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Frankfurter Flughafen : Warten auf den großen Wurf

Fluglärm wird an vielen Stellen der Regionen gemessen. Wie er empfunden wird, hängt jedoch nicht nur von den objektiven Schallwerten ab. Bild: dpa

Seit neun Monaten ist die neue Landebahn am Frankfurter Flughafen in Betrieb. Tausende wurden von einem auf den anderen Tag Lärm ausgesetzt. Ideen, wie es leiser werden könnte, gibt es viele. Die Betroffenen bleiben skeptisch.

          Nach den Schulferien wollen sie sich wieder treffen, pünktlich 18 Uhr im Terminal 1 unter der großen Tafel, wie schon 28 Mal zuvor. Man wird im Urlaub gebräunte Gesichter sehen, einige fröhlich, andere grimmig dreinschauend, Trillerpfeifen oder Tröten im Mund. Manche werden mit Inbrunst auf Trommeln schlagen und wieder einen Heidenspektakel veranstalten. Obwohl das eigentlich gar nicht erlaubt ist. Weil in einem Notfall die Durchsagen über die Lautsprecher nicht zu hören wären.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Tausende Menschen, die sich im Flughafen seit dem 14. November zu - angesichts der jüngeren deutschen Geschichte etwas vermessen apostrophierten - „Montagsdemonstrationen“ gegen Fluglärm versammelt haben, ähneln frappierend jenen, die monatelang gegen den Abriss des Stuttgarter Hauptbahnhofs auf die Straße gegangen waren. Enttäuschtes, um die Zukunft besorgtes, vorwiegend älteres Bürgertum.

          Der Bahnhof kommt unter die Erde, die Landebahn bleibt sichtbar

          Der Aufstand in Schwaben freilich richtete sich gegen die vermeintliche Verschwendung von Geld und gegen den Raubbau an der Natur. Nach der Niederlage beim Volksentscheid machte sich in Stuttgart Resignation breit. Die meisten Protestler haben sich wieder zurück ins geschützte Private gezogen. Der neue Bahnhof unter der Erde wird irgendwann Normalität und aus den Augen sein. Das ist der wesentliche Unterschied zum Protest in Frankfurt. Das Refugium fehlt.

          „Die Bahn muss weg“, werden sie am 13. August wieder rufen, dutzendmal. Obwohl die meisten von ihnen wissen: Die Bahn bleibt. Sie wird weder geschlossen, geschweige denn mit dem Presslufthammer renaturiert, wie Frankfurts Grüne als besonders pfiffige Idee in den Oberbürgermeisterwahlkampf warfen. Die internationale Luftverkehrsdrehscheibe Frankfurt ist inzwischen auf das neue Vier-Bahnen-System ausgelegt. Dafür werden insgesamt mehr als vier Milliarden Euro weitgehend über Kredite investiert.

          Wie kaum eine andere Belastung wird Lärm subjektiv wahrgenommen

          Selbst wenn in den vergangenen Quartalen die Zahl der Starts und Landungen auf hohem Niveau stagniert: An der Prognose, der Luftverkehr werde international weiterwachsen und Frankfurt die neugeschaffene Kapazität brauchen, lässt sich kaum rütteln. Ob der vorhergesagte Quantensprung von derzeit knapp 500000 auf 700000 Flugbewegungen jährlich tatsächlich bis zum Jahr 2020 oder sogar schon früher erreicht wird, vermag angesichts der unsicheren wirtschaftlichen Entwicklung in Europa niemand seriös vorherzusagen. Die Vorstellung aber, der Standort Frankfurt ließe sich zurückbauen, ist, nicht nur, weil dies dessen Existenz gefährden würde, eine Illusion.

          Ebenso wie die mehr oder minder offen gehegte Hoffnung der Planer, die Menschen würden sich schon an die neuen Lebensumstände gewöhnen. Wie kaum eine andere Belastung wird Lärm sehr subjektiv wahrgenommen. Der Frankfurter Lärmindex, der einmal Auskunft geben soll, wo die Belastung besonders groß, wo sie zu- oder vielleicht sogar abgenommen hat, gewichtet daher diese emotionale Komponente sehr hoch. Welche Bedeutung dem Gefühl zukommt, hilflos und bis zum Ende seiner Tage dem Krach ausgeliefert zu sein, ist in den vergangenen Wochen in Mainz, in Offenbach und Flörsheim, insbesondere aber in den Frankfurter Stadtteilen Sachsenhausen und Niederrad, klargeworden. Dort ist der Schock besonders heftig in ein zuvor gepflegt-entspanntes Lebensgefühl gefahren.

          Der Flughafen ist zum Politikum geworden

          Der frühere Ministerpräsident Roland Koch, der den Ausbau des Flughafens als wichtigstes Projekt seiner Ära bezeichnet, hatte schon vor Jahren prognostiziert, auch der traditionellen Klientel der CDU werde „einiges abverlangt“. Dass er in einem solchen Maße recht behalten sollte, hätten die Parteifreunde in Frankfurt nicht für möglich gehalten. Ob der Fluglärm die Oberbürgermeisterwahl mit entschieden hat, wird Spekulation bleiben. Jedenfalls hat es Wählerschichten erodiert, auf die das bürgerliche Lager meinte, wie selbstverständlich bauen zu können.

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