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Veröffentlicht: 17.10.2013, 23:23 Uhr

Französischer Maler Théodore Géricault Die Kranken und die Schiffbrüchigen

Zum ersten Mal ist in Deutschland eine Ausstellung ausschließlich dem Romantiker und Realisten Théodore Géricault gewidmet. In der Frankfurter Schirn Kunsthalle begegnet man seinem wiederkehrenden Thema: dem menschlichen Abgrund.

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Der Geist bedient sich nicht mehr des Körpers wie einer Tastatur, die unsterbliche Seele triumphiert nicht länger über die Endlichkeit, die christliche Hoffnung ist dem Schrecken gewichen, der den Einzelnen ob seiner existentiellen Einsamkeit befällt. Das ist in etwa die aufgeklärte Ausgangslage um das Jahr 1800, wenn es um die leiblich-seelische Doppelnatur des Menschen geht. Neue Gewissheiten schickten sich jedoch an, die alten zu ersetzen. Wissenschaftlichkeit war dabei Gebot. Heute ist anerkannte Meinung, dass es sich um einen Irrweg handelte, was damals sowohl in der Gelehrtenrepublik als auch in der besseren Gesellschaft zu einem Modephänomen wurde, das Ablesen des Charakters aus körperlichen Zeichen. Man dachte ungefähr so: Die Psyche ist im Leib gefangen, prägt ihn aber so deutlich, dass die innerere Beschaffenheit des Menschen an seinem Äußeren zu erkennen ist. Daraus eine Wissenschaft zu machen war spätestens seit Lavater eine Obsession von Medizinern und anderen Forschern.

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Rückschlüsse von der Gestalt auf das Wesen hatte zwar schon die Antike gezogen, einzelne Charakterzüge wurden mit bestimmten Ausprägungen des Gesichts in Zusammenhang gebracht, erst die moderne Physiognomik jedoch glaubte, mit empirischen Methoden eine differenzierte Einteilung der menschlichen Natur mitsamt sämtlichen Abirrungen leisten zu können. In der Auseinandersetzung mit derlei Ansätzen und Methoden zur Bestimmung des Menschen schuf Théodore Géricault einen Großteil seines Werks. Die Physis wird zum Austragungsort psychischer Kämpfe. Das Elend des nicht mehr in Gottes Hand aufgehobenen Lebens drückt sich im Leib, im Antlitz, in Mimik und Gestik aus. „Géricault. Bilder auf Leben und Tod“ ist der Titel der gestern Abend in der Frankfurter Schirn Kunsthalle eröffneten Ausstellung, die als erste in Deutschland ausschließlich diesem Maler gewidmet ist.

Sogar Pferde wirken dämonisch

„Das Floß der Medusa“, sein bekanntestes Gemälde, ist „nicht leihfähig“, wie es heißt. Vorstudien gibt es jedoch zu sehen. Außerdem als kleine Sensation vier der fünf „Monomanen“. Gleichsam als Ersatz für das fünfte Bild dieser Serie, das ebenfalls nicht auf Reise geschickt wird, ist eine Arbeit der Gegenwartskünstlerin Marlene Dumas zu erleben. Ihr „Militärischer Monomane“ kann als Replik auf Géricaults Porträts abweichender Persönlichkeiten verstanden werden. Da schaut etwa die „Monomanin des Neids“ von der Wand oder „Der Monomane des Kindsraubs“. Oder die „Monomanin des Glücksspiels“.

Die Ausstellung bringt die Werke von Géricault in Zusammenhang mit früheren Werken und solchen seiner Zeitgenossen, auch mit Fotografien, auf denen Patienten aus dem „Irrenhaus“ abgebildet sind. Das Erscheinungsbild als Nachweis für die psychische Verfassung eines Menschen: Derlei löst heute unangenehme Gefühle aus, und die Kunsthistoriker stellen bei Géricault gerne heraus, dass es ihm stets um die Individualität gegangen sei, nicht aber um die Freak-Show und das Abstempeln von Leuten, denen man angeblich ihr Verbrechertum oder ihre Geisteskrankheit schon ansieht. Freilich: Sogar wenn der Künstler Pferde malt, wirken diese unheimlich und wie von einem geheimen Dämon besessen. Offenbar kann ihm keiner entgehen. Die Schiffbrüchigen auf dem Floß der Medusa werden zu Kannibalen. Der menschliche Abgrund, sei es im Angesicht einer Krankheit oder einer ausweglosen Situation, ist Géricaults durchgängiges Thema.

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