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Frankfurter Flakhelfer Schon mit 16 Jahren an schweren Geschützen

Klassenweise sind Schüler während des Bombenkriegs als Flakhelfer eingezogen worden. Nun bereiten sechs Frankfurter Lessing-Gymnasiasten für eine Ausstellung über den Luftkrieg ein Kapitel dazu vor.

© Institut für Stadtgeschichte Frankfurt Beschädigt: Dieses Bild zeigt das Frankfurter Städel mit einer Flakstellung auf dem Dach

Der Krieg scheint ein Spiel zu sein. Fröhlich werden die Luftwaffenhelfer geweckt, unterziehen sich einer Katzenwäsche und treten zum Appell an. Danach geht es an die Luftabwehrgeschütze. Tatsächlich greifen alliierte Bomberverbände Frankfurt an, die Luftabwehrbatterie in Hofhausen zwischen Hofheim und Kelkheim feuert auf sie aus allen Rohren. Ein Bomber wird getroffen, trudelt in der Luft und stürzt der Erde entgegen. Spätestens als der Film die brennenden Trümmerteile des Flugzeugs zeigt und der Pilot, seinen zerknüllten Fallschirm auf beiden Händen tragend, mit gesenktem Kopf vorgeführt wird, ist der Krieg kein Spiel mehr.

Hans Riebsamen Folgen:

Die Luftwaffenhelfer im Film sind ungefähr so alt wie die sechs Lessing-Schüler, die mit ihren beiden Geschichtslehrerinnen den 16-Millimeter-Streifen im Institut für Stadtgeschichte anschauen: zwischen 16 und 18 Jahren. Diese jungen Männer, die da an den Geschützen eifrig Projektile in die Rohre schieben, sind keine Kinder mehr, aber auch noch keine Erwachsenen.

Einberufung klassenweise

„Es gibt jetzt nicht mehr nur einen Mob(ilisierungs)-Befehl für den Soldaten, sondern heute gibt es einen Mob-Befehl für jeden Deutschen, sobald er 16 Jahre alt ist, Mädchen wie Jungen“, hatte der spätere Reichsmarschall Hermann Göring schon zu Kriegsbeginn 1939 verkündet. Angesichts der kritischen militärischen Lage wischte Hitler Anfang 1943 alle Bedenken gegen eine Jugenddienstpflicht beiseite und verfügte die Einberufung der Jahrgänge 1926 und 1927. Die Jungen wurden gerne als Luftwaffenhelfer an den Geschützen eingesetzt, Mädchen häufig im Telefondienst.

In der Regel geschah die Einberufung der Sechzehn- und Siebzehnjährigen klassenweise. So ist es wohl auch am Lessing-Gymnasium abgelaufen, wie die sechs Schüler bei ihrer Recherche entdeckt haben. Ob sich unter den Luftwaffenhelfern im Film auch ehemalige Schüler ihres Gymnasiums befanden, ist vorerst nicht zu klären. Vielleicht finden sie etwas heraus, wenn sie demnächst einen Zeitzeugen interviewen, der damals in der Abwehrstellung in Hofhausen Dienst geschoben hat.

Der zehnminütige Film über das scheinbar lustige Leben als Flakhelfer ist ein rares Dokument, das erst vor kurzem ins Institut für Stadtgeschichte gekommen ist. Eine Frau hatte den Aufruf des Stadtarchivs gelesen, in dem um Objekte und Berichte für eine geplante Ausstellung über den Luftkrieg und die Zerstörung Frankfurts gebeten wurde. Außer zahlreichen schriftlichen Dokumenten wurde dem Ausstellungsleiter Michael Fleiter auch besagter Film zur Verfügung gestellt, über den die Besitzerin lediglich zu sagen wusste, dass ihr Vater ihn gedreht habe.

Mehr zum Thema

Nur zehn Filme mit Aufnahmen aus der NS-Zeit sind im Besitz des Stadtarchivs. Vier davon haben die alliierten Luftangriffe zum Thema, bei denen Frankfurts Zentrum vor allem in zwei verheerenden Attacken am 18. und 22. März 1944 in Schutt und Asche gelegt wurde. Der nun aufgefundene Flakhelfer-Film ist insofern einzigartig, als er den Einsatz Jugendlicher im Bombenkrieg darstellt. Deshalb passt er optimal in die für den Herbst geplante Schau. Für das Thema, das die sechs Lessing-Schüler für die Ausstellung vorbereiten, ist er sogar eine zentrale Quelle. Der Streifen soll jetzt auf eine Kassette überspielt und in der Schau gezeigt werden.

Unter der Leitung des Geschichts-Doktoranden Frederik Müllers arbeiten die sechs Gymnasiasten seit geraumer Zeit an einem Konzept für ihren Ausstellungsteil. Welche Themen sind wichtig? Gibt es dafür geeignete Objekte? Wie sollen sie präsentiert werden? Nach Meinung der beiden Lehrerinnen Birgit Frank und Sabrina Gehre ist das Thema „Flakhelfer“ für ihre Schüler deshalb besonders interessant, weil sie in einem Alter sind, in dem die damaligen Schülerjahrgänge ihren Flakdienst absolvieren mussten. Tatsächlich scheinen die Altersgenossen an den Flakgeschützen das Interesse der Lessing-Schüler entfacht zu haben: Sie sind mit Eifer bei der Sache.

Eigentlich sollte der Einsatz minderjähriger Flakhelfer damals auf den Dienst im Geschäftszimmer einer Flakstellung beschränkt sein. Allenfalls sollten sie an kleinkalibrigen Geschützen helfen. Wegen des Mangels an Mannschaften war davon schnell nicht mehr die Rede. Die Jungen von der Schulbank bedienten selbst die schwersten Flakgeschütze, wie die Aufnahmen aus Hofhausen belegen. Auch der Plan, die Jugendlichen während ihres Dienstes weiter zu unterrichten, wurde vielerorts bald aufgegeben. Während der alliierten Luftoffensive von 1944 mussten viele Flakbatterien innerhalb kürzester Zeit mehrfach ihren Standort wechseln. Schule und Elternhäuser wussten oft nicht, wo ihre Zöglinge gerade kämpften.

Opferzahl unklar

Wie viele jugendliche Flakhelfer ihr Leben lassen mussten, weiß niemand genau. Im Luftgaukommando, zu dem Frankfurt gehörte, fielen bis Ende 1943 elf Helfer. Doch die Massenangriffe, die von Jägerattacken auf Flakbatterien begleitet wurden, fanden erst 1944 statt. Zuletzt hat das Regime viele Flakhelfer auch noch im verlustreichen Bodenkampf eingesetzt.

Was hat die sechs Lessing-Schüler bei ihrer Recherche am meisten bewegt? Dass die Flakhelfer in einem derart jungen Alter eingezogen worden seien, schreibt ein Schüler auf einen der Feedback-Zettel. Ein anderer ist erschüttert darüber, dass keine Rücksicht auf Familie und Freunde genommen wurde. Ein dritter kann es nicht fassen, dass so viele Flakhelfer ihr Leben verloren. Deren Einsatz beeindruckt aber auch in gewisser Weise. Einer der Lessing-Schüler schreibt, er staune über die Selbstverständlichkeit, mit der seine Altersgenossen die schweren Kanonen bedient hätten. In dieser Hinsicht war der Krieg vielleicht doch ein Spiel.

Quelle: F.A.Z.

 
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