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Frankfurter Schauspiel Im Zentrum steht immer der Mensch

05.01.2012 ·  Klare Vorstellung vom Wesen der Kunst: Peter Schröder, ein neues Gesicht im Frankfurter Schauspiel-Ensemble, hat sich hier schon profiliert.

Von Claudia Schülke, Frankfurt
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Er mag keine „Privatgesten“ auf der Bühne. Auch keine Dekonstruktion. „Installationswerkstätten“ schon gar nicht. Was gefällt ihm denn am Theater? „Die Unverwechselbarkeit durch Hebung und Verdichtung“, sagt Peter Schröder, der seit dieser Spielzeit dem Ensemble des Frankfurter Schauspiels angehört. Er hat seine Prinzipien. „Erleuchtete Sägespäne etwa bringen Hebung in eine Manege. Die Schönheit im Abgrund Richards III. zu sehen“, das ist es, was er vom Theater erwartet. Etwas Überindividuelles, Exemplarisches, Archetypisches, Ritus und Weihe gehörten dazu, zählt er auf. Aber den originalitätsgetriebenen Zynismus, den Ich-Stempel auf den Inszenierungen lehnt er ab: „Das ist keine Kunst.“ Schröder fordert Demut gegenüber dem Bühnentext: „Der Stoff muss den Stil prägen, nicht der Markenname.“

Deshalb wollte Regisseur Armin Petras nicht mit ihm in Kassel zusammenarbeiten. Eine harte Zeit brach damals für den Schauspieler an, der sich bis 1999 auf seine festen Engagements hatte verlassen können. Nach seiner vierjährigen Ausbildung an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover hatte ihn Arno Wüstenhöfer 1982 ans Theater am Goetheplatz in Bremen geholt. Dort debütierte Schröder in „Das Sparschwein“. Nach sieben Jahren und intensiver Arbeit mit Günter Krämer ging er ans Theater der Stadt Lübeck, wo er unter anderem den Kreon im „Ödipus“ und das „Rotgesicht“ in „Weisman und Rotgesicht“ spielte. 1993 wechselte er ans Staatstheater Kassel. Dort stand er als Titelheld in „Peer Gynt“ auf der Bühne, als Gens in „Ghetto“ und als Torquato Tasso.

„Das Schlimme ist, Junge, das schaffst du.“

Dann der Absturz in die Unsicherheit. Für den Sohn eines Berliner Finanzbeamten war das schwer zu verkraften. Aber hatte sein besorgter Vater nicht einst gesagt: „Das Schlimme ist, Junge, das schaffst du.“ Er meinte die Schauspielkarriere, obwohl ihm die Versicherungskaufmannslehre, die sein Filius auch absolviert hatte, eigentlich lieber war. „Ich hatte immer ein starkes Ausdrucksbedürfnis“, erinnert sich Schröder. 1958 in Berlin-Steglitz geboren, besuchte er das Lilienthal-Gymnasium und tobte sich im Tennisverein aus. Sofern er nicht die Diskotheken am Olivaer Platz unsicher machte oder in einem Silberanzug über den Kudamm tanzte. Ohne Ausbildung kam er in Kontakt zur Vagantenbühne. Aber erst in der Schaubühne platzte der Knoten: Er sah Jutta Lampe als Rosalind in Shakespeares Komödie „Wie es euch gefällt“.

„Da war es um mich geschehen.“ Er wurde süchtig nach Grüber, Bondy, Stein. In den vier Endprobenwochen der „Orestie“ durfte er bei Peter Stein hospitieren. Später ist er auch Peter Brook und Ariane Mnouchkine verfallen. Als Statist in der Deutschen Oper ließ er vor Schreck die Hellebarde sinken, als die Sängerin neben ihm losdröhnte. Immerhin verdiente er dort 13 Mark pro Auftritt. Der innere Überdruck ließ ihn später sogar einmal auf der Bühne in Ohnmacht fallen, als er sich mit Peter Weiss’ Roman „Abschied von den Eltern“ zu viel vorgenommen hatte: zweieinviertel Stunden Text auswendig vorzutragen. Der Abend wurde trotzdem ein Erfolg. So wie sein Solo, mit dem er sich jetzt dem Frankfurter Publikum vorstellte: Joseph Roths „Legende vom heiligen Trinker“ kommt der obsessiven Ausdruckskraft dieses Schauspielers entgegen.

Eigentlich wollte er immer Hamlet spielen.

Eigentlich wollte er immer Hamlet spielen. Nun spielt er Polonius. „Ein Vielredner und Schnellredner - wie ich“, schmunzelt er. Polonius könne seine Kinder nicht loslassen, er sei von ihnen geradezu besessen. Die Tragikomik dieser Figur gefällt dem Schauspieler. Aber zur Tragikomik musste er sich erst entwickeln. Früher zogen ihn die ernsten Rollen an: die des Werner Heisenberg etwa in dem Stück „Kopenhagen“ oder die des St.Just in „Dantons Tod“. Damit war er nach drei harten Jahren auf dem freien Markt und mit dem Tourneetheater 2002 wieder in einem festen Engagement: bei Roberto Ciulli am Theater an der Ruhr in Mülheim. Bis ihn vier Jahre später Elias Perrig nach Basel holte. Dort spielte er unter anderem den Malvolio in „Was ihr wollt“ und den Alceste im „Menschenfeind“.

Aber das Basler Theater geriet finanziell unter Druck. Und der glänzende Ruf des Frankfurter Schauspiels unter der Intendanz von Oliver Reese hatte sich mittlerweile bis in die Schweiz herumgesprochen: „im September 87 Prozent Auslastung, im Oktober 90 Prozent.“ Schröder bewarb sich, und Reese - ganz Intendant alter Schule - reiste selbst über die Grenze, um sich den potentiellen Neuzugang anzusehen. Inzwischen ist Schröder mit Frau und Kind nach Bockenheim umgezogen. Ein wenig hat ihn Frankfurt zunächst erschreckt: „weil die Schere zwischen Arm und Reich hier besonders spürbar ist“. Jetzt probt er für den „Kaufmann von Venedig“ - eine Rolle, die ihm viel Text abverlangt, allerdings kein Wort von Shakespeare. Wie war das doch gleich mit dem Ich-Stempel?

Worte, Worte, Worte - die ist Schröder gewohnt. Er liest viel, am liebsten die russischen Klassiker und Kafka: wegen der Präzision. Die Liste seiner Lesungen und szenischen Erzählungen spricht für sich. Egal aber, welchen Autor er auswählt, Büchner mit „Lenz“ oder Kafka mit der „Verwandlung“, immer muss der Mensch für ihn im Mittelpunkt stehen. Das erhofft er sich auch von seinen Regisseuren: „kein privatistisches Theater!“

Weitere Aufführungen

„Der Kaufmann von Venedig“ in der Regie von Barrie Kosky hat am 14.Januar um 19.30 Uhr im Schauspiel Frankfurt Premiere.

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Jahrgang 1958, feste freie Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

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