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Ina Hartwig : „Für mich steht die Ästhetik an erster Stelle“

Werden Sie versuchen, auch die anderen Fraktionen im Römer kulturpolitisch miteinzubinden?

Sicher. Der Anfang war recht erfreulich, ich hatte nicht das Gefühl, dass die Parteigrenzen auch die menschlichen Grenzen darstellen. Man reagierte offen und neugierig. Ohnehin glaube ich nicht, dass man Kulturpolitik auf ein Parteiprogramm reduzieren kann. Daher würde ich mich über die Unterstützung auch von Mitgliedern anderer Fraktionen freuen.

Es gibt ja auch Schnittmengen, zum Beispiel haben sich die Grünen immer starkgemacht für eine verstärkte Förderung der freien Theaterszene. Jetzt sind zwei Millionen Euro mehr für deren Unterstützung vorgesehen. Reicht das?

Das kann ich jetzt im Detail noch nicht absehen. Dafür brauche ich einfach noch eine Einarbeitungszeit.

Wie wollen Sie die Projekte, die Sie vorgestellt haben, finanzieren?

Was die Wiederbelebung der kritischen Öffentlichkeit angeht, wird man nicht viel Geld in die Hand nehmen müssen. Das Künstlerprogramm in Hinsicht auf Flüchtlinge und disprivilegierte Jugendliche dürfte auch nicht unendlich viel kosten. Natürlich müssen die einheimischen Künstler angemessen bezahlt werden, aber damit sind ja keine riesigen Materialkosten verbunden. Und auch die Wiederbelebung der europäischen Partnerschaften auf kulturpolitischer Ebene wird keine großen Zusatzkosten verursachen. Das habe ich bewusst so gemacht. Es sind keine teuren Projekte, sondern eher ideelle Schwerpunkte. Hingegen ist sich die Koalition darin einig, ein Kinder- und Jugendtheater sowie freien Eintritt bis einschließlich 17 Jahren in städtischen Kulturinstitutionen zu finanzieren. Und das ist gut so.

Überraschenderweise haben Sie die Literatur nicht als Schwerpunkt genannt.

Für mich geht ein langer, schöner Lebensabschnitt, in dem ich als Literaturkritikerin gearbeitet habe, zunächst einmal zu Ende. Ich freue mich natürlich, in einer lebendigen Literaturstadt zu leben, mit wichtigen Verlagen, mit der Buchmesse.

Was meinen Sie mit der Wiederbelebung der kritischen Öffentlichkeit?

Ich wünsche mir, dass eine kritische Öffentlichkeit als Frankfurter Identitätsmarke wieder sichtbarer wird. Das fände ich schön, wenn das glücken würde. Kritik ist zunächst eine Haltung. Sie besteht für mich darin, die Sache zu öffnen und die richtigen Fragen zu stellen, das kann manchmal weiterführen. Dieser Öffnungsprozess sollte sichtbar werden.

Verwaltung und Kultur: Geht das zusammen?

Offensichtlich. In unserer herrlichen, föderalen, subventionierten Republik geht das bestens zusammen. Wir werden weltweit beneidet um unsere Kulturlandschaft, die würde ja ohne Verwaltung nicht existieren.

Aber es gibt eine starke deutsche Denktradition, in der die verwaltete Welt und die Kultur unvereinbare Gegensätze sind. Dazu gehört auch die frühe Kritische Theorie.

Absolut. Ich möchte aber nicht an die Kernaussagen der Kritischen Theorie anknüpfen, sondern an deren Geist. Den Aufbruch in den sechziger und siebziger Jahren werden wir nicht wieder herbeizaubern können. Die Situation ist definitiv schwieriger geworden. Die Verteilungskämpfe sind härter geworden, die soziale Ungerechtigkeit ist größer geworden, die Chancengleichheit hat abgenommen. Die Demokratie wurde damals aufgebaut, jetzt müssen wir uns gegen Abwärtstendenzen wehren. Wir brauchen andere Antworten, andere Strategien, andere Politiken, um damit umzugehen.

Die Sanierung der Städtischen Bühnen steht in naher Zukunft an, von 300 Millionen Euro Kosten ist die Rede. Schreckt Sie diese Aufgabe nicht ein bisschen?

Sie ist eine der großen Herausforderungen der nächsten Jahre. Die künstlerischen Erfordernisse stehen im Vordergrund und müssen bei allen wirtschaftlichen Abwägungen Berücksichtigung finden. Aber die Herkulesaufgabe muss das Kulturdezernat weiß Gott nicht allein stemmen, sie muss von der ganzen Stadtgesellschaft getragen werden.

In Ihrer Verantwortung liegt auch der Zoo. Haben Sie eine Beziehung zum Tier?

Wenn ich demnächst den Zoo besuche, werde ich natürlich an Theodor W. Adornos herzergreifenden Brief denken, den er 1965 an den damaligen Zoo-Direktor Bernhard Grzimek schrieb und in dem es heißt: „Wäre es nicht schön, wenn der Frankfurter Zoo ein Wombat-Pärchen erwerben könnte? Ich kann mich an diese freundlichen und rundlichen Tiere mit viel Identifikation aus meiner Kindheit erinnern und wäre sehr froh, wenn ich sie wiedersehen dürfte . . .“ Dieser Wunsch ist bis heute nicht in Erfüllung gegangen.

Die Fragen stellte Michael Hierholzer.

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