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„Freestyle“-Projekt in Kassel : „Überall herrscht Krieg“

  • -Aktualisiert am

Mitmachen: Kinder beteiligen sich am Freestyle-Projekt. Bild: Klein, Nora

„Freestyle“ heißt ein Projekt in Kassel, das sich an Kinder und Jugendliche aus einem sozialen Brennpunkt wendet.

          Eko ist 18 Jahre alt und an der Weserspitze aufgewachsen, einer Straßengabelung in der Kasseler Nordstadt, wo ein Arbeiterstadtteil mit einem klassischen Mittelstand von selbständigen Handwerkern zu einem sozialen Brennpunkt geworden ist. „An der Weserspitze kriegst du alles“, sagt der junge Mann kurdischer Abstammung. „Wenn du Waffen brauchst, gehst du um die Ecke. Von den Dealern lernst du den Drogenhandel. Als Kind schaust du zu, wie es geht, und sie bringen es dir bei. Du siehst die schicken Frauen mit den schönen Autos aus den anderen Stadtteilen, die sich hier ihre Tabletten holen. Und du lernst: Der Kriminelle kriegt immer und überall seine Leute. Auf ihn ist Verlass. Er hat Status.“

          Status - das ist offenbar das, was alle wollen, Anerkennung und Respekt. Materielle Symbole nötigen den anderen Bewunderung ab, und der Respekt findet seinen Ausdruck in Zeichen der Unterwerfung. Die Erfahrung von Gewalt gehört in diesem Milieu zum Alltag. Zwischen Türken und Kurden herrsche Krieg, sagt Eko, aber auch in Bosnien. „Überall herrscht Krieg“, lautet die Erfahrung nach 18 Jahren einer Jugend in einer deutschen Großstadt, wo die Angehörigen von mindestens zwei Dutzend Nationen vielfach in feindlicher Abgrenzung voneinander in einen Quartier leben, das die Deutschen, die es sich leisten können, meiden. Der Stolz, den manche Kultur ihren Angehörigen abverlangt, macht das Zusammenleben nicht leichter. Man ist stark, nicht schwach. Über Sorgen und Probleme sprechen die Jugendlichen nicht.

          „Alltagssorgen“

          „Die Kinder hängen auf der Straße ab, sie werden dort nicht gelobt“, berichtet Eko. „Die Eltern arbeiten Tag und Nacht. Wenn du einem Freund sagst, ich habe keine Arbeit, antwortet der dir: Ich kann dir nicht helfen. Ich will meinen eigenen Arsch retten.“ Jüngst traf Eko einen jungen Mann, der drei Mal nacheinander Tankstellen im Quartier überfallen hatte. Er ging lieber in den Knast als Sozialstunden zu leisten, zeigte - nach seiner eigenen Auffassung - Härte statt Schwäche. Das steigerte wiederum in seiner Welt der Kriminellen seinen Status. Die Debatte über einen Warnschuss-Arrest löst Hohn und Spott unter jenen aus, die ihre Initiatoren einer solchen Diskussion damit in die Schranken weisen wollen.

          Eko hatte, wie er einräumt, selbst „Alltagssorgen“. Welche es waren, darüber schweigt er lieber. Aber seit einem Jahr kommt er in die Freestyle-Halle am Ostring, die für 200 Kinder und Jugendliche aus ungezählten Kulturen zu einer Heimat geworden ist. „Freestyle“, berichtet Enver Gakovic, sei „Sport nach dem Ikea-Prinzip. Du kannst Dir aussuchen, was du willst, ob Fußball, Basketball oder Tanzen“. „Freestyle“ entspann sich aus Gakovics eigener Lebenserfahrung. „Ich habe es entwickelt“, sagt er, „wir holen die Probleme von der Straße in die Halle, die Alltagsprobleme, die aus Langeweile Schlägereien und Erpressung entstehen lassen.“ Gakovic ist Mitte 30. Er wurde in Kassel geboren, ging in die Heimat seiner Eltern nach Bosnien zurück, um mit dreizehn Jahren nach Kassel in die Nordstadt zurückzukehren. Über den Fußball fand er Freunde und seinen Platz in der Schulklasse. Er machte Karriere als Kickboxer und Fußballer, ging abermals auf den Balkan und kam wieder nach Kassel. Dort nimmt er sich seit fast einem Jahrzehnt jener Kinder und Jugendlicher an, die er die „Straßenkinder“ nennt, in die er sich hineinversetzen kann, und denen er helfen möchte.

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