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„Frühling der Barbaren“ : Wehe, man kratzt am Lack

In diesem Pool schwimmt er bald als Leiche: Stefan Graf in „Frühling der Barbaren“ am Staatstheater Wiesbaden Bild: Lena Obst

Galoppierende Schwindsucht des Anstands: Jonas Lüschers „Frühling der Barbaren“ ist nun als Bühnenfassung am Staatstheater Wiesbaden zu sehen.

          „Du stellst die falschen Fragen!“, nörgelt Preising. Jonas Lüscher hat die richtigen Fragen gestellt. Er weiß, dass es dämlich wäre, eine Antwort zu erwarten. Und dass das Unterhaltende, was die Zuschauer auch jetzt immer wieder in Kichern ausbrechen lässt, so lustig eigentlich nicht ist. Die Finanzkrise, und sogar der arabische Frühling, sind auch nicht Thema, nur Hintergrund für Lüschers ausgefuchste Studie über die galoppierende Schwindsucht, die der Anstand in der heutigen Welt erleidet, sobald der Lack einmal ab ist. Am Ende der Geschichte treiben Leichen im Pool des Fünf-Sterne-Wüstenresorts, in dem eine Horde junger britischer Investmentbanker erst Hochzeit feierte, dann ihre Jobs und sogleich ihre letzten Reste Besonnenheit verlor.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Jonas Lüscher, 1976 in Zürich geboren, Philosoph, Ethiklehrer und seit seiner Debütnovelle im vergangenen Jahr auch Schriftsteller, arbeitet an einer Doktorarbeit. Er erforscht, ob Literatur komplexe soziale Phänomene darstellen kann. Gute Frage. Honoré de Balzac hat in mehr als 90 Werken die „Comédie humaine“ aufgefächert, Émile Zola allein den Rougon-Macquart 20 Romane gewidmet, Charles Dickens wird jahreszeitgemäß gerade wieder rauf und runter gelesen und geschaut. Aber Lüscher hat, gewissermaßen als Demonstrationsobjekt, ein eigenes Werk verfasst, eine Novelle. Das Debüt des Doktoranden landete im vergangenen Jahr auf der Vorschlagsliste zum Deutschen Buchpreis.

          Das Bier ist alle

          Preising, der Schweizer Fabrikerbe, trifft bei einer halb dienstlichen Reise auf die Banker-Hochzeit, deren Party jäh endet, als das britische Finanzsystem während der Bankenkrise über Nacht kollabiert. Die Kreditkarten der Finanz-Champions sind gesperrt, das Bier ist alle - Anarchie bricht aus. Schon zuvor scheint in der Erzählung an der ein oder anderen Stelle durch, was unter der dünnen Firnis bürgerlicher Erziehung verborgen ist. Lüschers erzählt das lakonisch, wertungsfrei, in einem bisweilen etwas altmodischen und daher umso wirkungsvolleren Stil.

          Die Theaterfassung von Dramaturgin Andrea Vilter, die nun in der Wartburg des Staatstheaters Wiesbaden in Anwesenheit Lüschers uraufgeführt wurde, ist weniger Stück als eine handliche Zurichtung dieses Textes für die Bühne. Solches Erzähltheater auf Romanbasis ist schon lange in Mode, mit Glück zieht es die Zuschauer wirklich in den Bann. In Wiesbaden tut das Theater, trotz der beherzten Schauspieler und allerhand Einfällen auch nicht viel zum Text dazu.

          In der Uraufführungsinszenierung von Ulrike Arnold wird manches gestrafft, konzentriert, der Text auf drei Schauspieler in zahlreichen Rollen verteilt, Nuancen springen dabei über die Klinge. Nicht ganz so drastisch wie die Haustiere im Wüstenresort, wenn der Showdown kommt - aber doch so, dass die Schärfe von Lüschers’ Versuchsanordnung nicht mehr ganz so hart wirkt. Die Ironie, die sie entfaltet, wird von Arnold und ihren drei Akteuren eher in Komödie verwandelt.

          Discorhythmus und Hohlbirnigkeit

          Das sieht am Anfang so aus, dass der namenlose Ich-Erzähler in einer grotesken Pantomime dem Fabrikerben Preising beim Flanieren auf den Fuß folgt, während er davon spricht, dass er den „Pfaden“ seiner Gedanken folgt. Oder dass Preising, in Wiesbaden ein schon spät mittelalter Hagestolz (Roland Blezinger), der wie eine Loriot-Figur durch sein Abenteuer schleicht, in einem deutschen Pidgin-Englisch radebrechen muss. Erfreulicherweise werden die Projektionen und die Beschallung (Bühne und Kostüme Julia Ströder) im weiteren Verlauf weniger schlicht, passt der Discorhythmus ganz gut zur Hohlbirnigkeit der feiernden Investmentbanker.

          Die drei Schauspieler tun viel, um aus dem Erzähltext doch immerhin so etwas wie ein Spiel zu machen, was gegen Ende in turbulenten Szenen gipfelt. Hübsche boulevardeske Rutscher vom gemeinsamen Sitzkissen, seifenoperntaugliche Kreischanfälle, Stolpern, Stottern, Sex. Aber auch ein unmerkliches Zittern der Hände, fahrige Gesten, kleine, fein ausgearbeitete Details. Stefan Graf brilliert als Ich-Erzähler und in sämtlichen anderen Männerrollen, phantastisch wandlungsfähig ist Sólveig Arnarsdottir, die fernsehbekannte isländische Schauspielerin („Das Duo“, „Der Kommissar und das Meer“), jetzt Wiesbadener Ensemblemitglied. Vor allem als Bräutigammutter Pippa, die von der idealistischen Altlinken zur hysterischen Gattin, die nicht eifersüchtig auf die (von ihr gespielte) junge Gespielin ist, sondern auf den alternden Ehemann, der so viel jugendliche Geschmeidigkeit penetrieren darf, während ihr nur die schlaffe Haut bleibt. Das Publikum ist nach 100 Minuten amüsiert - das aber ist allenfalls die Hälfte dessen, was den „Frühling der Barbaren“ ausmacht.

          Nächste Vorstellungen am 29. Dezember und am 9. Januar jeweils um 19.30 Uhr in der Wartburg des Staatstheaters.

          Quelle: F.A.Z.

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