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Frankfurts Gedächtnis

09.09.2011 ·  Das Stadtarchiv, eines der ältesten in Deutschland, schaut in einer Ausstellung zurück auf eine seit 575 Jahre andauernde Geschichte von Provisorien. Von Hans Riebsamen

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575 Jahre Stadtarchiv. Das sind 575 Jahre Kampf gegen Mäuse und Motten. 575 Jahre Abwehrschlacht gegen Feuer und Feuchtigkeit. Aber auch 575 Jahre Ringen um neuen Stauraum für die Gebirge von Archivalien, die in diesen vielen Menschenaltern angefallen sind. Von den unzähligen Gefechten, die das Frankfurter Stadtarchiv, das heute Institut für Stadtgeschichte heißt, seit 1436 zu bestehen hatte, zeugt die Ausstellung "Das Gedächtnis Frankfurts" im Karmeliterkloster.

Die Geschichte des Stadtarchivs ist, so formuliert es Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU), auch eine Geschichte seiner Provisorien gewesen. Angefangen hat es mit einer eisenbeschlagenen Kiste, in welcher die wichtigsten Dokumente der Stadt, wie etwa das Messeprivileg von 1240, aufbewahrt wurden. Das Stadtarchiv, anfangs ein reines Archiv des Rates, dokumentierte die Rechtsverhältnisse der Reichsstadt. Weil die Verwaltung die dort gesammelten Verträge und Urkunden für ihre laufende Arbeit immer wieder brauchte, wurde mit dem Anwachsen der Dokumentenzahl ein zum Rathaus gehörendes Gebäude, der sogenannte Leonhardsturm am Römer, als Archiv eingerichtet.

Akten haben die natürliche Tendenz, zu wuchern und sich zu Bergen aufzutürmen. Um mehr Platz zu haben und auch ein gegen Feuer und Wasser besser geschütztes Gebäude, ließ die Stadt 1436 eigens den Archivturm Frauenrode errichten. Er reckte sich neben dem heutigen Büro der Oberbürgermeisterin gegenüber der Paulskirche in die Höhe. Auf einer Inschrift wurde dieses erste allein für Archivzwecke errichtete Gebäude als "ein wertvoller Schatz des Gemeinwesens und eine Zierde der Vaterstadt" gepriesen.

Aber bald herrschte im Stadtarchiv wieder Platzmangel. Eine Lösung des Problems brachte 1878 ein Neubau am Weckmarkt. Von diesem neben dem Leinwandhaus gelegenen Gebäude existiert nur noch das Eingangsportal, das heute in das "Café Metropol" führt. Als 1944 die Bomben auf Frankfurt fielen, wurde dieses Behältnis für Frankfurts Vergangenheit zerstört und mit ihm zwei Drittel seiner Schätze. Denn der Archivdirektor, ein strammer Nazi, der fest an den Endsieg glaubte oder zumindest andere daran glauben lassen wollte, ließ im Gegensatz zu seinem Kollegen vom Historischen Museum die Archivalien nicht an einen sicheren Ort bringen. Die Stadt kann von Glück sagen, dass zumindest die größten Kostbarkeiten wie die Goldene Bulle gerettet wurden.

Nach dem Krieg musste sich das Stadtarchiv durchwursteln. Große Bestände gammelten bis in die sechziger Jahre in Bunkern dahin, dann gerieten sie in einem Flügel der Großmarkthalle von der Feuchtigkeit in die Nässe. Erst 2006 mit dem Bezug des neuen Außenarchivs an der Borsigallee endete für das Stadtarchiv die Nachkriegszeit. Nicht nur den Archivalien, die zum Teil auch in einem Tiefmagazin unter dem Karmeliterkloster liegen, geht es gut, sondern auch den Archivaren. Diese arbeiten im 1959 bezogenen und 2010 gründlich renovierten Karmeliterkloster unter Bedingungen, um die sie in der ganzen Republik von ihren Kollegen beneidet werden.

Das Stadtarchiv ist mit der Geschichte Frankfurts aufs engste verknüpft. Die Kuratorin der Jubiläumsschau Jutta Zwilling trägt diesem Umstand in der Ausstellung dadurch Rechnung, dass sie die Vergangenheit auf drei Ebenen darstellt. Ganz oben auf den Wandtafeln lässt sie auf einem bläulichen Streifen die Stadtgeschichte ablaufen. Darunter, auf einem in hellem Oliv gehaltenen Streifen, stellt sie die bedeutendsten Schätze des Instituts für Stadtgeschichte vor, zum Beispiel die Goldene Bulle. Und auf dem unteren, gelbgrünen Streifen erzählt sie die wechselhafte Geschichte des Archivs.

Das Stadtarchiv hat sich im Laufe seiner Historie von einem Verwaltungsarchiv zu einem historischen Archiv gewandelt. Da sich die Geschichte Frankfurts nicht nur in Amtsakten, sondern in vielen anderen Dokumenten niederschlägt, sammelt man im Institut für Stadtgeschichte seit langem auch Landkarten, Fotografien und ganze Nachlässe. Diese können schon einmal gewichtige Objekte enthalten wie etwa eine Posaune aus Schrottteilen, die zu den dem Stadtarchiv anvertrauten Nachlass des Jazzmusikers Albert Mangelsdorff gehören.

30 000 Besucher haben in den vergangenen Monaten die Ausstellung "Frankfurt in alten Farbdias" gesehen, die das Institut ganz aus eigenen Bildern bestritt. Diese Schau zeigte beispielhaft, wohin die Reise unter der Direktorin Evelyn Brockhoff führt. Nämlich zu einem Stadtarchiv, das nicht mehr nur Historikern und Fachleuten seine Dienste anbietet, sondern sich immer stärker an die breite Öffentlichkeit wendet und in Ausstellungen, Vorträgen und Publikationen die Geschichte der Stadt vermittelt. Deshalb trifft des Kulturdezernenten Feststellung, das Stadtarchiv sei betagt, aber gleichwohl der Zukunft zugewandt, durchaus zu.

Wissen ist Macht und Wissen kann missbraucht werden, selbst das auf zwanzig Regalkilometern gelagerte Aktenwissen des Instituts für Stadtgeschichte. Im Nationalsozialismus wurden die Stammbäume der Bürger erforscht und die sogenannten Arier-Nachweise erstellt. Fand sich in den Archivalien ein Hinweis auf einen jüdischen Vorfahren, so konnte dies für den Betreffenden das Todesurteil bedeuten. Im Stadtarchiv am Weckmarkt residierte in jenen Jahren die "Städtische Beratungsstelle für Familienforschung". Sie war zwar dem Gesundheitsamt unterstellt, bezog ihre mitunter tödlichen Informationen aber aus Dokumenten des Stadtarchivs. Vielleicht hat der Kulturdezernent an diesen dunklen Fleck in der Geschichte des Archivs gedacht, als er zur Eröffnung der Schau die Parole ausgab: Nicht nur die Vergangenheit konservieren, sondern Schlüsse aus ihr ziehen.

Die Ausstellung "Das Gedächtnis Frankfurts" im Karmeliterkloster ist von Dienstag an bis zum 29. Januar zu sehen.

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