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Start-up wagt Börsengang : Creditshelf sorgt für Novum am Aktienmarkt

Gehört bald auch zu den Börsengängern: Creditshelf-Gründer Tim Thabe Bild: Helmut Fricke

Als erstes Fintech wagt ein Start-up aus Frankfurt einen Börsengang. Der Plan ist ambitioniert, doch das Potential der Kreditplattform für Mittelständler ist groß.

          Der Blick in die neuen Büros weckte bei Tim Thabe zunächst Zweifel. Würde sein junges Unternehmen diese 400 Quadratmeter große Fläche mit eigenen Mitarbeitern füllen können? Für Thabe, Gründer und Vorstandschef des Start-ups Creditshelf, schien diese Vorstellung im August vergangenen Jahres irgendwie unwirklich. Doch seitdem haben sich die Ereignisse überschlagen für das Fintech, das Kredite zwischen mittelständischen Unternehmen und institutionellen Investoren vermittelt. Läuft alles nach Plan, werden die 35 Arbeitsplätze in dem Gebäude am François-Mitterrand-Platz sehr bald besetzt sein.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Denn Creditshelf will weiter wachsen und geht nun sogar einen Schritt, der am Aktienmarkt ein Novum darstellt, denn Creditshelf ist das erste Finanz-Start-up, kurz Fintech, das einen Börsengang wagt. Das 2014 gegründete Unternehmen plant, im Rahmen einer Kapitalerhöhung zwischen 15 und 20 Millionen Euro in einigen Wochen einzusammeln. Die Notierung soll im regulierten Markt (Prime Standard) erfolgen.

          Die Idee für das Unternehmen hatte Tim Thabe lange im Kopf. Nach dem Studium in Mannheim arbeitete er sechs Jahre lang für Goldman Sachs und beschäftigte sich damals bereits mit Kreditrisiken. 2011 wechselte Thabe zur schweizerischen Großbank UBS nach Zürich und traf dort auf Daniel Bartsch, der in seiner ersten Einführungsvorlesung an der Uni neben ihm gesessen hatte. Die beiden Freunde gründeten 2014 Creditshelf.

          Der vor vier Jahren begonnenen Geschichte soll nun ein weiteres Kapitel hinzugefügt werden. Denn Thabe sieht für Creditshelf einen großen Markt mit viel Wachstumspotential. Die Gründer und die derzeit 27 Mitarbeiter wollen eine Kreditlücke schließen, die sie bei der Finanzierung von mittelständischen Betrieben ausgemacht haben. Demnach ist das jährliche Kreditvolumen im deutschen Mittelstand zwischen 2005 und 2016 von 287 auf 293 Milliarden Euro, also um gut zwei Prozent, gestiegen, wohingegen das Bruttoinlandsprodukt im gleichen Zeittraum um mehr als ein Drittel gewachsen ist.

          Die daraus resultierende Kreditlücke, die sich laut Schätzungen des Unternehmens auf weitere 100 Milliarden Euro beläuft, sei hauptsächlich auf die zurückhaltende Kreditvergabepolitik traditioneller Banken nach der Finanzkrise zurückzuführen, so Thabe, die zudem von zunehmenden Regulierungsauflagen und hohen Prozesskosten erschwert wird. Addiert man also die Kreditlücke zum jährlichen Bedarf, umfasst der Markt für Mittelstandsfinanzierungen knapp 400 Milliarden Euro. Das Frankfurter Fintech glaubt, mit seiner onlinebasierten Plattform, die seit Ende 2015 am Markt ist, davon ein Marktvolumen in Höhe von knapp 40 Milliarden Euro zu adressieren.

          Das Geschäftsmodell von Creditshelf basiert auf einer digitalen Plattform, die Darlehen zwischen 100 000 und 5 Millionen Euro an mittelständische Betriebe vermittelt. Herzstück ist demnach eine selbstentwickelte, datengesteuerte Risikoanalyse, durch die das Unternehmen ungeeignete Anträge automatisch aussortieren kann. Der weitgehend digitalisierte Prozess spart Zeit: Dem Start-up zufolge sollen zwischen Antrag und etwaiger Auszahlung in den meisten Fällen nur ein bis zwei Wochen liegen, wogegen Banken in der Regel länger brauchen. „Das ist ein klarer Wettbewerbsvorteil für uns“, so Thabe.

          Seit der Marktreife vor zweieinhalb Jahren sind auf der Plattform von Creditshelf 1100 Anfragen mit einem Kreditvolumen in Höhe von 900 Millionen Euro eingegangen, zustande kamen letztlich 127 Kredite in Höhe von insgesamt 58 Millionen Euro. Der noch junge Mittelstandsfinanzierer profitiert bei der Vermittlung von einem Provisionsmodell. Der Umsatz von Creditshelf betrug 2016 248 000 Euro und stieg im vergangenen Jahr auf 1,2 Millionen Euro. „Unser mittelfristiges Ziel ist es, pro Jahr Kredite in Höhe von 500 Millionen Euro zu vermitteln“, sagt Thabe. Dass der Börsengang mit dem noch recht niedrigen Umsatz ein ambitioniertes Projekt ist, weiß der Chef des Frankfurter Fintechs. Doch Thabe sagt, man wolle damit ein Zeichen setzen. „Der Börsengang soll ein glaubwürdiges Signal an Kunden und Investoren sein, dass unser Produkt für Qualität steht.“

          Das Wachstumskapital soll dafür verwendet werden, die Software weiterzuentwickeln, um eine noch tiefer gehende Analyse potentieller Kreditnehmer und -geber zu ermöglichen. Zudem strebt Creditshelf Kooperationen mit Banken an, die das von dem Fintech adressierte Geschäft mit ihren Produkten nicht bedienen können und Anfragen deshalb an die Frankfurter weiterreichen könnten. Darüber hinaus sollen das Produktportfolio erweitert und Geld investiert werden, um den Bekanntheitsgrad der Plattform zu erhöhen. Denn auch andere Unternehmen haben den Markt entdeckt: Zwar sprechen die meisten vergleichbaren Start-ups Unternehmen von anderer Größe an. Trotzdem soll der Börsengang dabei helfen, sich von möglicher Konkurrenz abzusetzen.

          Dass sich Creditshelf in Frankfurt angesiedelt hat und nicht etwa in Berlin, hat laut Thabe mit der zentralen Lage der Stadt im Herzen Deutschlands zu tun, aber auch mit der Nähe zu den Banken. Das neue Büro im Bankenviertel könnte schon bald wieder zu klein sein.

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