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„Freeletics“ im Selbsttest : Iris ist die Schlimmste

Hier zählt nur eines: Körperspannung. Bild: dpa

50 Klimmzüge, 100 Liegestütze, 150 Kniebeugen und dann noch einmal von vorn: Freeletics ist Frühlingsfitness extrem. Es jagt mich fünf Mal die Woche über alle Grenzen. Ich halte mich strikt daran. Warum bloß?

          Ich bin in der achten Woche, als ich nachsehe, ob ich Sprungfedern unterm Hintern habe. Es ist meine 136. Kniebeuge und es geht viel zu leicht. Ich drehe mich um: keine Sprungfedern. Ich lache kleine Wolken. Wenn es zu leicht ist, bist du zu langsam, denke ich und zähle: 137, 138, 139.

          Denise Peikert

          Freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Schon länger rede ich in der zweiten Person mit mir, in Sätzen, wie sie die Leute, die mein Training entwickelt haben, sagen würden. Es ist ein feuchter Januarabend gegen zehn Uhr, außer mir sind um die Zeit nur die Boule-Spieler im Frankfurter Günthersburgpark, ab und zu leuchten mir die Scheinwerfer eines Polizeiautos ins Gesicht. Seit zwei Monaten mache ich zu viel von allem: Liegestütze, Klimmzüge, Situps, Kniebeugen, Hampelmänner, Sprints.

          Das, was ich tue, heißt Freeletics. Ich mache mehr Sport und in kürzerer Zeit, als es jemand tun würde, der bei Trost ist. Es geht darum, so schnell wie möglich eine bestimmte Abfolge von Übungen zu machen – und dabei schneller zu sein als Leute, deren Trainingserfolg ich per Smartphone-App beobachte.

          Wie soll ich das nur öfter als 50 Mal schaffen?

          Über Freeletics gibt es im Internet Erfolgsvideos: Darin filmen Menschen sich selbst, Oberkörper frei und im Wochenrhythmus: erst mit normaler Figur, dann mit Schmerz im Gesicht, dann mit Waschbrettbauch. Freeletics ist eine Anthologie simpler Geschichten über Selbstoptimierung, begleitet vom Pathos seiner Erfinder („Life begins at the end of your comfort zone“). Sie werden in einer Zeit erzählt, in der es neben den vielen Optimierungsratgebern schon solche gibt, die Rat geben, wie der Optimierung zu entkommen ist. Der Zeitgeist scheint gerade mal da- und mal dorthin zu kippen. Und jeder darf das Gefühl haben, selbst daran mitwirken zu können. Auch dann, wenn er nur ein paar Liegestütze zu viel macht.

          Ich hacke Löcher in den Rasen, weil ich in Dauerschleife vom Liegestütz in einen Strecksprung hüpfe. Burpee heißt die Übung, dazu gibt es wie zu jeder bei Freeletics ein kleines Video. Muskulöse Menschen turnen darin vor: „Bewege dich nach unten, strecke deine Beine nach hinten weg, und berühre den Boden mit deiner Brust“, sagt eine Stimme so gelassen, als lese sie ein Backrezept vor. Als ich das das erste Mal sah, dachte ich: Es ist unmöglich, das 50 Mal oder öfter zu schaffen.

          Normierung des Körpers scheint oldschool

          Es gibt nichts, um das wir gerade stärker kreisen, als um unser Ich. Danach sieht es jedenfalls aus in den Buchhandlungen und App-Stores: Ratgeber („Fröhlich in 3 ½ Monaten“) hier, Kalorienzähler-Apps und solche zur Überwachung des eigenen Schlafs da. Bei angeblichen Trends gilt es zwar skeptisch zu sein. Aber dass es einen gibt, wird immer dann wahrscheinlich, wenn die Gegenbewegung einsetzt: „Du sollst nicht funktionieren“ heißt zum Beispiel ein neues Sachbuch von Ariadne von Schirach. Ich hatte mich gerade damit abgefunden, dass es irgendwie total angesagt ist, sich selbst zu optimieren. Und auf einmal scheint dieses irre Fitnessprogramm zur Normierung des eigenen Körpers ziemlich oldschool.

          Ich fange an mit Aphrodite (ja, die Einheiten bei Freeletics heißen alle nach griechischen Göttern). In der ersten Runde geht das so: Ich mache nacheinander 50 von diesen Burpees, 50 Situps und 50 Kniebeugen. Immer wieder wiederhole ich die drei Übungen, am Ende habe ich jede 150 Mal gemacht. Pausen sind nicht vorgesehen. „Tatsächlich ist die erste große Hürde, ein Freeletics-Workout komplett zu schaffen“, sagen die Macher. Sie übertreiben oft, aber damit haben sie recht. Aphrodite lässt die Muskeln brennen und die Lunge pfeifen. Gelegentlich tanzen schwarze Punkte vor meinen Augen. Ich fluche, aber irgendwie komme ich da durch. Für eine Stunde fühle ich mich phantastisch. Dann werde ich so müde, dass ich zwei tiefe Stunden schlafe.

          Freeletics macht keinen Spaß, den Körper aber perfekt

          Freeletics wurde von jungen Münchner Fitnessfreaks gemeinsam mit Sportwissenschaftlern aus Köln erfunden und ist das Training, das perfekt in eine Welt passt, in der es wichtig ist, dass alles perfekt passt: Partner, Job, Freizeit, Figur. Freeletics macht keinen Spaß. Es geht nicht darum, ein Spiel zu gewinnen. Es ist auch nicht nötig, mit anderen Menschen zu tun zu haben. Es geht nur darum, gut auszusehen. Für Freeletics gibt es eine App und Trainingspläne. Meiner schreibt mir 15 Wochen lang vor, was als Nächstes dran ist. Ich mache Bekanntschaft mit Hades, Zeus, Venus und Poseidon, aber Iris ist die Schlimmste: Sie schafft es, dass ich 500 Hampelmänner mache, als sei das normal. Ich trainiere vier- bis fünfmal die Woche. Ich halte durch, jedes Mal. Es ist Winter, ohne richtig Winter zu sein, aber kalt ist es trotzdem. Häufig regnet es, aber ich drücke mich nie. „No excuses“ heißt einer der Slogans von Freeletics, und manchmal murmele ich ihn vor mich hin.

          Pierre Ostrowski hat Freeletics mitkonzipiert und sagt, das Programm befördere Fitness ins 21. Jahrhundert. Weil es die App gebe und der Sport immer und überall gemacht werden könne. Es ist natürlich trotzdem Quatsch: Liegestütze und Klimmzüge sind wie Schulturnhalle. Und sogar das Prinzip, auf dem Freeletics fußt, stammt aus den fünfziger Jahren. Trotzdem hat die App rund 500000 Nutzer, und auch die Facebook-Gruppe „Freeletics Frankfurt“ wächst stetig. Zur Zeit gibt es dort rund 360 Mitglieder. Neulich raunte mir einer im Park zu, „Aufgeben ist keine Option“, und ich schämte mich ein bisschen, dass ich wusste, worum es geht.

          Bauchmuskeln wachsen, aber der Rest von mir bleibt

          Ich ahne, woher der Hype kommt: Freeletics ist kein Sport, es ist wie eine Sekte. Wer dabei ist, dem schicken die Macher Motivationssprüche und toughe Bildchen: Ein Baby macht einarmig Liegestütze. Fünf Muskelmänner ohne Hemd, bis zu den Knien in einem See, schieben Eisschollen herum. Freeletics sei eine Lebenseinstellung, sagt Macher Ostrowski. „Don’t wish for it, work for it“ heißt einer der simplen Zaubersätze. Ich hoffe jedes Mal, dass es stimmt: Dass sich etwas tut in meinem Leben. In jenem, das ich vor Freeletics geführt habe, und in jenem, das ich nun nur noch gelegentlich neben Freeletics führe. Etwa so: Du willst einen wirklich guten Text schreiben? Dann arbeite länger und denk schärfer nach. Du willst etwas wirklich Wichtiges herausfinden? Dann sei hartnäckiger, klüger, schlagfertiger. Du willst Frühstück ans Bett? Dann steh auf und hol es dir. Das klappt nicht. Meine Bauchmuskeln wachsen, aber der Rest von mir bleibt, wie er war. Was in der Freeletics-Welt passiert, bleibt in der Freeletics-Welt.

          Wenn es nach der Autorin Rebecca Niazi-Shahabi geht, ist das auch ganz gut so. Ich stehe in der Buchhandlung ratlos vor ihrem Anti-Optimierungsratgeber „Ich bleib so scheiße wie ich bin“. Niazi-Shahabi empfiehlt Menschen, die sich zu dick finden, für eine Weile in die Vereinigten Staaten zu reisen. Dort seien ja alle viel dicker. Dann der Hinweis, dass jeder, der glaubt, mal ein Rhetorik-Seminar belegen zu müssen, sich künftig einfach klarer ausdrücken solle. Es scheint eine ziemlich anstrengende Sache zu sein, sich nicht selbst optimieren zu wollen.

          Den Muskelkater verdränge ich irgendwann

          In Woche elf geht mir das Gefühl dafür verloren, was normal ist. Ich treffe eine Freeletics-Trainingsgruppe am Osthafen. Markus ist Schwimmmeister und sympathisch, aber verrückt. Er sagt, es falle ihm schwer, Ruhetage einzuhalten. Er wisse aber, dass sein Körper die brauche, deshalb beiße er die Zähne zusammen und mache auch einmal nichts. Er trainiert nicht nur Freeletics, sondern geht noch ins Fitnessstudio und so weiter. Er schafft 48 Klimmzüge in 100 Sekunden. Ich schaffe immer noch keinen einzigen richtig, obwohl ich inzwischen meinen Bizeps streicheln kann, wenn mir danach ist.

          Ich frage Markus, ob ihm Freeletics Spaß macht. Er grinst ein harmloses Jungslachen und nickt. „Ich liebe es, mich so richtig auszupumpen.“ Ich fühle mich schwach. Zu Hause blättere ich in meinen Aufzeichnungen. Da steht, dass ich am Anfang so schlimmen Muskelkater hatte, dass ich keine Saftpackungen aufschrauben konnte. Ich habe es vergessen, aber es beruhigt mich, es zu lesen. Inzwischen tut mir nur noch selten etwas weh.

          Freeletics-Mann Ostrowski sagt, es sei nicht sein Ziel, lauter Adonisse zu züchten. Es gehe vielmehr um die Erziehung des Menschen zu einem sportlichen Lebensstil. Erziehung des Menschen! Ich frage mich, ob es da nicht besser gewesen wäre, ehrlich zu sein: Wie zum Beweis, um was es wirklich geht, haben sie bei Freeletics gerade ein acht Sekunden langes Video produziert, das nur daraus besteht, wie sportliche Menschen beim Sport ihr T-Shirt ausziehen: „Summer is coming!“

          Und im Internet gibt es Fotos von Leuten in Unterwäsche, regelmäßig gepostet und mit einer Wochenzahl unter dem jeweils nächst-hotteren Bild. Am Anfang habe ich mich auch fotografiert – ohne Internet, bewahre, es ist ja schon peinlich genug. Zwei Wochen lang ging das so, dann fiel mir endlich auf, wie bescheuert das ist. Die Transformation ist trotzdem beeindruckend. Mehr als die Muskeln und das Fett und so beschäftigt mich aber die Schinderei an sich.

          Warum funktioniert es so gut? „Was bitte sollte denn sonst funktionieren? Das ist Folter“, sagt eine Freundin „Das sind die kurzen intensiven Belastungen und der Afterburn-Effekt“, sagt Freeletics-Mann Ostrowski. Er meint: stark stimulierte Muskeln fordern auch in Ruhephasen Energie an, weil sie wachsen wollen.

          Warum mache ich das?

          Inzwischen ist Woche 13, und es sind nur noch 14 Tage bis zur „Hell-Week“, dem Abschluss meines Trainingsplans. Dann ist jeden Tag mindestens eine Einheit zu turnen, manchmal sind es zwei oder drei. „Eine zentrale Freeletics-Erfahrung“ nennen die Macher das, und da fällt mir wieder die Frage ein: Warum mache ich das? Will ich einfach nur gut aussehen? Ist es wirklich so erbärmlich?

          Ich bin im Park und zähle: 69, 70, 71. Es geht um Liegestütze, und ich weiß inzwischen, dass irgendwann immer der Moment kommt, von dem an es egal ist, ob ich nun aufhöre oder noch einen mache. Das Zählen hilft, auch beim Warum: Ich mache das, weil nach der Eins die Zwei und dann die Drei und die Vier und so weiter kommt.

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