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Veröffentlicht: 25.03.2017, 19:47 Uhr

Schuhmacher in Frankfurt Zwischen Schnelligkeit und Qualität

Viele Schuhmacher in Frankfurt machen zu wenig Umsatz. Einige geben deshalb auf. Andere schaffen es, mit neuen Ideen und Zusatzeinnahmen ihr Geschäft zu beleben.

von Stefanie von Stechow, Frankfurt
© Wolfgang Eilmes Echtes Handwerk: Gerhard Muth sorgt sich um die Zukunft seines Ladens an der Eschersheimer Landstraße.

Lohnt es sich, ein Innenfutter zu reparieren, den Absatz wieder zu befestigen, ein paar neue Schnürsenkel einzuziehen? Oder sollte man doch gleich ein neues Paar Schuhe kaufen, zum Teil kaum teurer und dafür modisch aktuell? Die Wegwerfgesellschaft hat auch vor den Füßen nicht haltgemacht. „Immer mehr Menschen kaufen heute Schuhe am Grabbeltisch“, sagt Schuhmachermeister Gerhard Muth und seufzt. „Die kaufen schneller ein paar billige, neue Schuhe, als ihre alten reparieren zu lassen.“

Oftmals gebe die Qualität der Schuhe eine Reparatur auch gar nicht mehr her. Denn selbst Markenhersteller sparen Muths Erfahrung nach aus Kostengründen an der Qualität des Leders und der Verarbeitung. Und auch wenn sie nicht geschäftsfördernd sei, müsse Ehrlichkeit sein, findet der Handwerker: „Wenn die Schuhe von schlechter Qualität sind oder schon völlig ausgetreten, dann empfehle ich keine hochwertige Reparatur mehr. Das lohnt sich oft gar nicht.“ Die Kunden seien dann zwar enttäuscht, bedankten sich aber für die gute Beratung.

Neuer Absatz für die Sneakers

Vor 30 Jahren hat Gerhard Muth in der kleinen Werkstatt mit angeschlossenem Geschäft in Eschersheim das Handwerk des Schuhmachers gelernt. Später übernahm er den Laden vom Chef. Schon der hatte in den siebziger Jahren zusätzlich angeboten, Schlüssel, Stempel und Schilder zu fertigen. Doch den deutlichen Umsatzrückgang bei den Schuhreparaturen können diese Dienstleistungen nicht ausgleichen: „2016 war eine Katastrophe“, sagt der kräftige Mann, der im karierten Flanellhemd an seiner Werkbank hinter dem Tresen steht. „Wenn es dieses Jahr nicht besser wird, sehe ich schwarz.“ Zwei Kollegen hätten schon aufgegeben.

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„Die Anforderungen haben sich massiv verändert“, sagt auch Schuhmacher Alexander Dohn, der mit seinem Vater Jürgen die Schuhmacherei Lenz im Bahnhofsviertel betreibt. „Die Beratung wird immer wichtiger, es wird immer schwieriger, einen Schuh richtig zu lesen“, meint der Juniorchef. Schäume, Zellstoffe, Gummi und Plastik, außerdem die haltbaren wie verträglichen Klebstoffe – die Industrie verwende mittlerweile so viele verschiedene Materialien, dass es gerade für ältere Kollegen in kleinen Werkstätten immer schwieriger werde, Vorratshaltung zu betreiben und jedes Material zu kennen.

„In der Regel lässt sich für jeden Schuh und jedes Material eine Lösung finden“, sagt Dohn. Sogar für Sport- und Freizeitschuhe. Auch an Sneakers ließe sich etwa ein abgelaufener Absatz ausgleichen, erläutert der junge Schuhmacher, der zurzeit einen Meisterkurs macht. „Aber man muss sich auskennen, sich Zeit nehmen, vielleicht auch mal experimentieren.“

Keine Kompromisse bei der Qualität

Werkstatt und Laden gehen in der Schuhmacherei Lenz an der Münchner Straße ineinander über. Vorn im Schaufenster steht ein dreibeiniger Holzschemel, auf dem die Schuhmacher ihr Handwerk in Echtzeit vorführen. „Wegen der Nachhaltigkeit lassen die Menschen ihre Schuhe wieder eher reparieren, als sie gleich wegzuschmeißen“, sagt der Juniorchef. „Aber man muss sich und sein Handwerk auch gut verkaufen.“ Jürgen und Alexander Dohn verzeichnen ein wieder erwachtes Interesse an ihrem Handwerk. Wie andere Kollegen in der Region haben auch sie die alte Tradition der Maßschuhanfertigung wiederbelebt.

„Es gibt zunehmend Menschen, die für ein handgefertigtes, perfekt sitzendes Paar Schuhe bereit sind, Zeit und Geld zu investieren“, berichtet Alexander Dohn. Erst wird ein individuell angepasster Holzleisten erstellt, dann werden Schnitt, Leder, Verzierung, Sohlen und Schnürung festgelegt. Selbst die Fäden aus Hanf und Pech stellen die Schuhmacher selbst her. Das ist Handwerk in reiner Form. Die Herrenschuhe sind eine Anschaffung fürs Leben: Ein handgefertigtes Paar gelochte Budapester aus edlem Pferdeleder kosten knapp 2500 Euro.

Trotzdem macht auch die Schuhmacherei Lenz weit mehr als 50 Prozent ihres Umsatzes mit Reparaturen. Einfach ist das nicht: „Einerseits soll alles ganz schnell gehen, wenig kosten, andererseits muss es gründlich und gut gemacht sein“, sagt Alexander Dohn. Bei der Qualität seien aber keine Kompromisse möglich. „Manches Material ist nun mal teurer. Einige Klebstoffe brauchen länger, um durchzutrocknen.“

Gesundheit von den Füßen abhängig

Die Berufsbezeichnung „Schuster“ lehnt Dohn energisch ab, genauso wie Kollege Gerhard Muth. Dohn sagt: „Wir schustern eben nicht irgendetwas zusammen.“ Das klinge immer ein wenig nach schnell und schlampig. Gute Qualität und gute Beratung zeichneten die Schuhmacher aus, die überlebten. „Schlüssel, Stempel oder Schilder waren und sind immer nur ein kleines Zusatzgeschäft.“ Vielmehr wollten die Kunden ein offenes Ohr und eine ehrliche Empfehlung für ihr Schuhwerk, dann seien sie auch bereit, Geld zu investieren und wiederzukommen.

Allerdings müssen sich nach Dohns Ansicht Stammkundschaft und Laufkundschaft die Waage halten. Einige Kunden kämen sogar aus Übersee immer wieder an die Münchner Straße. Der Schuhmacher sagt: „Wohlbefinden und Gesundheit hängen nicht zuletzt von unseren Füßen ab, sie tragen Tag für Tag die ganze Last.“

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Von Ewald Hetrodt

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