http://www.faz.net/-gzg-7573y
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 20.12.2012, 17:00 Uhr

Frankfurter Silberwarenladen „Die klassische Tischkultur ist verloren gegangen“

Utta Günther hat einen „Sinn für schöne Dinge“: Sie führt in der Frankfurter Innenstadt seit fast vier Jahrzehnten ein Geschäft, das Silberwaren vertreibt. Doch der Verkauf von Edelmetall lief schon einmal besser.

von Constanze Ehrhardt
© Wresch, Jonas Silberne Familie: Utta Günther (Mitte) mit ihren Kindern Evi und Lorenz.

Wenn Utta Günther von ihrer fast vier Jahrzehnte langen Erfahrung im Silbergeschäft erzählt, wird schnell deutlich, wie sich die Branche seitdem verändert hat. Einst war die Besonderheit von echtsilbernen Waren hochgeschätzt und wurde teuer bezahlt. Heute ist der Markt instabil, der Preis für das Edelmetall schwankt. Und auch die Kundschaft hat sich im Laufe der Jahrzehnte gewandelt.

Als Günther begann, ihren „Sinn für schöne Dinge“ vom Hobby zum Geschäft zu machen, war ihre Tochter Evi noch ein Kind. Der Vater war damals Spielführer eines Golfclubs im Taunus, und Utta Günther kümmerte sich um die Trophäen. Dafür bestellte sie echtes Silber aus Italien - vorerst in das Zuhause der Familie, als die Nachfrage größer wurde, in die dafür angemieteten Geschäftsräume, später in den eigenen Laden. Heute führen Günthers Tochter und der Sohn Lorenz den Traditionsbetrieb an der Kaiserstraße.

Ein bisschen wirkt das geräumige Geschäft nahe der Hauptwache wie der Zeit enthoben. Was die vornehme Familie anbietet, ist wertvoll, schön und nicht eben postmodern. Hunderte Kerzenleuchter, Bilderrahmen, Haushaltswaren, Vasen und andere Gefäße in vielen Formen und Größen funkeln frisch poliert in den Vitrinen. „Wir gehen eher gegen den Strom der Zeit“, sagt Günther. Ehemals habe für die Kunden die Wertigkeit der Objekte im Vordergrund gestanden. Heute sei das Gros der Verbraucher auf den schnellen Konsum aus. „Von der klassischen Tischkultur des Bürgertums ist etwas verlorengegangen“, hat Günther festgestellt. Klassische Wertanlagen wie das Familiensilber seien aus der Mode gekommen.

Als Taufgeschenk liegt Silber noch im Trend

An den prachtvollen Ausstellungsstücken im Schaufenster - kunstvoll gearbeitete Skulpturen etwa und aufwendig verzierte Rahmen - erfreuen sich die Passanten sichtlich. Laufkundschaft gebe es aber wenig, sagt die Inhaberin. Viele Stammkunden aus der Stadt und den umliegenden Orten des Taunus schätzten das Sortiment, und auch das Geschäft mit den Trophäen und Medaillen für Sportclubs und den Incentive-Geschenken für Unternehmen gehe noch immer. Infolge der Krisen von Wirtschaft und Finanz sei es aber zurückgegangen, sagt Günther: „Man ist nicht mehr so großzügig.“

Als Taufgeschenke seien die Silberwaren dagegen noch immer beliebt. „Etwas Bleibendes“ nennt Utta Günther Präsente wie einen silbernen Löffel mit dem eingravierten Namen des Kindes oder einen Trinkbecher aus reinem Edelmetall zum Preis von rund 200 Euro. „So etwas lebt mit, es geht nicht kaputt und begleitet die Familie die gesamte Kindheit hindurch.“ Und auch zu festlichen Anlässen wie runden Geburtstagen, Weihnachten oder einer Goldenen Hochzeit entscheide sich mancher für die Investition in ein zeitloses Geschenk aus Silber.

Aus Italien komme das beste Silber

Mit der Veränderung der Kundenansprüche und der des Marktes hat sich auch das Sortiment verändert. Eine Ladenhälfte ist bestückt mit den zum Teil handgefertigten Waren aus dem reinen Edelmetall, das die Inhaberin noch immer zum großen Teil aus Italien bezieht: „Von dort kommt das beste Silber.“ Die andere Hälfte mit jenen, die „nur“ versilbert sind und deshalb günstiger. Von fünf Euro bis zu mehreren Tausend reicht die Preisspanne im Silber-Studio. Wo es geht, hat sich die Familie dem Wandel der Zeit angepasst. „Der Online-Shop ist heute das Zugpferd des Geschäfts“, sagt Evi Günther. Darüber hinaus bietet das Geschäft einen Reparaturservice für Silberwaren, etwa das Ausbeulen, Aufpolieren oder die Neuversilberung von Einzelstücken.

Wenngleich das Sortiment des Silber-Studios in Auswahl und Größe deutschlandweit kaum ein zweites Mal zu finden ist, ist die Familie mit ihrem Angebot nicht allein auf dem Markt. Konkurrenten des Familiengeschäftes sind vor allem jene Online-Anbieter, die von Garagen aus ein ähnliches Angebot vertreiben, ohne dabei die hohe Miete für ein Geschäft in Innenstadtlage entrichten zu müssen.

„Die Zeiten sind schwierig“, sagt Evi Günther. Trotz der eher schwachen Wirkung auf die Kundschaft von Hauptwache und Zeil will sie das Silber-Studio aber erhalten. Und es selbst zu „etwas Bleibendem“ machen.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
S-Bahn-Stationen Keramikboden und Streetart

Die Bahn hat die Sperrung des S-Bahn-Tunnels genutzt, um fünf Stationen zu verschönern. Das meiste ist rechtzeitig fertig geworden – aber nicht alles. Mehr Von Matthias Trautsch, Frankfurt

25.08.2016, 08:34 Uhr | Rhein-Main
2500 Menschen obdachlos Hoffen auf Hilfe nach dem Erdbeben in Italien

Nach dem verheerenden Erdbeben in Mittelitalien sind in der gesamten Region etwa 2500 Menschen obdachlos. Sie müssen in Zeltlagern und Notunterkünften ausharren und auf schnelle Hilfe hoffen. Ihre Hoffnung darauf ist aber getrübt. Mehr

29.08.2016, 13:00 Uhr | Gesellschaft
Montblanc-Affäre Welche Rolle spielt der Lieferant der Luxus-Füller?

In der Affäre um die von Steuergeldern bezahlten Luxus-Schreibgeräte für Bundestagsabgeordnete gibt es viele Rätsel. Informierte ein Unternehmer aus Rache die Bild-Zeitung über das Füller-Geschäft? Mehr Von Günter Bannas und Justus Bender

27.08.2016, 15:21 Uhr | Politik
Nach Unglück in Italien Renzi verspricht Wiederaufbau Erdbebengebiet

Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi hat versprochen, die bei dem jüngsten Erdbeben zerstörten Orte in Mittelitalien wieder aufzubauen. Zugleich sei es wichtig, die Maßnahmen zum Schutz vor Erdbeben in Italien zu verbessern. Künftig müsse man sich mehr auf vorbeugende Schritte konzentrieren. Mehr

26.08.2016, 13:24 Uhr | Gesellschaft
Nach Erdbeben in Italien Aus der Verzweiflung wächst der Mut

In den vom Erdbeben betroffenen Bergdörfern wird weiter mit Hochdruck nach Überlebenden gesucht. Viele Bewohner haben die Region verlassen. Andere wollen in ihrer Heimat bleiben – und die völlig zerstörten Orte wieder aufbauen. Mehr Von Jörg Bremer und Stephan Löwenstein, Amatrice

25.08.2016, 17:58 Uhr | Gesellschaft

Nicht schlechter geworden

Von Peter Heß

Nach dem Sieg gegen Schalke 04 bleibt festzuhalten: Schlechter ist die Frankfurter Eintracht jedenfalls nicht geworden. Was das im Verhältnis zur Konkurrenz bedeutet, lässt sich seriös noch nicht beantworten. Mehr 1

Abonnieren Sie unsere Rhein-Main Newsletter

  • Newsletter auswählen

    Newsletter auswählen