Home
http://www.faz.net/-gzg-73d0y
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann Ein Mann mit Durchhaltevermögen

 ·  Man sagt, es gebe zwei Arten Politiker. Peter Feldmann ist keiner von beiden. Der oft unterschätzte SPD-Politiker nutzt seine begrenzten Möglichkeiten geschickt.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (2)

Man sagt, es gebe zwei Arten Politiker. Da ist der Charismatiker, der sich nicht so gern mit Details in Sachfragen abgibt, sondern seinem Instinkt und seiner rhetorischen Begabung vertraut und die Wähler mit seiner Ausstrahlung überzeugt. Gerhard Schröder gehört zu dieser Gattung. Und dann gibt es den Typus Arbeiter, der die Akten kennt, sich in den Gremien nach oben schuftet und sich den Respekt der Leute durch seine Beharrlichkeit erwirbt. Angela Merkel gehört in diese Rubrik.

Peter Feldmann hat kein Charisma, sein Redestil ist ziemlich künstlich, er gilt auch nicht als besonders fleißig und schon gar nicht als auffallend sachkundig, trotz der 23 Jahre, die er als Stadtverordneter im Römer verbracht hat. Weil das so ist, hatte nicht nur die CDU den Sozialdemokraten, der am Sonntag 54 Jahre alt wird, unterschätzt. Und weil das so ist, glaubt mancher nun, Feldmann sei dem Amt nicht gewachsen. Sein ehemaliger innerparteilicher Konkurrent Michael Paris sprach das unlängst während eines parlamentarischen Abends in Wiesbaden öffentlich aus. Sinngemäß rief er Feldmann in Anwesenheit des SPD-Landesvorsitzenden Thorsten Schäfer-Gümbel und anderer Politprominenz zu: „Das hältst du doch nicht sechs Jahre durch, Peter!“

Viele Alphatiere reagieren auf seine zurückhaltende Art irritiert

Da dürfte sich Paris gewaltig täuschen, das lässt sich nach annähernd hundert Tagen Amtszeit des neuen Oberbürgermeisters sagen. Feldmann besitzt Durchhaltevermögen und einen Blick für das Wesentliche, das hat er zuletzt in seinem langen Lauf zur Kandidatur und anschließend im Wahlkampf bewiesen. Feldmann pflegt einen Führungsstil, der nicht in die bekannten Schemata passt. Das hat sich auch auf seiner Türkei-Reise gezeigt, wo er sich nur selten an der Spitze der städtischen Delegation aufhielt, sondern eher mitlief. Darin ist er das genaue Gegenteil seiner Vorgängerin Petra Roth.

Viele Alphatiere in Politik und Wirtschaft reagieren auf seine zurückhaltende, fast defensive Art irritiert. Ministerpräsident Volker Bouffier etwa ist dem Vernehmen nach sehr verwundert darüber, dass Feldmann noch nicht das Gespräch mit ihm gesucht hat. Der Oberbürgermeister nimmt das in Kauf, er will sich treu bleiben. Was an sich eine Tugend ist, könnte den Anforderungen des Amts nicht genügen; Roth etwa hat manches Projekt dadurch angeschoben, dass sie einige Mächtige und Reiche angerufen und um ihre Unterstützung gebeten hat. Solche Telefonate kann aber nur führen, wer zuvor den Respekt und die Zuneigung der Gesprächspartner gewonnen hat.

Wer ihn zu Gast hat, fühlt sich besonders geehrt

Feldmann scheint darauf zu vertrauen, dass sein Stil gut in eine Zeit passt, die Autoritäten misstraut. Er lässt sich durch Kritik und Anfeindungen nicht aus der Ruhe bringen, Angriffe des politischen Gegners scheinen an ihm abzuperlen. Ob die bis an die Grenze der Bedächtigkeit reichende Gelassenheit angeboren oder antrainiert ist, lässt sich für Außenstehende nicht sagen. Sie nutzt Feldmann jedenfalls im Umgang mit der ihm nicht wohlgesinnten schwarz-grünen Magistratsmehrheit.

Viel ist in den vergangenen drei Monaten darüber gesprochen und geschrieben worden, dass das Stadtoberhaupt bei wichtigen Anlässen nicht zugegen ist. Ob Faust-Premiere im Schauspiel, Grundsteinlegung für das Maintor-Areal, Verleihung des Adorno-Preises in der Paulskirche oder Empfang für das diplomatische Corps - Feldmann fehlte. Die Reihe ließe sich fortsetzen. Darauf angesprochen, sagt Feldmann, er lege weniger Wert auf repräsentative Termine mit den Spitzen der Stadtgesellschaft, sondern wolle häufiger als beispielsweise seine Vorgängerin bei denen sein, die nicht im Licht stehen. Aus seiner Sicht und nach seinen Wahlkampfversprechen ist das nur konsequent. Die Empörung in den besseren Kreisen über diese Akzentverschiebung scheint denn auch schon abzuflauen. Gelegentlich kommt Feldmann eben doch, etwa zu einem Empfang im Hause Metzler. Wer ihn zu Gast hat, fühlt sich besonders geehrt.

Bissige Bemerkungen über den „Halbtags-OB“

Feldmann verweist auch darauf, sich an zwei Abenden in der Woche und sonntags um seine kleine Tochter kümmern zu müssen und zu wollen. Aus den Reihen der Grünen und vor allem der CDU wurde Feldmann wegen dieser Einstellung heftig angegriffen. Bissige Bemerkungen über den „Halbtags-OB“ machten die Runde. Nach Mahnungen auch aus dem eigenen Lager ist die Kritik leiser geworden; einen Vater dafür anzugreifen, dass er gelegentlich seine Tochter sehen möchte, kommt auch in konservativen Kreisen nicht mehr gut an. Zu viele Väter, die im Beruf durchaus engagiert und ehrgeizig sind, stehen vor einer ähnlichen Herausforderung. Im Fall von Feldmann kommt noch hinzu, dass die Beziehung zu seiner Lebensgefährtin während des Wahlkampfs in die Brüche ging. Die klaren Regelungen über seine Präsenz daheim sind offenkundig auch dieser Situation geschuldet, die sich eines Tages auch wieder entspannen könnte.

Was die Bürger von Feldmann jedoch verlangen können, ist Präsenz, wenn es darauf ankommt, zur Not auch sehr kurzfristig. Die Verleihung des Adorno-Preises, die durch Kritik der jüdischen Gemeinde an der Preisträgerin Judith Butler zum Skandal zu werden drohte, war so ein Fall. Hier hätte das Stadtoberhaupt Stellung beziehen müssen.

Keine besondere Neigung für Kultur und Akademisches

Auch ohne Butler-Debatte war Feldmanns Abwesenheit ein Zeichen. Der Adorno-Preis war einst von Walter Wallmann begründet worden, nicht zuletzt auch zu dem Zweck, sich als Oberhaupt des geistigen Frankfurt zu präsentieren. Es ist noch nicht klar, ob Feldmann dieses Erbe pflegen wird. Außer dem Frankfurt der Stadtteile und jenem der gehobenen Kreise gibt es auch noch das Intellektuellen-Milieu, das für das Selbstverständnis der Stadt und ihre Außenwirkung eine kaum zu überschätzende Bedeutung hat. Bisher hat Feldmann allerdings keine besondere Neigung für kulturelle und akademische Belange gezeigt. Es wäre gut, wenn sich das noch änderte, auch wenn sich die Leidenschaft für Literatur, Theater und Philosophie nicht einfach verordnen lässt.

Machtpolitisch kann Feldmann die ersten hundert Tage als Erfolg betrachten, auch wenn es gestern zu einem schweren Rückschlag im Verhältnis zu CDU und Grünen gekommen ist. Er hat die Koalition trotz schwieriger Haushaltslage zur Aufstockung der Mittel für Wohnungsbauförderung und für soziale Wohltaten genötigt. Er hat dafür gesorgt, dass wieder sauber zwischen Magistrats- und Fraktionsarbeit getrennt wird; unter der Führung von Petra Roth hatten sich die Ebenen ungut vermischt. Er hat einzelne Aufsichtsratsposten bei städtischen Gesellschaften nach eigenem Gutdünken, aber durchaus mit Plausibilität in der Wahl der Personen neu besetzt.

„Es kann doch nicht sein, dass..“

Nicht zuletzt ist Feldmann der schwarz-grünen Koalition in die Parade gefahren, als sie einen Parkplatz am Waldstadion sperren ließ. Das war zwar populistisch und widersprach den Buchstaben der Hessischen Gemeindeordnung, die Botschaft an den politischen Gegner hat jedoch Eindruck gemacht: Seht her, ich kann euch an die Wand spielen, wenn ich das möchte.

Feldmanns Position ist günstig, und er weiß das auszunutzen, wie seine Lieblingsredewendung zeigt. Sie lautet: „Es kann doch nicht sein, dass...“ Und so intoniert Feldmann sein griffiges Programm: Es kann nicht sein, dass Kinder in einer reichen Stadt arm sind. Es kann nicht sein, dass es nicht genügend bezahlbaren Wohnraum gibt. Es kann nicht sein, dass so viele Menschen unter Fluglärm leiden.

Der moralisch ungreifbare Fürsprecher der Schwachen

Mit dieser rhetorischen Figur macht sich Feldmann zum moralisch unangreifbaren Fürsprecher der Schwachen, mit einigem Erfolg, wie der Anklang zeigt, den er in den von Fluglärm betroffenen Stadtteilen findet. Die keineswegs banalen Lösungen der beschriebenen Missstände zu liefern überlässt er jedoch gerne anderen.

Die wenige Macht, mit der die Hessische Gemeindeordnung das Amt des Oberbürgermeisters versehen hat, wendet Feldmann zu seinem Vorteil. Er gibt die Ziele vor, für ihr Erreichen sind die Dezernenten verantwortlich - und eben auch für eventuelle Misserfolge. Unter diesen Umständen kann sich Feldmann gar nicht wünschen, dass die SPD-Fraktion Teil der Koalition wird. Denn dann stünde er selbst stärker in der Verantwortung.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1968, Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Jüngste Beiträge

Männer und Herren

Von Matthias Alexander

Wenn das kein Grund zur Freude ist: Die Eintracht beendet die Saison auf dem sechsten Platz, der FSV Frankfurt geht eine Spielklasse tiefer sogar als Vierter durchs Ziel. Das ist ein schöner Imagegewinn für die Sportstadt Frankfurt. Mehr 1 2