An den Zapfenstreich mussten sie sich erst gewöhnen. "Aber nach ein paar Tagen schlafen die Rekruten immer wie die Babys", sagt Hauptmann Christian Schwarz. "Wer um halb fünf geweckt wird und dann den ganzen Tag auf den Beinen ist, der ist abends um zehn platt - egal, ob Wehrpflichtiger oder Freiwilliger." Der Presseoffizier hat schon viele Jahrgänge von Wehrdienstleistenden erlebt, und er sieht die Strukturreform der Bundeswehr pragmatisch. "Bei uns hat sich nicht viel geändert, Grundausbildung ist Grundausbildung."
In Deutschland haben am 1. Juli die ersten gut 3400 Freiwilligen ihren Wehrdienst angetreten, unter ihnen 44 Frauen. An den hessischen Standorten der Bundeswehr sind etwa 300 Freiwillige zum Dienst erschienen, in der Knüll-Kaserne in Schwarzenborn im Schwalm-Eder-Kreis sind es 72 beim Jägerregiment 1 gewesen, Frauen waren nicht dabei. Dafür einige junge Männer, die es kaum länger als ein paar Tage ausgehalten haben. "Die ersten vier waren schon nach drei Tagen wieder verschwunden", berichtet Oberleutnant Benjamin Tritschler, der die 10. Kompanie des Jägerregiments führt und für die Grundausbildung der Rekruten zuständig ist. Die Freiwilligen, die sich für eine Zeit zwischen sieben und 23 Monaten verpflichten, haben im Gegensatz zu den früheren Wehrpflichtigen eine sechsmonatige Probezeit - und das verleitet den einen oder anderen offenbar dazu, schon nach ein paar Tagen wegen des frühen Weckens oder angeblicher Rückenschmerzen das Weite zu suchen. "Mancher macht sich vor seinem Dienstantritt ziemlich falsche Vorstellungen", glaubt der Oberleutnant, der selbst seit zwölf Jahren bei der Bundeswehr ist.
Marschieren, Schießausbildung und Geländetraining
In Schwarzenborn absolvieren die Freiwilligen zusammen mit 20 Zeitsoldaten ihre dreimonatige Basisausbildung. An deren Inhalten hat sich nichts geändert. Von Regimentskommandeur Oberst Gunter Schneider hat Kompaniechef Tritschler die "klare Vorgabe" erhalten, nichts am militärischen Ausbildungsprogramm umzustellen. Die zusammen knapp hundert Rekruten verbringen ihre Tage also vornehmlich mit Marschieren, Schießausbildung und Geländetraining - also allem, was aus einem Zivilisten einen Soldaten macht, wie es einer der Ausbilder formuliert. Ob es sich bei den jungen Männern nun um Freiwillige, Zeitsoldaten oder Wehrpflichtige handele, sei unerheblich, "Rekrut ist Rekrut".
Hauptmann Schwarz glaubt, dass die Motivation der Freiwilligen sich nicht grundsätzlich von jener der früheren Wehrpflichtigen unterscheidet. Es sei schließlich auch vor der Reform vergleichsweise einfach gewesen, den Wehrdienst zu verweigern. "Die meisten Wehrdienstleistenden waren also ohnehin freiwillig bei der Bundeswehr."
Kompaniechef Tritschler erhofft sich da schon mehr. "Die Ziele der Ausbildung sind die gleichen wie früher, allerdings erwarten wir schon etwas mehr Engagement von unseren Freiwilligen", sagt der Dreiunddreißigjährige. Viele nutzten die Zeit in Uniform zwar zur Überbrückung, zur beruflichen Orientierung oder einfach zum Geldverdienen - schließlich sei der Sold mit rund 800 Euro in den ersten sechs Monaten fast doppelt so hoch wie früher für die Wehrpflichtigen. Trotzdem hoffe er, dass sich die Freiwilligen intensiver damit auseinandergesetzt hätten, was sie bei der Bundeswehr erwarte.
„Keine Nachwuchsprobleme“
Aber die schwierigen Stichtage - im Bundeswehr-Jargon "Metzger-Maurer-Mörder-Quartale" genannt - kommen erst noch. Denn während zum 1. Juli und zum 1. Oktober der Anteil der Abiturienten schon immer besonders hoch war und auch diesmal bundesweit bei rund 60 Prozent liegt, melden sich zum 1. Januar und zum 1. April erfahrungsgemäß deutlich mehr Hauptschüler und Schulabbrecher.
Von Problemen bei der Rekrutierung oder Motivation will Generalmajor Manfred Schlenker dennoch nichts wissen. Der Leiter des Personalamts der Bundeswehr in Köln ärgert sich vielmehr über den Tenor mancher Presseberichte. "Wenn es da heißt, die Bundeswehr habe Nachwuchsprobleme, dann ist das Unsinn." Und das gilt laut Schlenker nicht nur für Zeitsoldaten, die sich für vier oder mehr Jahre verpflichten, sondern auch für die Freiwilligen. Nicht nur die Zahl der Bewerber sei mehr als zufriedenstellend, "auch die Qualität stimmt".
Nach der Grundausbildung in Schwarzenborn werden die meisten Rekruten von Oberleutnant Tritschler von der 10. Kompanie des Jägerregiments an andere Standorte wechseln. "Wir bilden für 37 verschiedene Einheiten aus", sagt der Kompaniechef. Nur fünf der neuen Soldaten sind für den Dienst in der 10. Kompanie vorgesehen.