Es ging hoch her im vollbesetzten Giebelsaal des Frankfurter Hauses am Dom. Zu den emotionalen Höhepunkten gehörte ein Wutausbruch von Carolina Romahn, der Leiterin des Frankfurter Kulturamtes, die einen ständigen Zwischenrufer anschrie, er solle sie endlich zu Ende reden lassen. Von einem großen Gefühl getragen waren die Worte von Gordon Vajen, dem Leiter des Frankfurter Theaterhauses, der den Zusammenhalt der Szene forderte, andernfalls werde sie von der Politik zerrieben. Die erstaunlichste Einlassung kam von Sebastian Popp, dem kulturpolitischen Sprecher der Grünen im Römer: Wenn seine Partei allein das Sagen hätte, würde es viel mehr Geld für die Freie Szene geben. Und: Man müsse angesichts des hohen Zuschusses für die Städtischen Bühnen auch darüber nachdenken dürfen, ob fünf Millionen aus deren Etat nicht anderweitig verwendet werden könnten. Popp sitzt im Aufsichtsrat der Städtischen Bühnen GmbH.
Die Grünen hatten zu einer Podiumsdiskussion über die Zukunft der Freien Theaterszene und ihrer Förderung durch die Stadt geladen. Es war die erste öffentliche Veranstaltung nach dem Bekanntwerden eines von Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU) in Auftrag gegebenen Berichts, den eine Kommission aus vier Theaterfachleuten vorgelegt hatte. Darin wird der Frankfurter Freien Szene ein vernichtendes Zeugnis ausgestellt. Und damit der städtischen Praxis, Fördergelder an die vom Stadttheater unabhängigen Gruppen nach dem Gießkannenprinzip zu vergeben. Als ästhetisches Ideal, das in Frankfurt zu kurz komme, wird in dem Bericht das „postdramatische Theater“ genannt, wie es beispielsweise die Gruppe Rimini Protokoll betreibt.
„Das kann sich Frankfurt nicht leisten“
Gleich zu Beginn der Veranstaltung versuchte Wilfried Fiebig vom Ensemble 9. November sie zu sprengen, indem er nach altbekannter Achtundsechziger-Manier ein sofortiges Rederecht für das Plenum forderte. Aber er fand keine Mehrheit dafür. Fiebig fügte sich: „Sie kriegen Ihren Vortrag.“ Diesen hielt Nikolaus Müller-Schöll, Professor am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaften der Frankfurter Universität. Er war verantwortlich für eine Bewertung der Freien Szene in Hamburg und erläuterte, wie er dabei vorgegangen und zu welchem Ergebnis die Studie gekommen war. „Man muss sehr lange, sehr intensive Gespräche mit allen Leuten führen“, sagte er. Nur so komme heraus, welche Probleme es gebe. Am Ende hätten Empfehlungen gestanden, die freilich Mehrausgaben zur Folge hätten.
Hamburg habe immerhin beschlossen, die Studie als kulturpolitische Richtschnur für die nächsten zehn Jahre zu nutzen. Die Freie Szene habe in Hamburg zu einer gemeinsamen Sprache gefunden, trete geschlossen auf, das empfehle er auch den Frankfurtern, sagte Müller-Schöll. Die Stadt halte junge Leute von den Töpfen fern: „Das kann sich Frankfurt nicht leisten.“ Vor allem fehlten Räume für Nachwuchskünstler.
Angelika Sieburg vom Wu Wei Theater hatte Tomaten mitgebracht, allerdings nur, um ihre Dankbarkeit darüber zum Ausdruck zu bringen, dass die nachwachsende Generation sie nicht auf die Älteren werfe. Michael Hohmann von der Romanfabrik teilte dem Publikum mit, er habe sich jüngst ein Rimini-Protokoll-Stück auf Youtube angeschaut, und es sei schrecklich gewesen. Amelie Deuflhard saß neben der Grünen Heike Hambrock, der Vorsitzenden des Kulturausschusses der Stadtverordnetenversammlung, sowie Popp und Müller-Schöll auf dem Podium. Doch die Intendantin der Hamburger Kampnagl-Fabrik kam selten zu Wort. Immerhin fasste sie ihren Eindruck von der Frankfurter Diskussion zusammen: „Die Debatte geht alt gegen jung. Die einen gingen raus aus den Staatstheatern, die anderen fangen frei an und wollen da rein.“
Eine Frage der Zuschussquelle
Heike Scharpff, eine junge freie Regisseurin, die im Mousonturm ihre Produktionen erarbeitet, führte aus, sie brauche 40.000 bis 50.000 Euro für ein Stück, da sie mit professionellen Schauspielern arbeite. Daher müsse sie immer mehrere Finanzierungsquellen suchen, besser wäre es, wenn die Stadt Frankfurt statt eines Zuschusses von 10.000 Euro für eine Produktion 30.000 gebe. „Und dafür kriegen drei oder vier andere nichts“, tönte es aus dem Saal. Von mehreren Diskussionsteilnehmern wurde gefordert, das Papier der Perspektivkommission zurückzuziehen. Kulturamtsleiterin Romahn sagte, es sei nun einmal in der Welt.
Verwirrung herrschte darüber, wie überhaupt der Auftrag der Perspektivkommission gelautet habe. Dazu sagte Kulturdezernent Semmelroth gestern dieser Zeitung, es sei ihm durchaus um eine ästhetische Beurteilung der Szene und darum gegangen, was ein Freies Theater leisten solle. Auch die Zahlen gingen bei der Diskussion wild durcheinander. Dazu äußerte sich Dieter Bassermann vom Kulturamt gestern auf Anfrage: Die Förderung der nichtstädtischen Theater einschließlich der Privattheater belaufe sich auf 5,4 Millionen Euro. Die für die eigentliche Freie Szene wichtigere Zahl ist aber diese: 550.000 Euro beträgt die Projektförderung, von der etwa 70 bis 80 Vorhaben profitieren.
„Die Stadt hält junge Leute von den Töpfen fern. Das kann sie sich nicht leisten.“ Nikolaus Müller-Schöll, Goethe-Universität
Dirigismus
Robert Bock (claudine11)
- 28.06.2012, 12:55 Uhr
Eintritt statt Steuergeld
Peter Lehnen (plehnen68)
- 28.06.2012, 09:41 Uhr