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FAZ Plus Artikel Im Gespräch: Johannes zu Eltz : „Die Mehrheit der Menschen erreichen wir nicht mehr“

Stadtdekan Johannes zu Eltz wünscht sich eine barmherzige Kirche. Bild: epd

Die katholische Kirche muss nach Ansicht von Stadtdekan Johannes zu Eltz selbstkritischer und toleranter werden. Darum hat er die Diskussion über Segensfeiern für Homosexuelle angestoßen.

          Wenn morgen ein homosexuelles Paar zu Ihnen kommen und Sie um eine Segensfeier bitten würde, was würden Sie erwidern?

          Marie Lisa Kehler

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Kommen Sie rein, nehmen Sie Platz ... Ich muss zuerst hören, wer die Leute sind, was der Glaube ihnen sagt, wofür sie den Segen der Kirche haben möchten. Klarmachen muss ich ihnen allerdings auch, dass es solche Feiern noch nicht gibt. Wir haben gerade erst angefangen, ergebnisoffen darüber zu sprechen.

          Die Angebot einer Segensfeier soll sich aber nicht nur an homosexuellen Paare richten, oder?

          Ja, wir sehen auch Paare, die nach einer Scheidung den Weg zu einer erneuten kirchlichen Trauung nicht freibekommen haben. Und Paare, die eigentlich heiraten könnten, sich aber ein Sakrament nicht zutrauen. Sie alle sind außen vor, weil es bei uns nur „alles oder nichts“ gibt.

          Und künftig geht auch „ein bisschen“?

          In Wirklichkeit geht es überall nur schrittweise. Gradualität ist ein Lebensgesetz, Rückschritte und Abwege mit eingeschlossen. Dem müssen wir Rechnung tragen. Wir können nicht alle ignorieren, deren Partnerschaft in unseren Augen nicht perfekt ist.

          Woher kommt der Sinneswandel? Auch Kardinal Marx hat sich öffentlich für eine Segensfeier für homosexueller Paare im Einzelfall ausgesprochen.

          Mittlerweile ist er, so scheint es, zurückgerudert. Aber der Realitätsdruck bleibt. Und die Hirtensorge, dass wir mit zu eng gezogenen Grenzen die aussperren, für die wir vor allem da sind. Die rigorosen Regeln für die richtige Partnerschaft überzeugen nur die Überzeugten. Und auch die halten sich nicht immer daran. Die große Mehrheit der Menschen – auch der Katholiken – erreichen wir mit unserer Lehre nicht mehr. Das ist ein horrender Verlust an Diskursfähigkeit und seelsorglicher Qualität.

          Bisher hat die Stadtkirche lediglich den Vorschlag eingebracht, Segensfeiern für Paare anzubieten, die zuvor von einer solchen Zeremonie ausgeschlossenen wurden. Trotzdem gilt das als kleine Revolution. Wieso?

          Das geht nach dem Motto: „Sensation: katholische Kirche hält Mondlandung für möglich!“ Im Ernst: Wir sind halt langsam in der Entwicklung unserer Lehre. Das muss kein Nachteil sein. Wir sind aber seit längerer Zeit auch über Kreuz mit den Entwicklungslinien der modernen Gesellschaft. Das fördert Tendenzen zur Verstockung. Die Fähigkeit zu Selbstkritik und Selbstkorrektur wird nicht mit der katholischen Kirche in Verbindung gebracht.

          Was denn dann?

          Wenn es gutgeht: die Weisheit der Jahrtausende und ein fester Standpunkt in dem, was wir erhoffen. Wenn es schiefläuft: theologischer Narzissmus, wie Papst Franziskus es nennt, institutioneller Eigennutz, Kaltherzigkeit und Hochmut. Ich fürchte, auf dem Gebiet der Moral läuft es seit längerem schief. Wir legen die Latte so hoch, dass die Leute sie regelmäßig reißen oder überhaupt nicht mehr springen.

          Zurück zu den Segensfeiern ...

          Ja, es ist wichtig, dass diese Frage nicht eng geführt wird auf das Anliegen der gleichgeschlechtlichen Paare. Mit denen müssen wir sprechen, vor allem: Wir müssen ihnen zuhören, geschwisterlich und bußfertig. Aber sie sind nicht die Einzigen. Es gibt ein riesiges Umfeld von Beziehungen und Verhältnissen kreuz und quer durch die Geschlechter, die den kirchlichen Geboten nicht genügen. Das, was wir irregulär genannt haben, ist nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel. Es reicht nicht, wenn wir darauf nur taktisch reagieren. Wir müssen die Inhalte auf den Prüfstand stellen. Unsere ewigen Wahrheiten sind längst nicht so ewig, wie sie uns erscheinen. Alles, was wir in der Schöpfung von Gott verstehen, was uns die Natur lehrt, ist geschichtlich vermittelt. Wenn wir da stur bleiben, sind wir wie Eisbären auf einer abschmelzenden Scholle, die vom Schelfeis abgerissen ist und im warmen Meer treibt. Unsere Scholle beherrschen wir noch, aber sie wird rasch kleiner.

          Soll es künftig weniger streng auf der Scholle zugehen?

          Das Bild zeichnet ja eine Fehlentwicklung. Auf der Scholle läuft gar nichts. Wir müssen unter die Leute, auch im wörtlichen Sinne. Wir haben ihnen nichts voraus und sind ihnen nicht über. Seelsorge ist kein Herrschaftsverhältnis. „Einer ist euer Meister, ihr alle seid Brüder“, sagt Jesus. Für Seelsorge ist das der Ausgangspunkt. Den Glauben vorleben und anbieten kann man aber nicht mit allgemeinen Wahrheiten von oben herab. Das geht nur in der Auseinandersetzung mit einzelnen Leuten in ihren konkreten Verhältnissen. So, wie wir verfasst sind und in Gesellschaft leben, kann die Überzeugungskraft des Glaubens nur von unten nach oben wachsen. Wenn sich die Kirche darauf einstellt, vollzieht sie einen radikaler Wandel.

          Eine Segensfeier ist keine Trauung. Wie stellen Sie sich eine solche Feier vor?

          Die Segensfeier für ein Paar setzt nach meiner Ansicht eine öffentliche Bekundung voraus, dass das Paar treu zusammenleben und so die Werte hervorbringen möchte, auf denen Segen ruht. Eine Trauung nach dem staatlichen Ehegesetz könnte eine Voraussetzung sein. Daran lässt sich sehen, dass es dem Paar ernst ist.

          Gab es Kritik dafür, dass Sie den Vorschlag der Segensfeiern auf dem Stadtkirchenforum eingebracht haben?

          Natürlich. Immer, wenn es um Sexualität geht, wird es brenzlig. Das hat auch kulturelle Hintergründe. Wir sind immer noch stark vom 19. Jahrhundert geprägt. Da war Sexualität in Kirche und Gesellschaft rigide normiert und mit viel Angst und Abwehr besetzt. Homosexualität ganz besonders. Wer da an Tabus rührt, muss mit aggressiver Kritik rechnen. Und mit dem Vorwurf, man trage zum Einsturz der kirchlichen Autorität bei.

          Wie treten Sie Kritikern entgegen?

          Ich bin selber noch unsicher. Zum Reformator fehlt mir das Sendungsbewusstsein. Ich muss mich von meiner seelsorglichen Erfahrung leiten lassen. Ich habe schon das Gefühl, dass die Richtung stimmt. Wir müssen vom guten Willen und dem Glaubensernst derer ausgehen, die mit dem Wunsch nach Segen zu uns kommen. Die Kritiker sagen, wir verstünden die Salamitaktik der Schwulenbewegung nicht und seien nützliche Idioten. Dieses Misstrauen dürfen wir uns nicht einreden lassen. Der Verdacht, dass es denen, die an unsere Tür klopfen, gar nicht um Segen geht, sondern darum, eine Bresche in die Mauer zu brechen, ist nicht konstruktiv.

          Sie formulieren und fordern indirekt eine neue Haltung der Kirche. Was, wenn nicht alle Geistlichen diese Haltung teilen?

          Ich habe den Eindruck, dass viele Verantwortliche – Priester und andere – diese Haltung längst haben und sehnlich darauf warten, sie wirksam werden zu lassen. Aber wichtig ist auch: Wer den Vorsitz bei so einer Segensfeier nicht verantworten könnte, dürfte dazu nicht gezwungen werden. Wenn wir persönlich auf jedes Schäfchen eingehen sollen, dann müssen wir auch Rücksicht auf das Gewissensurteil der Hirten nehmen.

          Warum wollen Sie den Schritt nur mit dem Bistum Limburg gehen?

          Wir sind zwar ein großer Bezirk und haben eine starke Stellung in der Öffentlichkeit, aber wir sind ein unselbständiger Teil der Ortskirche von Limburg. Damit das, was wir hier wollen, eine kirchliche Qualität bekommt, bemühen wir uns intensiv um den Schulterschluss mit dem Bischof und dem Bistum. Das sind wir denen schuldig, die zu uns kommen. Der Segen der Kirche ist etwas anderes als der gute Wille des einzelnen Seelsorgers, der etwas auf die eigene Kappe nimmt.

          Noch einmal zur Ausgangsfrage: Käme morgen ein homosexuelles Paar zu Ihnen und würde um den Segen bitten. Würden Sie es tun?

          Nein, sicher nicht. Weder öffentlich noch privat. Ich leite im Bezirk Frankfurt die Seelsorge im Auftrag des Bischofs. Mein Amt gibt so ein Vorpreschen nicht her, und meine Bemühung geht in eine andere Richtung. Ich möchte dazu beitragen, dass die ganze Kirche sich neu aufstellt. Das geht nur mit fair play. Deshalb haben wir angefangen, alle Steine umzudrehen. Auf das Risiko hin, dass Dinge, die bisher irgendwie gingen, in Zukunft nicht mehr gehen. Die Segnungen gehören nicht in eine schummrige Ecke. Sie müssen am hellen Tag gefeiert werden können. Wir sind Kinder des Lichtes, nicht der Finsternis. Deshalb müssen die Betroffenen mit denen, die so denken wie ich, viel Geduld haben. Aber die Geduld lohnt sich.

          Reichen Recht und pastorale Praxis, oder muss sich das Menschenbild der Kirche ändern?

          Das Wunderbare an der Kirche ist, dass sie sich tatsächlich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen kann. Wir haben ja mit dem Evangelium einen inhärenten Maßstab der Kritik und der Reform. Das Menschenbild, dem wir verpflichtet sind, ist das Menschenbild Christi: so, wie er selbst ist, und so, wie er mit uns umgeht. Darin sehe ich sehr wohl den Grund für das Sakrament der Ehe von Mann und Frau gelegt. Aber das Lehramt hat eine Schippe draufgelegt. Es sichert den Pfad der ehelichen Tugend so massiv ab, dass für Devianz kein gutes Wort mehr übrig bleibt. Das hat im Wort und im Handeln Jesu kein Vorbild. Wenn das naturrechtliche Ordnungsdenken absolut gesetzt wird, dann wird es unbarmherzig. Die Kritiker denken, dass man damit das christliche Abendland verteidigt. In Wirklichkeit sägen wir so den Ast ab, auf dem die ganze Kirche sitzt. Denn die lebt von dem Vertrauen der Sünder, dass, wenn es um ihr Heil geht, sie bei uns an der richtigen Adresse sind.

          Kann die Kirche wieder diese Adresse werden?

          Ja sicher. Sie muss nur in den Spiegel schauen. Das hat Papst Franziskus durchbuchstabiert. Er sagt: „Ich bin ein Sünder – aber ein geliebter.“ Deshalb redet er einer zerbeulten Kirche das Wort, die man auf den Straßen der Welt findet. Die dort ein Lazarett betreibt und vor allem helfen und heilen möchte. Und wenn sie urteilt, nicht vergisst, dass sie demselben Urteil unterfällt.

          Kein Ringwechsel, kein Eheversprechen

          Stadtdekan Johannes zu Eltz macht deutlich, dass es für eine Segensfeier verbindliche Richtlinien geben müsse. Nur dann sei eine Verwechslung mit einer kirchlichen Eheschließung, in der das Sakrament der Ehe gespendet wird, ausgeschlossen. Der Stadtdekan hatte den Vorschlag für theologisch begründete Segensfeiern auf dem zweiten Stadtkirchenforum im Januar eingebracht. Bei der Veranstaltung wurden mögliche Reformen in der Kirche in Frankfurt diskutiert. Voraussetzung für eine Segensfeier müsse eine verbindliche und öffentliche Erklärung der Partner zueinander sein, die sie vorher abgeben müssten. Dies könne zum Beispiel durch eine standesamtliche Eheschließung geschehen. Die liturgische Form der Segensfeier muss nach Ansicht von Johannes zu Eltz auf wesentliche Symbolhandlungen und Elemente einer kirchlichen Eheschließung wie etwa das Anstecken der Ringe oder das einander zugesprochene Eheversprechen verzichten. Nach der katholischen Lehre können sich nur Mann und Frau das Sakrament der Ehe spenden. (mali.)

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