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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Frankfurter Chorszene Wiederbelebung des Singens

 ·  Alles ändert sich, auch bei Chören. Die Begeisterung für sie wächst wieder, die Zahl der Männerensembles sinkt. Ein Überblick über die Szene.

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Wer einmal gesehen hat, wie sich bei einem großen Chorfestival fremde Menschen in den Armen lagen, weil sie spontan in perfekter Harmonie zusammen sangen und im Rhythmus des Atems den Gleichschlag der Herzen spürten, dem braucht der Wert des gemeinsamen Singens nicht lange erklärt zu werden. Auch in Frankfurt haben sich beim Fest des Deutschen Chorverbands an diesem verlängerten Wochenende bewegende, also etwas auslösende, in Bewegung setzende Szenen dieser Art abgespielt. Dennoch: Was bleibt, wenn die 500 Chöre mit 20000 Sängern wieder abgereist und die 600 Konzerte verklungen sind? Wie ist es um die Chorszene in Frankfurt und Umgebung alltags bestellt?

Im Gespräch mit Chorleitern wird schnell deutlich: Es herrscht großer Optimismus, vieles ändert sich, Neues entsteht, an Ideen mangelt es nicht. Aussagekräftige Zahlen zum Thema sind zwar schwer zu bekommen, weil nicht gleich jedes neue Vokalensemble unter das Dach eines Verbands schlüpfen muss. Doch spiegelt etwa eine Statistik des Hessischen Sängerbunds (HSB) eine allgemein zu beobachtende Tendenz wider. Die Zahl der gemischten Chöre ist laut Sängerbund von 1990 bis 2012 von 621 auf 881 sogar stark gestiegen, während die Zahlen der Frauen-, Kinder- und Jugendchöre gleichgeblieben ist und nur bei den Männerchören ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen war (1990 waren 914, heute sind es nur noch 626). Insgesamt hat der HSB unverändert viele Chöre in seinen Reihen - 2122 waren es im Jahre 1990, acht mehr sind es 21012. Die Zahl der aktiven Mitglieder sank allerdings von 76630 auf 52740.

Vom „Bierchen danach„ zum „Projektchor“

In vielen jungen Formationen seien die Sänger „in positivem Sinne ehrgeiziger geworden“, glaubt Stephani Miceli. Sie leitet mit dem gemischten Pop- und Jazzchor „Vocalive“ in Griesheim im Kreis Darmstadt-Dieburg ein erfolgreiches Ensemble, das beim Deutschen Chorwettbewerb 2010 in Dortmund in der Jazz-Kategorie den ersten Preis gewann.

Der wenig ambitionierte Gesangsverein, „in dem man sich trifft und hinterher ein Bierchen trinkt“, übt nach Ansicht Micelis kaum noch Anziehungskraft aus. „Viele Leute sind heute nicht mehr bereit, einem Verein beizutreten“, sagt sie. Stattdessen gibt es oft „Projektchöre“, die in einem begrenzten Zeitraum ein Programm erarbeiten. „Das kann natürlich nicht die kontinuierliche Arbeit ersetzen“, sagt Micheli. Sie selbst übernahm 1990 noch während ihres Studiums die Leitung des Gesangsvereins Frohsinn Griesheim mit damals 30 Sängern und schaffte es, dass die Mitgliederzahl auf 200 Sänger anwuchs, indem sie Kinderchöre und den Jungen Chor Griesheim gründete, aus dem später „Vocalive“ hervorging.

Kinderchöre sollen Nachwuchs sichern

Eine Voraussetzung für solche Erfolge ist wohl die Begeisterungsfähigkeit des Chorleiters. Dass der Zuspruch allein aus dem nicht-klassischen Repertoire erwächst und der Trend allgemein zum Pop- oder Gospelchor geht, glaubt Miceli nicht. Jedoch sollten aus ihrer Erfahrung die Einstiegshürden niedrig sein und am Anfang nicht zu schwere Stücke stehen. Für die Neugründung eines Chors würde sie empfehlen, gleich einen Kinderchor mit aufzubauen, aus dem sich dann im besten Fall der Nachwuchs rekrutiert. Zudem müsse der Chorleiter ständig auf der Suche nach Ideen sein: Mit Schnuppertagen, Projekten für Männer, Vormittagsproben für Frauen oder Angeboten für die Eltern der singenden Kinder etwa könnten neue Sänger gewonnen werden.

Wenn Kinder singend nach Hause kommen, kann das auch die Eltern anstecken, weiß Annette Marke, die als Projektleiterin für ein hoffnungsvolles und frankfurtspezifisches zuständig ist, das schon bundesweit Interesse und die Unterstützung des Deutschen Chorverbands gefunden hat: „Primacanta - Jedem Kind seine Stimme“ heißt das Lehrerfortbildungsprogramm der Frankfurter Musikhochschule und der Crespo-Foundation, das dazu führen soll, dass Kinder schon in der Grundschule lernen, mit Spaß qualitätsvoll zu singen.72 von 79 Frankfurter Grundschulen haben sich schon seit dem Start 2008 an „Primacanta“ beteiligt. Die Rückmeldungen seien durchweg positiv, berichtet Annette Marke, die selbst Musikpädagogin und Chorleiterin ist. Viele „Primacanta“-Kinder können schon am Ende der vierten Klasse Rhythmen und Melodien vom Blatt singen. Marke spürt „eine Wiederbelebung des Singens“ und glaubt, dass auch das Chorfest „den Umbruch“ verstärkt.

Gemeinsame Proben statt Konkurrenz

„Sehr positiv gestimmt“ ist, wenn man ihr fragt, auch der neue Frankfurter Dommusikdirektor Andreas Boltz. Er baut derzeit die Domsingschule auf und hat mit erstaunlichem Zulauf von Kindern aus dem ganzen Stadtgebiet einen Mädchen- und einen Knabenchor gegründet und zum bestehenden Domchor auch noch „ein leistungsfähigeres Vokalensemble für außerliturgische Anlässe“ ins Leben gerufen. Für den „Aufwind“ verantwortlich, sagt er, seien die viele Kinder- und Jugendkonzerte in der Alten Oper und anderen Frankfurter Einrichtungen, außerdem „viele interessante Komponisten“, die gute Chormusik schrieben.

Einige Chöre arbeiten auch gut zusammen. Das beste Beispiel dafür ist die seit 1990 bestehende Arbeitsgemeinschaft Frankfurter Chöre. Ihr gehören vier traditionsreiche Oratorienchöre an: die Singakademie, der Cäcilien-Chor, die Frankfurter Kantorei und der Figuralchor. Sie stimmen sich bei Aufführungen großer Werke ab, um sich nicht gegenseitig Konkurrenz zu machen. Mitunter wird auch gemeinsam geprobt, ein idealer Übungsraum existiert: 2005 wurde das „Haus der Chöre“ am Dornbusch gebaut, ein Domizil, das es in dieser Art in nur wenigen Städten gibt. Um Frankfurt als Stadt der Singenden muss es einem also wohl nicht bange sein.

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Jahrgang 1966, freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

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