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Frankfurter Weihnachtsmarkt in Birmingham : Herrlich „christmasy“ und typisch deutsch

Santa Claus ist auch schon da: Vor dem Rathaus von Birmingham riecht es nach Glühwein und Rippchen mit Kraut. Bild: Franziska Bährle

Dass deutsche und englische Traditionen gut zusammenpassen, zeigt der Frankfurter Weihnachtsmarkt in der Partnerstadt Birmingham. Zur Eröffnung gibt es Würstchen.

          Wenn man nicht so genau hinsieht, ist es fast wie auf dem Römerberg: Es gibt Lichterketten und einen Weihnachtsbaum, Holzbuden und Gedränge, Bratwurstduft und Glühweindunst. Händler locken mit Lebkuchenherzen und geschnitzten Nussknackern, Kerzen oder frischgebackenen Waffeln. Nebenan brutzeln Würste auf einem Schwenkgrill. Kein Zweifel, das ist ein original Frankfurter Weihnachtsmarkt. So steht es jedenfalls auf den Glühweinbechern, mit denen eine Gruppe junger Engländer anstößt. Hier sei es einfach herrlich „christmasy“, sagen sie, so weihnachtlich und typisch deutsch.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die fünf Studenten sind nicht die Einzigen, die so denken. Es ist Donnerstagabend in Birmingham, trocken und kalt. Auf dem Victoria Square im Herzen der mittelenglischen Millionenstadt drängen sich zwischen den Buden schon seit Stunden feierlustige Briten. Um zehn Uhr morgens öffnet der Markt. Den Anfang machten Schulklassen am nostalgischen Pferdekarussell, dann kamen Angestellte auf ein Pils oder Weizen in der Mittagspause vorbei. Anders als sonst in England darf auf dem deutschen Weihnachtsmarkt Alkohol im Freien getrunken werden. Das gehört zu seinen Attraktionen. Seit dem Nachmittag ist der Platz besonders der Treffpunkt für alle, die jünger als vierzig Jahre sind.

          „1997 fingen wir mit einem Dutzend Buden an

          Als Bürgermeisterin Anita Ward im historischen Ornat eines englischen Lord Mayor auf die Bühne tritt und den fünfzehnten Frankfurter Weihnachtsmarkt in Birmingham für offiziell eröffnet erklärt, klatscht ihr eine gutgelaunte Menge zu. Bis zum 23. Dezember werden wieder Händler aus ganz Deutschland in der Stadt zu Gast sein. Der Export vom Main ist nicht nur ein Symbol für die Städtepartnerschaft zwischen den beiden Metropolen. Er ist inzwischen auch ein Wirtschaftsfaktor.

          „1997 fingen wir mit einem Dutzend Buden an“, erinnert sich Kurt Stroscher, der für die Tourismusgesellschaft der Stadt Frankfurt seither jedes Jahr den Markt nach England bringt. 3,2 Millionen Besucher kamen 2010. Sie bescherten den Standbetreibern einen geschätzten Umsatz von 60 Millionen Pfund. Das sind fast 70 Millionen Euro. In diesem Jahr könnte der Umsatz noch höher ausfallen. Mit zwölf neuen Ständen - mehr als hundert sind es nun insgesamt - erstreckt sich der größte deutsche Weihnachtsmarkt im Ausland über fast einen Kilometer des Stadtzentrums. Es gibt wohl keine besser besuchte Werbeveranstaltung für Deutschland auf der Insel.

          „Wollt ihr mehr Frankfurter Würstchen?“

          Deshalb ist auch der deutsche Botschafter in London, Georg Boomgaarden, gekommen, um auf der Eröffnung zu sprechen. Der Frankfurter Stadtrat Volker Stein (FDP) überbringt Grüße der Oberbürgermeisterin aus der Partnerstadt, und der mit Mitra und Hirtenstab ausgestattete Bischof der anglikanischen Diözese Birmingham, David Urqhuhart, wünscht den Besuchern jetzt schon ein frohes Christfest. Danach singt die deutsch-britische Schlagersängerin Irene Sheer auf Deutsch von Schnee und Liebe und auf Englisch ein Weihnachtslied. Es wird geschunkelt.

          „Wollt ihr mehr Frankfurter Würstchen?“ ruft der Moderator in die Menge, die johlend antwortet. Eine selbsternannte Alleinunterhalterin tanzt sich vor der Bühne im ärmellosen Paillettenkleid warm, und ein Gospelchor mit Weihnachtsmannmützen schmettert irgendwo „Santa Claus is coming to town“. Auf der Großbildleinwand am anderen Ende des Platzes ist das alles noch einmal zu sehen: Das britische Fernsehen ist live dabei.

          Angepasst an den britischen Geschmack

          Wenn deutsche und englische Traditionen aufeinandertreffen, entstehen zum Teil schräge Mischungen. „Die Eröffnung war wie eine Kreuzung aus Nikolaus und rheinischem Karneval“, sagt eine Birminghamer Studentin aus Münster, die für sechs Wochen aushilfsweise Wollmützen verkauft, und lacht. „Uns gefällt, dass hier so viele kunsthandwerkliche Sachen angeboten werden. Es wirkt nicht so kommerziell“, sagen zwei ihrer Kundinnen. Danach ziehen sie zum Stand mit den Bürsten weiter.

          An den meisten Essensständen ist das Angebot dem britischen Geschmack angepasst. Die Berliner sehen mit ihren grellbunten Glasuren eher aus wie amerikanische Donuts. Es gibt ein deutsches Café, das so Exotisches anbietet wie Krustenbrot. Mehr Zulauf als der Bäcker hat aber der Stand mit den aromatisierten Schokoschaumküssen. „Wir haben kein englisches Wort für diese Süßigkeit“, sagt der junge Familienvater. Beim Biss in ihren ersten Minz-Schokokuss verteilt die kleine Tochter gerade grünen Schaum im ganzen Gesicht.

          Kaum englische Worte haben aber auch viele Aushilfsverkäufer auf dem Markt. „Frankfurter Spezialitäten“ steht auf den Schürzen der Frauen am größten Grillstand. Sie verstehen zwar „Frankfurter Rippchen mit Kraut“, doch bei weiteren Nachfragen müssen sie mit ihrem gebrochenen Englisch passen. „Wir kommen aus Polen und Albanien“, sagen sie entschuldigend.

          Quelle: F.A.Z.

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