Home
http://www.faz.net/-gzg-6z2bp
Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Frankfurter Sportstudiokette Unruhe bei Fitness First

 ·  Die Frankfurter Sportstudiokette Fitness First muss sich gegen Klagen aus Mitarbeiterkreisen wehren. Der Geschäftsführer spricht nun von Tarifverträgen und Mindestlöhnen. Bald dürften neue Eigner das Sagen haben.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Äußerlich entspricht das Fitnessstudio im schicken Hilton-Hotel an der Frankfurter Hochstraße dem Idealbild von Fitness-First-Chef Stefan Tilk. Ein Schwimmbad, mehrere Saunen, Dampfbad und Solarien ergänzen den üblichen Gerätepark - bis zu 119 Euro im Monat zahlen Mitglieder für solche Premium-Angebote. Da passen die Geschichten, die aus der Arbeitswelt von Fitness First immer wieder zutage treten, gar nicht ins Bild.

Weil er mit Drohungen Mitarbeiter daran gehindert haben soll, einen Betriebsrat zu gründen, wurde laut Staatsanwaltschaft Frankfurt im vergangenen Mai gegen die Führung des Clubs an der Hochstraße Anzeige erstattet. Im Januar wurden die Ermittlungen zwar eingestellt, zurzeit wird aber noch eine Beschwerde gegen diese Einstellung geprüft.

Einige Unruhe

Es ist nicht das erste Mal, dass sich ehemalige oder gegenwärtige Mitarbeiter der zweitgrößten deutschen Fitnessstudiokette mit Sitz an der Hanauer Landstraße über die Arbeitsbedingungen beschweren. Von Gängelungen von Betriebsräten und hartem Margendruck ist immer wieder die Rede. Zuletzt berichtete die „Welt am Sonntag“ unter Verweis auf mehrere anonyme Quellen unter anderem von einer „Wand des Schreckens“ in einem der zehn Frankfurter Clubs, auf der kompromittierende Fotos von Angestellten, die bestimmte Vertriebsvorgaben nicht erfüllten, gezeigt wurden.

In der Zentrale der Fitnesskette im Ostend sorgen die Vorwürfe inzwischen für einige Unruhe. Die Konzernführung in London und der Eigentümer, der Finanzinvestor BC Partners, haben einen Prüfer nach Frankfurt entsandt, zwei Kanzleien durchleuchten die Arbeitsabläufe in der Fitness-Zentrale. Das Ergebnis steht noch aus. Von dem Leiter des Studios im Hilton-Hotel, der auch für den Club im Bürozentrum „An der Welle“ zuständig war, hat sich das Unternehmen allerdings inzwischen getrennt.

Tilk kam von Bertelsmann

Deutschland-Geschäftsführer Tilk sagte am Dienstag im Gespräch mit dieser Zeitung, er selbst habe die Prüfung angeregt, um insbesondere den Vorwurf zu entkräften, dass er die Gängelung von Mitarbeitern durch Vorgesetzte geduldet oder mit harten Geschäftsvorgaben sogar gefördert habe. Auch sonst geht er in die Offensive. So würden derzeit Gespräche mit der Gewerkschaft Verdi geführt, als eines der ersten Unternehmen der Branche denke man über die Einführung von Mindestlöhnen nach. Bei Verdi war gestern niemand zu dem Thema zu erreichen. In 23 der 87 Clubs gibt es laut Tilk inzwischen Betriebsräte, die gemeinsam auch einen Gesamtbetriebsrat stellten. Aus deren Reihen sei über die nun öffentlich gewordenen Vorwürfe viel Unverständnis zu hören gewesen.

Tilk steht seit 2009 an der Spitze von Deutschlands zweitgrößter Fitnesskette. Er kam von Bertelsmann und sollte den etwas verrosteten Deutschlandableger der internationalen Studiokette, der einst als Fitness Company in Frankfurt gegründet worden war, wieder auf Vordermann bringen. Dass er dabei viele aus der „Komfortzone“ geholt habe, nennt er gerne als Grund für die immer wieder laut werdenden Vorwürfe. Außerdem verweist er auf die großen Zahlen: 4500 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen, 270.000 Kunden werden in 87 Clubs betreut. Dass es da immer einmal wieder welche gebe, die unzufrieden seien und ihrem Ärger Luft machten, findet er verständlich.

Eigentümerwechsel steht an

Er selbst berichtet lieber von Erfolgen seiner Arbeit. Den „Turnaround“ habe er geschafft, 90 Prozent der Clubs seien inzwischen profitabel, die Marke sei klar im Markt positioniert. Im aktuellen Geschäftsjahr, das seit November läuft, seien bislang alle relevanten Zahlen - Neuverträge, Zahl der Abgänge, Beitrag pro Mitglied - jeden Monat besser als geplant gewesen. Auch blieben inzwischen durch neue Trainingsprogramme weit mehr Mitglieder länger als ein Jahr dabei als zu dem Zeitpunkt, als Tilk angefangen habe. 16 Clubs habe man im vergangenen Jahr wegen Unprofitabilität geschlossen, und dennoch sei der Umsatz von zuletzt 148 Millionen Euro kaum gesunken, sagt Tilk.

Nach einem baldigen Ende der Unruhe in der Fitness-Zentrale sieht es allerdings nicht aus. Denn die internationale Studiokette steht kurz vor einem Eigentümerwechsel. Nachdem BC Partners den Sportkonzern 2005 zu einem offensichtlich zu hohen Preis erworben hat und ein geplanter Börsengang im vergangenen Jahr gescheitert ist, stehen nun die beiden Finanzinvestoren Oaktree und Marathon kurz vor der Übernahme (siehe Seite 12). Was das für den Deutschland-Ableger heißt, ist ungewiss. Zuletzt waren mehrere Landesgesellschaften, die nicht die richtigen Margen erbracht hatten, abgestoßen worden.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1982, Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

Jüngste Beiträge

Rheintal am Gängelband

Von Oliver Bock

Dem Rheintal muss erspart bleiben, was Dresden mit seiner Waldschlösschenbrücke schmerzlich erfahren hat. Wo lag am Ende der Gewinn, der sächsischen Landeshauptstadt das Welterbeprädikat zu entziehen? Mehr 3 1