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Frankfurter Silberwarenladen : „Die klassische Tischkultur ist verloren gegangen“

  • -Aktualisiert am

Silberne Familie: Utta Günther (Mitte) mit ihren Kindern Evi und Lorenz. Bild: Wresch, Jonas

Utta Günther hat einen „Sinn für schöne Dinge“: Sie führt in der Frankfurter Innenstadt seit fast vier Jahrzehnten ein Geschäft, das Silberwaren vertreibt. Doch der Verkauf von Edelmetall lief schon einmal besser.

          Wenn Utta Günther von ihrer fast vier Jahrzehnte langen Erfahrung im Silbergeschäft erzählt, wird schnell deutlich, wie sich die Branche seitdem verändert hat. Einst war die Besonderheit von echtsilbernen Waren hochgeschätzt und wurde teuer bezahlt. Heute ist der Markt instabil, der Preis für das Edelmetall schwankt. Und auch die Kundschaft hat sich im Laufe der Jahrzehnte gewandelt.

          Als Günther begann, ihren „Sinn für schöne Dinge“ vom Hobby zum Geschäft zu machen, war ihre Tochter Evi noch ein Kind. Der Vater war damals Spielführer eines Golfclubs im Taunus, und Utta Günther kümmerte sich um die Trophäen. Dafür bestellte sie echtes Silber aus Italien - vorerst in das Zuhause der Familie, als die Nachfrage größer wurde, in die dafür angemieteten Geschäftsräume, später in den eigenen Laden. Heute führen Günthers Tochter und der Sohn Lorenz den Traditionsbetrieb an der Kaiserstraße.

          Ein bisschen wirkt das geräumige Geschäft nahe der Hauptwache wie der Zeit enthoben. Was die vornehme Familie anbietet, ist wertvoll, schön und nicht eben postmodern. Hunderte Kerzenleuchter, Bilderrahmen, Haushaltswaren, Vasen und andere Gefäße in vielen Formen und Größen funkeln frisch poliert in den Vitrinen. „Wir gehen eher gegen den Strom der Zeit“, sagt Günther. Ehemals habe für die Kunden die Wertigkeit der Objekte im Vordergrund gestanden. Heute sei das Gros der Verbraucher auf den schnellen Konsum aus. „Von der klassischen Tischkultur des Bürgertums ist etwas verlorengegangen“, hat Günther festgestellt. Klassische Wertanlagen wie das Familiensilber seien aus der Mode gekommen.

          Als Taufgeschenk liegt Silber noch im Trend

          An den prachtvollen Ausstellungsstücken im Schaufenster - kunstvoll gearbeitete Skulpturen etwa und aufwendig verzierte Rahmen - erfreuen sich die Passanten sichtlich. Laufkundschaft gebe es aber wenig, sagt die Inhaberin. Viele Stammkunden aus der Stadt und den umliegenden Orten des Taunus schätzten das Sortiment, und auch das Geschäft mit den Trophäen und Medaillen für Sportclubs und den Incentive-Geschenken für Unternehmen gehe noch immer. Infolge der Krisen von Wirtschaft und Finanz sei es aber zurückgegangen, sagt Günther: „Man ist nicht mehr so großzügig.“

          Als Taufgeschenke seien die Silberwaren dagegen noch immer beliebt. „Etwas Bleibendes“ nennt Utta Günther Präsente wie einen silbernen Löffel mit dem eingravierten Namen des Kindes oder einen Trinkbecher aus reinem Edelmetall zum Preis von rund 200 Euro. „So etwas lebt mit, es geht nicht kaputt und begleitet die Familie die gesamte Kindheit hindurch.“ Und auch zu festlichen Anlässen wie runden Geburtstagen, Weihnachten oder einer Goldenen Hochzeit entscheide sich mancher für die Investition in ein zeitloses Geschenk aus Silber.

          Aus Italien komme das beste Silber

          Mit der Veränderung der Kundenansprüche und der des Marktes hat sich auch das Sortiment verändert. Eine Ladenhälfte ist bestückt mit den zum Teil handgefertigten Waren aus dem reinen Edelmetall, das die Inhaberin noch immer zum großen Teil aus Italien bezieht: „Von dort kommt das beste Silber.“ Die andere Hälfte mit jenen, die „nur“ versilbert sind und deshalb günstiger. Von fünf Euro bis zu mehreren Tausend reicht die Preisspanne im Silber-Studio. Wo es geht, hat sich die Familie dem Wandel der Zeit angepasst. „Der Online-Shop ist heute das Zugpferd des Geschäfts“, sagt Evi Günther. Darüber hinaus bietet das Geschäft einen Reparaturservice für Silberwaren, etwa das Ausbeulen, Aufpolieren oder die Neuversilberung von Einzelstücken.

          Wenngleich das Sortiment des Silber-Studios in Auswahl und Größe deutschlandweit kaum ein zweites Mal zu finden ist, ist die Familie mit ihrem Angebot nicht allein auf dem Markt. Konkurrenten des Familiengeschäftes sind vor allem jene Online-Anbieter, die von Garagen aus ein ähnliches Angebot vertreiben, ohne dabei die hohe Miete für ein Geschäft in Innenstadtlage entrichten zu müssen.

          „Die Zeiten sind schwierig“, sagt Evi Günther. Trotz der eher schwachen Wirkung auf die Kundschaft von Hauptwache und Zeil will sie das Silber-Studio aber erhalten. Und es selbst zu „etwas Bleibendem“ machen.

          Quelle: F.A.Z.

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