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Veröffentlicht: 17.02.2013, 17:43 Uhr

Freilassung gefordert Kampf für einen Doppelmörder

Ein eiskalter Doppelmord in Babenhausen. Der Nachbar wird verurteilt. Seine Frau und ein Verein kämpfen nun für seine Freilassung.

© dpa Unsichere Aktenlage: Ein Verein kämpft für einen verurteilten Doppelmörder.

Es war ein eiskalter Doppelmord. Im südhessischen Babenhausen werden im April 2009 ein 62 Jahre alter Mann und seine vier Jahre jüngere Frau erschossen. Die damals 37 Jahre alte, behinderte Tochter des Paares überlebt knapp, den Angriff auf sie wertet das Darmstädter Schwurgericht später als Mordversuch. Nach einem Indizienprozess verhängen die Richter im Juli 2011 eine lebenslange Haftstrafe gegen einen Nachbarn aus der schmucken Reihenhaussiedlung. Eine vorzeitige Haftentlassung ist ausgeschlossen. Das Motiv: Jahrelange Lärmbelästigung. Doch die Frau des Verurteilten hält ihren Mann für unschuldig. Sie kämpft um die Freilassung des inzwischen Vierundvierzigjährigen.

Für Anja Darsow ist das Urteil „aus der Luft gegriffen“. Ihr Mann sei - wie er vor Gericht beteuert hatte - nicht der Täter gewesen. „Ich muss seine Unschuld beweisen“, sagt die 35 Jahre alte Frau kämpferisch. Mit Hilfe von Freunden, mit Unterschriftenlisten und einem Internetportal, auf dem sie Beweise und Ermittlungsergebnisse anzweifelt, will sie erreichen, dass der Fall noch einmal aufgerollt wird. Erfahrene Anwälte und auch der Petitionsausschuss des Landtags sollen helfen.

Der Bundesgerichtshof hat das Urteil bestätigt

Bis heute ist die Tatwaffe verschwunden. Das Gericht war sich bei seinem Urteil dennoch sicher, stützte sich auf eine Indizienkette. Der Verurteilte habe sich an einem Firmencomputer darüber informiert, wie ein Schalldämpfer für eine Schusswaffe gebaut wird - und den PC später kaputt gemacht, um Spuren zu beseitigen. Am Tatort sei Bauschaum entdeckt worden, ein wichtiger Bestandteil dieses selbst gebastelten Schalldämpfers. An der Kleidung des Mannes seien Schmauchspuren gefunden worden, die zweifelsfrei zur Tat passten.

Die Verteidigung hatte argumentiert, der Angeklagte habe sich über den Krach der Nachbarn nicht geärgert, sondern einfach im Schlaf Ohrstöpsel getragen. Die Bauanleitung sei kein Argument, an dem Computer habe auch ein anderer sitzen können. Doch auch der Bundesgerichtshof hat das Darmstädter Urteil bestätigt.

Hohe Hürden für eine Wiederaufnahme

Sogar ein Verein ist eigens wegen des angeblichen Justizirrtums gegründet worden. Benannt ist er nach der Romanfigur Monte Christo, dem unschuldig zu Kerkerhaft verurteilten Grafen. Der Vereinsvorsitzende Josef Seidl, hält das Urteil für eine „erlogene Geschichte“. Die Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft seien nicht hieb- und stichfest gewesen. „Monte Christo“-Mitglied Christoph Kemp meint wie Seidl, Ermittler hätten Druck „von oben“ bekommen, in diesem Fall einen Täter zu präsentieren.

Für eine Wiederaufnahme sind die Gerichte zuständig, die Hürden aber hoch. Wie stehen die Chancen, dass solch ein Fall noch einmal aufgerollt wird? „Bei einem rechtskräftigen Urteil wie hier gibt es nur unter engen Voraussetzungen eine Wiederaufnahme“, erklärt ein Sprecher des Justizministeriums. Laut Rechtsexperten muss es wirklich neue Beweise geben. „Eine Wiederaufnahme kommt nicht oft vor“, sagt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Darmstadt.

„Aber man kann ja nicht in einen Menschen reingucken“

Spontan fällt ihm der Fall des 2002 wegen Vergewaltigung unschuldig verurteilen Lehrers ein, der schließlich 2011 frei gesprochen wurde - seine Haft von fünf Jahren hatte er aber schon abgesessen. Der Prozess war neu aufgerollt worden, erst im Nachhinein hatten sich die Vorwürfe einer Kollegin als frei erfunden herausgestellt. Die Frau muss sich nun selbst im April vor Gericht verantworten.

Ein benachbartes Ehepaar der Darsows will seinen Namen lieber nicht nennen. „Wir können es uns nicht vorstellen, dass ein Mann seine Familie so ins Unglück stürzt“, sagen sie. „Aber man kann ja nicht in einen Menschen reingucken.“

Quelle: F.A.Z.

 

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