Um kurz nach sechs liegen die ersten Steaks auf dem Grill. Es riecht nach gewürztem Schweinenacken und Kartoffelsalat. Der Duft zieht über den gepflegten Rasen und breitet sich schließlich auf der Terrasse aus, genau dort, wo sich an diesem lauen Mittwochabend etwa ein Dutzend Männer in roten Poloshirts auf Stühlen im Halbkreis versammelt haben. Es herrscht Kleingartenatmosphäre.
Und doch geht es hier um viel Wichtigeres als um gepflegte Blumenbeete und die größten Zucchini. Peter Kussmann ist mit seinem „London“-Roller gekommen. Eine alte „PX 125“, Baujahr 1980. „London“-Roller wird er deshalb genannt, weil der Rahmen des ansonsten feuerroten Gefährts mit dem Union Jack verziert ist - nicht aus Anlass der Olympischen Spiele, sondern wegen des Vespa World Days, der vor einigen Wochen in der britischenHauptstadt stattgefunden hat.
Er sieht eher aus wie ein Harley-Fahrer
Jedes Jahr nimmt Kussmann an den internationalen Treffen teil, was zahlreiche Plaketten bezeugen. Die Fahrten gingen nach Turin, Zell am See oder San Marino. Neben Kussmanns Roller stehen etwa zehn weitere von anderen Mitgliedern. Die meisten in gediegenem Schwarz und mit einer kleinen Wespe drauf - dem Symbol des Frankfurter Vespa-Clubs.
Kussmann ist wie alle anderem im Verein ein echter Roller-Liebhaber. Wenn man ihn sieht mit seinem Bart, dem sportlichen Shirt und den lässigen Jeans, würde man zwar eher vermuten, er sei Harley-Fahrer. Große Maschinen haben den Frankfurter aber nie gereizt. Er düst lieber mit seinem Roller durch die Stadt. „Das hat mehr Charme“, sagt er.
Geschichten von den Ausflügen auf dem Roller
Dieser Auffassung sind alle rund 96Mitglieder, die Vespa-Club derzeit angehören. Bis auf wenige Frauen sind alles Männer. Vom Banker bis zum Hausmeister. Das jüngste Mitglied ist vierundzwanzig. Die meisten aber sind vierzig Jahre und älter. Ausgerechnet eine der wenigen Frauen ist die „Seele“ des Vereins. Susanne Pilgrim, die seit fast zwanzig Jahren überzeugte Roller-Fahrerin ist und seit einer Dekade dem Club angehört. An diesem Abend sitzt sie wie jeden Mittwoch im Vereinsheim an der Kaltmühle in Heddernheim und sorgt dafür, dass alle versorgt sind. So gut wie sie kennt wohl kaum jemand die unterschiedlichen Mitglieder.
Der Vereinsvorsitzende Wolfgang Müller kommt vorbei, sie halten einen kurzen Plausch. Nach Müller kommen andere, fragen Susanne Pilgrim um Rat und erzählen von ihren letzten Ausflügen. Pilgrim selbst ist durch ihren Mann auf das Zweirad gekommen. Ihr Mann war bei der Krad-Staffel der Polizei. 1996 hat sie dann auch den Motorrad-Führerschein gemacht. Kurz darauf kaufte sie sich ihren ersten Roller. „In Mädchenlila“, wie sie sagt. Schließlich überzeugte sie auch ihren Mann. Fortan machten sie Urlaub mit dem Wohnmobil und nahmen ihre Roller mit. Inzwischen hat Pilgrim sechs davon, und sie lacht verschämt, wenn man sie nach der Anzahl fragt. „Die meisten Vespa-Fahrer haben ein bis zwei Roller“, sagt die gebürtige Sachsenhäuserin.
Der Verein hat eine lange Tradition
Was die Mitglieder des Vespa-Clubs vereint, ist aber nicht nur die Liebe zum Gefährt, sondern vor allem die Lust an gemeinsamen Ausflügen. Der Trip nach London ist nur ein Beispiel dafür. Am Wochenende fahren sie durch die Region und werden dabei nicht selten zur Attraktion. „Da staunen alle“, sagt Pilgrim. „Die Leute bleiben stehen und sprechen uns an. Vom Hells Angel bis zur Oma.“
Der Verein hat eine lange Tradition. Den Vespa-Club gab es schon in den fünfziger Jahren, 1966 löste er sich jedoch auf - um Jahre später, 1998, wieder gegründet zu werden. Was alle Mitglieder mitbringen, ist eine gewisse Affinität zur Technik. Manche treffen sich an den Wochenenden und schrauben an ihren Maschinen herum oder sorgen dafür, dass ihre Roller immer blitzblank geputzt sind.
nächsten Tag fuhren sie nach Calais und von dort aus mit der Fähre auf die Insel. „Wir lassen uns da immer Zeit“
So wie der Roller von Peter Kussmann, der sagt, ein Roller sei nicht nur ein Fortbewegungsmittel, sondern auch ein Schmuckstück. Er lackiere seinen Roller immer selbst. Sammler gibt es hingegen wenige im Frankfurter Vespa-Club, was aber laut Pilgrim nicht daran liegt, dass die Leute kein Interesse an alten Modellen haben, sondern daran, dass der Markt „so gut wie abgegrast ist“. Es gebe kaum noch historische Modelle. Viele kauften sich deshalb neue Vespas in nostalgischem Designs. So wie Pilgrims Vespa PX, Baujahr 2005. „Die ist auf alt gemacht.“ Auch Pilgrim mag die Ausflüge am liebsten. Wie die anderen Mitglieder schwärmt auch sie noch von der London-Fahrt. Bei den Vespa World Days haben sie unter anderem Freunde aus Sacramento getroffen.
Mehrere Tage hat die Fahrt in die britische Hauptstadt gedauert. Von Frankfurt aus sind sie erst in die Eifel gefahren, dann weiter nach Lille, wo sie übernachteten. Am nächsten Tag fuhren sie nach Calais und von dort aus mit der Fähre auf die Insel. „Wir lassen uns da immer Zeit. Wir fahren so schnell, wie der langsamste ist. Der Weg ist das Ziel.“ Diesen Mittwoch werden sie sich wieder treffen. Dann werden neue Reisen geplant. Im nächsten Jahr geht es nach Belgien. Vorher aber steht eine andere bedeutende Fahrt an: beim Karnelvalsumzug „Klaa Paris“ in Heddernheim.