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Veröffentlicht: 19.03.2017, 18:42 Uhr

Der Verbrauchertipp Freiland-Eier Mangelware

Die Vogelgrippe ist im Handel angekommen: Weil Hennen nicht nach draußen dürfen, müssen viele Eier als Bodenware deklariert werden. Das gilt aber nicht für Bio-Eier aus dem Stall.

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© Frank Röth Am Boden: Freiland-Betriebe etikettieren Eier-Verpackungen zurzeit um, weil die Hennen im Stall stehen müssen.

Die Suche nach Freiland-Eiern, die viele Verbraucher für gesünder halten oder für solche von glücklicheren Hühnern, wird für Verbraucher zurzeit zum schwierigen Unterfangen: Es gibt so gut wie keine. Selbst auf dem Schillermarkt in Frankfurt waren am Freitagmittag keine Eier zu finden, die von Freiland-Hennen stammen.

Petra Kirchhoff Folgen:

Das alles hängt mit der Vogelgrippe zusammen, die sich, im vergangenen November ausgebrochen, in diesem Winter ungewöhnlich lange hinzieht. Die zuständige Bundeseinrichtung, das Friedrich-Loeffler-Institut für Tiergesundheit, spricht sogar von der schlimmsten Vogelgrippewelle seit dem ersten Auftreten im Jahr 1878.

Viel Aufwand für die Geflügelzüchter

Weil das Virus für Vögel hochansteckend ist, wurde nahezu flächendeckend angeordnet, dass sämtliches Geflügel nicht mehr nach draußen darf. Zwar wurde die Stallpflicht inzwischen regional gelockert – in Risikogebieten gilt sie jedoch nach wie vor. Zu den Sperrzonen zählen etwa Gewässer und Talsperren, wo sich viele Wildvögel aufhalten, aber auch Gegenden mit hoher Geflügeldichte. Nach Auskunft des Geflügelwirtschaftsverbandes stehen in Hessen beim überwiegenden Teil der Betriebe die Freiland-Legehennen noch immer zum Schutz im Stall, und das seit vielen Wochen – mit der Folge, dass die Betriebe nur Boden-Eier an den Handel liefern können.

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Der Verbraucher, der seit Wochen Freiland-Eier kaufte, hatte davon bisher nicht viel gemerkt. Das hängt mit einer Schonfrist zusammen, die den Betrieben eingeräumt wird. Das EU-Recht erlaubt den Produzenten eine Übergangszeit von drei Monaten, in der sie die Eier von Freilandhennen, die im Stall gehalten werden, weiterhin als solche vermarkten dürfen. Diese Regelung soll verhindern, dass Betriebe wegen der Vogelgrippe in finanzielle Schwierigkeiten geraten, schließlich kriegt der Erzeuger für das Freiland-Ei im Schnitt 3,5 bis 4 Cent mehr als für eines aus Bodenhaltung.

Ist die Zwölfwochenfrist abgelaufen und die Hühner stehen weiter im Stall, müssen die Eierproduzenten aber ihre Verpackungen umetikettieren: „Vorübergehend zum Schutz unserer Legehennen“, heißt es dann etwa. „10 frische Eier aus Bodenhaltung (mit Wintergarten)“. Auch der Stempel auf dem Ei, der Information über Herkunft und Haltungsform gibt, ist zu ändern. Aus der Ziffer 1 für Freilandhaltung wird die Ziffer 2 für Bodenhaltung. Für die Geflügelzüchter bedeutet das viel Aufwand, zusätzlich zu der Aufgabe, ihre Hühnerschar, die draußen mehr Platz und Freiheit gewohnt ist, drinnen in Schach zu halten.

Bio-Hennen dürfen 50 Wochen im Stall stehen

Immerhin, finanziell müssen die Legehennenhalter keine Einbußen hinnehmen. Nicht nur Rewe, auch andere Handelsketten zahlen den Erzeugern weiter den Preis für Freilandhaltung: Die Zehner-Packung kostete im Februar laut dem Informationsdienst Marktinfo Eier & Geflügel im Durchschnitt 1,82 Euro. Für zehn Stück aus Bodenhaltung dagegen lag der Verbraucherpreis bei 1,21 Euro. Aus Mangel an Freilandware greifen viele Verbraucher inzwischen auch zu Bio-Eiern – falls vorhanden. Wegen der hohen Nachfrage werden auch die Bio-Eier knapp. Dass Bio-Hennen in Sperrzonen wegen der Vogelgrippe ebenfalls nicht nach draußen dürfen, ist den meisten Konsumenten dabei nicht bewusst. Es muss auch nicht auf der Verpackung stehen, denn die Vorgaben für die Bio-Eier sind andere als für konventionelle.

45403950 © Edgar Schoepal Vergrößern Neu beziffert: Geflügelzüchter in Hessen müssen ihren Eier derzeit statt der Ziffer 1 den Stempel mit der Ziffer 2 für Bodenhaltung aufdrücken.

Auslauf spielt nach den geltenden Bio-Kriterien nicht die entscheidende Rolle. Wichtiger sind nach Angaben des Zentralverbandes der deutschen Geflügelwirtschaft, dass Hennen im Stall mehr Platz haben, dass sie Bio-Futter picken und keine vorbeugenden Antibiotika verabreicht bekommen. Es reicht demnach, wenn eine Henne ein Drittel ihrer rund 80 Wochen Lebenszeit draußen ist – um die 50 Wochen darf sie also im Stall stehen. Erst danach müssen Bio-Verpackungen mit dem Zusatz Bodenhaltung deklariert werden. Die Vogelgrippe müsste also noch eine Weile andauern, bis diese Informationspflicht gilt.

Genug Frühstückseier für Ostern

Davon freilich ist nach aller Erfahrung nicht auszugehen. „Die Stimmung ist nach wie vor angespannt“, sagt eine Sprecherin des Zentralverbandes, „wir haben aber die Hoffnung, dass das Virus bei steigenden Temperaturen, mehr Trockenheit und höherer UV-Strahlung eingedämmt wird.“

„Je weiter man nach Süden kommt, um so entspannter ist die Lage“, stellt Klaus-Peter Linn, Geschäftsführer des Geflügelwirtschaftsverbandes Hessen, mit Hinweis darauf fest, dass es hierzulande noch keinen Befall eines Nutztiers gegeben habe. Die 62 positiven Fälle, die das Umweltministerium bisher gemeldet hat, betrafen 61 Wildvögel und einen Rosapelikan im Opelzoo. Zuletzt wurde in dieser Woche ein Mäusebussard im Main-Kinzig-Kreis wegen des Virus getötet. Linn stimmt zuversichtlich, dass die meisten Zugvögel Hessen inzwischen passiert haben. Gleichwohl nimmt er an, dass das Thema bis Ostern noch nicht erledigt ist.

Auf das Frühstücksei beim Osterbrunch wird gleichwohl keine Familie verzichten müssen, denn frische Eier aus dem Stall gibt es reichlich. Allenfalls in der Bio-Sparte könnte es knapp werden.

Die Haltungen der Hennen

Boden: Von den rund 40 Millionen Legehennen in Deutschland wird mehr als die Hälfte ausschließlich im Stall gehalten. Maximal neun Tiere teilen sich dabei einen Quadratmeter. Vorgeschrieben ist eine Teilfläche zum Scharren. Tageslicht ist nur in neueren Ställen Pflicht, in allen anderen wird der Tag-und-Nacht-Rhythmus mit Kunstlicht simuliert. Kennziffer auf dem Ei ist (vor dem Ländercode wie DE für Deutschland) eine 2.

Freiland: Gut jede fünfte deutsche Henne lebt auf einem Freilandbetrieb, das heißt, die Hennen dürfen tagsüber nach draußen – wenn es nicht gerade Vogelgrippealarm mit Stallpflicht gibt. Nachts im Stall gelten dieselben Kriterien wie bei der Bodenhaltung. Kennziffer auf dem Ei: 1.

Bio: Jede zehnte Henne lebt auf einem Bio-Betrieb. Sie bekommt vorwiegend Biofutter und hat tagsüber Auslauf. Im Stall ist mehr Platz: Statt neun müssen sich nur sechs Hühner einen Quadratmeter teilen. Der Einsatz vorbeugender Antibiotika ist nicht erlaubt, auf Gentechnik wird verzichtet. Kennziffer: 0.

Kleingruppen: Noch drei Millionen Hennen werden in Kleingruppen in Käfigen gehalten. Die herkömmliche Käfighaltung ist in Deutschland seit 2009 verboten, EU-weit seit 2012. Hennen leben daher in Volieren mit je 900 Quadratzentimeter Platz. Auf dem Ei steht die Kennziffer 3.

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