuert Krüger. „Der Etat von fünf Millionen steht.“ Sollte in den kommenden Wochen eine Einigung mit Viktoria Köln erzielt werden, könnte der finanzielle Rahmen sogar noch ein bisschen größer werden.
Verwunderlich, aber ohne Ende
Michael Vogel (indifference)
- 21.06.2012, 23:22 Uhr