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Veröffentlicht: 10.03.2014, 17:27 Uhr

Fluglärmpausen in Frankfurt Die meisten wollen morgens länger schlafen

Der Flughafenbetreiber Fraport und die Politik ringen um längere Fluglärmpausen am Frankfurter Flughafen. Verkehrsminister Al-Wazir soll sich am Mittwoch zur geplanten siebenstündigen Fluglärmpause äußern.

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© dpa Unmissverständlich: Plakat gesehen in Frankfurt-Sachsenhausen

Vielleicht werden in zwei, drei Jahren die Menschen im Umland des Frankfurter Flughafens auf ihr Smartphone schauen, ehe sie ins Bett gehen. Eine App könnte ihnen anzeigen, auf wie viele Stunden ungestörten Schlaf sie hoffen dürfen. Bevor diese Idee Wirklichkeit wird, muss aber zuerst noch Grundlegendes geklärt werden. Sieben Stunden Pause vom Fluglärm, wie im Koalitionsvertrag von CDU und Grünen versprochen, hält Flughafenchef Stefan Schulte innerhalb von 15 Monaten für realisierbar. Das hat er am vergangenen Freitag auf der Bilanzpressekonferenz gesagt und sich dabei in aller Vorsicht auf eine Schätzung des hessischen Verkehrsministers Tarek Al-Wazir (Die Grünen) bezogen.

Helmut Schwan Folgen:

Dieser Zeitplan ist angesichts der nötigen Veränderungen in den Betriebsabläufen und den An- und Abflugrouten allerdings ambitioniert. Schließlich setzt er voraus, dass Ministerium, Flughafenbetreiber, Deutsche Flugsicherung und nicht zuletzt die Piloten zusammenwirken, um das von 23 bis 5Uhr geltende Nachtflugverbot faktisch zu verlängern. Und die Anstrengungen müssen in der Region akzeptiert werden, denn der Lärm wird in der Summe nicht vermindert, sondern neu verteilt werden.

„Intelligentere“ Nutzung des Bahnensystems

Am Mittwoch wird auf Antrag der SPD-Fraktion das Thema auf der Tagesordnung des Landtags stehen, Al-Wazir will eigene Vorschläge präsentieren. Zaubern können aber auch er und seine Berater nicht. Im Ergebnis werden ihre Ideen, die der Minister im Parlament allenfalls grob umreißen wird, daher auf die schon seit geraumer Zeit diskutierte „intelligentere“ Nutzung des Bahnensystems hinauslaufen.

Am einfachsten wäre es, die vergleichsweise wenigen Starts morgens auf einer Bahn zu bündeln und im Gegenzug spätabends, wenn die Zahl der hereinkommenden Flugzeuge überschaubar ist, die Landungen auf einer anderen Piste zu konzentrieren. Das Dedicate Runway Operations (Drops) genannte Verfahren (frei übersetzt: bevorzugte Bahnnutzung) ist bisher jedoch nur für Starts erprobt.

Die meisten Kommunen streben an, dass ihre Bürger morgens entlastet werden. Das wird allerdings nur unter großen Anstrengungen zu organisieren sein. Wenn wie in einem Dreiviertel des Jahres Westbetrieb herrscht – die Maschinen also gegen den aus Westen wehenden Wind landen –, sollen die Menschen in Teilen von Offenbach und in Neu-Isenburg eine Stunde länger ruhig schlafen können, lautet zum Beispiel der Anspruch. Dazu wäre zwischen 5 und 6 Uhr auf die Südbahn zu verzichten, und alle Maschinen müssten auf der Nordwestbahn herunterkommen.

Eine solche Bündelung würde für die Anwohner in den Frankfurter Stadtteilen Niederrad und Sachsenhausen bedeuten, dass sich der Betrieb und damit der Lärm über ihren Häusern massiert und kaum noch abschwillt. Versuche, wieder einzuschlafen, wie sie derzeit noch Hartgesottenen gelingen, wenn gegen 5.15 Uhr der erste Ansturm vorbei ist, wären dann zwecklos.

Lösung für schwere Jets nötig

Zudem gilt es eine Lösung für die „Heavys“ zu finden, also für große Maschinen wie den Airbus 380 und die Boeing 747, die auf der Nordwestbahn nicht landen dürfen. Sie müssen trotz Lärmpause auf die Südbahn oder die Centerbahn gelotst werden. Dabei sollen dichtbesiedelte Gebiete in Hanau, vor allem aber die ohnehin stark belastete Stadt Offenbach umflogen werden. Das Verfahren wird Segmented Approach genannt, mit dem ein bestimmter Abschnitt gegen das übliche Annähern auf einer langen Anfluggrundlinie (in diesem Fall nach Süden) verschoben wird.

Weht der Wind vom Osten, wäre bei Nutzung der Nordwestbahn eine solche völlige Entlastung für die Bürger Raunheims und in gewissen Teilen Rüsselsheim nicht möglich. Ihre Häuser liegen schlicht zu dicht an der von den „Heavys“ anzusteuernden Südbahn, als dass sie selbst mit dem modernsten Navigationssystem umkurvt werden zu könnten. Würden hingegen die Landungen auf der Südbahn gebündelt, kämen die Flörsheimer umfassend in den Genuss der verlängerten Lärmpause.

Die Erwägungen, die es anzustellen gilt, sind noch wesentlich komplizierter als hier skizziert. Das fängt schon mit der Frage an, bis zu welchem Verkehrsaufkommen solche vom Standard abweichende Verfahren noch möglich sind, ohne den für die Luftfahrt essentiellen Aspekt der Sicherheit zu missachten. Cockpit, die Gewerkschaft der Piloten, hat vorsorglich darauf hingewiesen, dass das neue Vier-Bahnen-System des Frankfurter Flughafens ohnehin schon genug Schwierigkeiten berge und weitere zu vermeiden seien.

Modelle noch in diesem Jahr?

Al-Wazir will dem Vernehmen nach im Landtag darauf hinweisen, dass Sorgfalt vor Schnelligkeit gehen müsse. Darauf dringt auch der Vorsitzende der Fluglärmkommission, Raunheims Bürgermeister Thomas Jühe (SPD). Und er bittet, die Kompetenz zu nutzen, die in Gremien wie dem „Forum Flughafen und Region“ und der Fluglärmkommission in den vergangenen Jahren erworben worden sei. Ob das Ministerium noch in diesem Jahr Modelle präsentieren wird, erscheint daher zweifelhaft. Ein Sprecher der Deutschen Flugsicherung, die geänderte An- und Abflugverfahren zu verantworten hätte, sagte auf Anfrage, es habe noch keine Gespräche mit Wiesbaden gegeben.

Wenn es auch mit App noch etwas dauern wird, dann lohnt sich der Blick ins Internet gleichwohl schon jetzt für den, der im Umland des Flughafens wissen will, worauf er sich einrichten muss. Auf der Seite www.forum-flughafen-region.de weist der Service „Betriebsrichtungsprognose“ eine hohe Trefferquote auf. Gerade jetzt, da der Frühling mit Macht kommt, kann es sehr wertvoll sein zu wissen, wie am jeweiligen Tag geflogen wird. Übrigens herrscht laut dieser Vorhersage bis Mittwoch Hochdruckwetter und damit Ostbetrieb. Das ist schlecht für Schlafende in Flörsheim, Raunheim und Rüsselsheim, gut für jene in Frankfurts Süden.

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