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Friedenspreis des Buchhandels : Liao Yiwu bringt die Politik ins Grübeln

Paulskirchenversammlung: Liao Yiwu (Mitte) nimmt den Beifall unter anderem von Bundespräsident Joachim Gauck (rechts neben dem Preisträger) und seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt, Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier und seiner Frau Ursula (rechts) entgegen. Links neben Liao Börsenvereinsvorsteher Gottfried Honnefelder. Bild: Wonge Bergmann

Am Sonntag wurde der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an den chinesischen Schriftsteller Liao Yiwu verliehen. Der chinesische Botschafter ist natürlich nicht zur Verleihung erschienen. Denn Yiwu gilt als Staatsfeind.

          Der chinesische Botschafter ist gestern nicht zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Liao Yiwu in die Paulskirche gekommen. Natürlich nicht. Denn der Autor Liao Yiwu gilt dem chinesischen Regime als Staatsfeind, seit er in der Nacht vor der blutigen Niederschlagung von Demonstrationen auf dem Tiananmen Platz in Peking am 4. Juni 1989 das Gedicht „Massaker“ geschrieben und es nach dem Blutvergießen auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Umlauf gebracht hat. Liao Yiwus Bücher sind in China verboten, bereits die Nennung seines Namens ist mittlerweile untersagt.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Vermutlich hat auch die chinesische Staatssicherheit keinen Spion in die Paulskirche geschickt. Denn zum einen sind die Plätze dort äußerst begehrt, so dass nur ausgewählte Persönlichkeiten - vom ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker über Goethe-Präsident Klaus-Dieter Lehmann bis zur Buchpreis-Gewinnerin Ursula Krechel - eine Karte für den Festakt bekamen. Zum anderen wurde die Preisverleihung aber auch live in der ARD übertragen, weshalb die chinesischen Diplomaten in der Berliner Botschaft oder dem Frankfurter Konsulat lediglich den Knopf eines Aufnahmegeräts drücken mussten.

          „Dieses Imperium muss auseinanderbrechen“

          Nicht einmal einen Dolmetscher brauchten sie zu bemühen, denn Liao Yiwu hielt seine Dankesrede in Chinesisch. Der Text lag als deutsche Übersetzung in der Paulskirche aus, weshalb die meisten Gäste während Liao Yiwus Rede nicht auf den kahlköpfigen Mann am Pult blickten, sondern auf die Blätter des Manuskripts. Damals, im Gefängnis zwischen Ungeziefer und Krätze, so berichtete Felicitas von Lovenberg in ihrer Laudatio, habe Liao Yiwu den Entschluss gefasst, sich nie wieder Haare oder Bart stehen zu lassen.

          Des Preisträgers Rede dürfte den Aufpassern von der Staatssicherheit und vom chinesischen Außenministerium durch Mark und Glieder gefahren sein. Denn Liao Yiwu hat allein schon mit seiner Überschrift „Dieses Imperium muss auseinanderbrechen“ die chinesische Staatsmacht herausgefordert. Der verfemte Autor, dessen Buch „Für ein Lied und hundert Lieder“ über seine vier Jahre im Gefängnis nach Meinung Lovenbergs, der Literaturchefin dieser Zeitung, in seiner Schockwirkung dem „Archipel GULag“ von Alexander Solschenizyn ebenbürtig ist, kann von Glück sagen, dass er in Berlin Asyl gefunden hat.

          Auch die Elite Deutschlands dürfte ins Grübeln gekommen sein

          Aber auch für die Elite Deutschlands, in der Paulskirche politisch unter anderem vertreten durch Bundespräsident Joachim Gauck, Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und Volker Kauder, dem Fraktionsvorsitzenden der CDU im Bundestag, dürften die so kompromisslosen Worte Liao Yiwus Anlass zum Grübeln gegeben haben. Alle Staaten, die einst wegen des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens Sanktionen gegen China verhängt hätten, wollten nun die ersten sein, die den Henkern die Hand schüttelten und mit ihnen Geschäfte machten, klagte der Preisträger.

          Gehört nicht Deutschland zu den eifrigsten Händeschüttlern, mag der eine oder andere gedacht haben. Versucht nicht auch Frankfurt über seine Partnerschaft mit Guangzhou ein Stück vom chinesischen Wirtschaftskuchen abzubekommen? Und war China nicht 2009 Gastland der Buchmesse, hat nicht der diesjährige Nobelpreisträger Mo Yan damals den Saal verlassen, als regimekritische chinesische Autoren an einem Forum teilnehmen wollten? Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, so sagte dessen Vorsteher Gottfried Honnefelder in seinem Grußwort, hätte eine solche Stimme aus China gerne schon auf der Buchmesse 2009 gehört.

          Ein unendlich großer Müllhaufen

          Immerhin stellte sich Peter Feldmann (SPD), gestern mit der goldenen Kette des Frankfurter Oberbürgermeisters geschmückt, eindeutig hinter den Preisträger: „Ich kann mir keine glücklichere Wahl vorstellen und bin dankbar, dass Liao Yiwu als freier Mann diese große Auszeichnung persönlich entgegennimmt.“ Seine Vorgängerin Petra Roth (CDU), die so viele Jahre bei den Preisverleihungen die Grüße der Stadt Frankfurt ausgerichtet hatte, umarmte ihrerseits herzlich den letztjährigen Preisträger Boualem Sansal, der in seiner algerischen Heimat sich seines Lebens nicht mehr sicher sein kann.

          Für den „Volksschriftsteller“ Liao Yiwu, der unerschrocken und sprachmächtig den unter Repression und Unterdrückung leidenden Menschen seines Volkes zu einer Stimme verholfen hat, wie Honnefelder den Preisträger in seinem Grußwort charakterisierte, gibt es für China nur eine Lösung: „Dieses menschenverachtende Imperium mit den blutigen Händen, die Ursache für so viel Leid in der Welt, dieser unendlich große Müllhaufen muss auseinanderbrechen.“

          DIe Literaturnobelpreisträgerin umarmt den Friedenspreisträger

          Das mag in den Ohren mancher Zuhörer vermessen geklungen haben. Doch hat nicht auch Herta Müller, die halblinks in der ersten Reihe saß, sich im Exil das Ende des rumänischen Ceauşescu-Regimes sehnlichst herbeigewünscht, als die ganze Welt noch glaubte, der Kommunismus werde noch hundert Jahre bestehen?

          Lange haben sich gestern die Literaturnobelpreisträgerin und der neue Friedenspreisträger, der zuvor mit seinen Klangschalen und einem gesungenen Gedicht über die Mütter vom Platz des Himmlischen Friedens das Publikum tief bewegte, umarmt. Die beiden wissen, was Schmerz, Angst und Verfolgung bedeuten.

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