20.01.2012 · Wenn sie stehenbleiben, wird es kompliziert mit den Frauen - besser, sie gehen vorüber, findet Bertrand. Sein Pech, dass gerade Sophie über ihm eingezogen ist.
Von Claudia Schülke, FrankfurtWenn sie stehenbleiben, wird es kompliziert mit den Frauen - besser, sie gehen vorüber, findet Bertrand. Sein Pech, dass gerade Sophie über ihm eingezogen ist. Die wohlhabende Erbin einer Pralinenfabrik will sich an ihrem 40.Geburtstag mit Schlaftabletten in der Badewanne ertränken, weil sie noch keinen Mann abbekommen hat. Aber die Wanne hält nicht dicht, und schon steht der misanthropische Nachbar von unten wie ein begossener Pudel auf der Matte. Sich „den ersten Besten“ zu angeln, hatte Sophie ihrer Freundin versprochen. Aber an so einen eigenbrötlerischen Tüftler hatte sie nicht gedacht. Bertrand bastelt Tiere aus Metall, darunter eine Bulldogge als Türwächter, er ist nur mit seiner Maman verbandelt und forscht in den Pergamenten archaischer orientalischer Kulturen. Aber er hat eine Schwäche für Pralinen.
Wer sich auf hohem Niveau amüsieren will, sollte jetzt in die Frankfurter Komödie gehen. Dort liefern sich Herbert Herrmann und Nora von Collande ein koproduktives Gefecht, wie es selbst auf dem traditionsreichen Berliner Boulevard nicht alle Tage zu erleben ist. Aus der Komödie am Kurfürstendamm nämlich kommen die beiden Schauspieler mit der französischen Komödie „La voisine du dessus“. Unter dem nicht ganz überzeugenden Titel „Vier linke Hände“ hat Herbert Herrmann die deutsche Übersetzung von Wolfgang Kirchner mit viel Tempo selbst inszeniert (Co-Regisseur Martin Woelffer). Anja Wegener hat ein schickes cremefarbenes Appartement vor einem Pariser Prospekt eingerichtet, das sich mit wenigen Veränderungen, etwa Archivschränken für Bertrand, beiden Mietern anpassen lässt. Auch der Balkon spielt eine bedeutsame Rolle.
Als Turngerüst nämlich, an dem der scheinbar ewig jugendliche Herrmann seine unübersehbaren Muskeln schwellen lässt. Natürlich nur, um sich zu vergewissern, ob die Obermieterin mit den ohrenbetäubenden Tock-tock-Stilettos auf dem Parkett noch lebt. Bis er zu diesem Grad an Empathie vorgedrungen ist, haben die beiden schon das meiste hinter sich: ein asiatisches Souper à deux bei Sophie etwa, das dem bizarr gewandeten Gast von unten buchstäblich den Atem verschlägt. Oder eine gemeinsame Übernachtung in getrennten Zimmern bei ihm, weil sie nach dem missglückten Souper betrunken auf seinen Balkon gepurzelt ist. Es dauert, bis sie im selben Bett landen und am nächsten Morgen feststellen, dass er ihre Frühmusik nicht ausstehen kann, und sie am Dampf seiner Rühreier beinahe erstickt.
Nora von Collande und Herbert Herrmann sind ein hinreißendes Paar, und so bis ins letzte Tüpfelchen aufeinander eingespielt, dass sie es sich sogar leisten konnten, aus der Rolle zu fallen. Oder war der unerwartete Lacher gegen Ende etwa gespielt? Ganz eindeutig war das nicht. Aber egal: Es passte. Und souverän machten sie weiter. Sie als kindlich verspielte, gelegentlich auch verzickte, auf jeden Fall aber kämpferische höhere Tochter in Superminikleidern und mit neckischem Pony. Er als misogyner Kauz mit Marotten, die so authentisch aus dem Single-Dasein gegriffen sind, dass man, sollte man selbst einer sein, nur mitlachen oder den Kopf einziehen kann, um nicht wiedererkannt zu werden. Vielleicht gibt es ja auch in Frankfurt irgendwo eine Hochsicherheitstür mit Sirene, gelötetem Kettenhund und phosphoreszierender Leuchtfarbe im Selbstauslöser.
Bis zum 25.März auf dem Spielplan der Komödie, dienstags bis samstags um 20 Uhr, sonntags um 18 Uhr.