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Frankfurter Buchmesse : Einer hat keine Lust auf die rechte Ecke

Frankfurter Buchmesse: Fokus auf Gastland Georgien Bild: dpa

Die Frankfurter Buchmesse wappnet sich mit Argumenten und einem Sicherheitskonzept, um Extremisten zu begegnen. Antaios-Verleger Götz Kubitschek wird dieses Mal wohl nicht dabei sein.

          Da waren es nur noch zwei: Gerade einmal so viele Aussteller aus dem neuen rechten Spektrum kommen in diesem Oktober zur Frankfurter Buchmesse. So jedenfalls stellt es sich derzeit dar. Denn auch wenn sich nach Informationen dieser Zeitung die Aussteller offiziell bis 31. Januar eines jeden Jahres anmelden müssen, um bei dem Großereignis im Herbst vertreten zu sein, gibt es intern nicht wirklich einen Stichtag. Wer kommen wolle, könne dies auch, einen Tag bevor die Buchmesse ihre Pforten öffnet, noch tun, so heißt es. Manche Verleger wollten doch noch die Chance nutzen, um dort beispielsweise für einen Autor zu werben, und schickten eine Last-Minute-Bewerbung. Aber der Verlag, der voriges Jahr das größte Aufsehen erregt hat und den Anlass für handfeste Auseinandersetzungen mit linken Gruppen lieferte, wird dieses Mal wohl nicht dabei sein: Antaios-Verleger Götz Kubitschek winkte ab.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Dabei sein aus der rechten Ecke werden dagegen wieder der Manuscriptum-Verlag, dessen Koje voriges Jahr unter nicht völlig geklärten Umständen über Nacht verwüstet worden war, und die Wochenzeitung „Junge Freiheit“. Ihre Stände liegen eng beisammen an einer peripheren und gut kontrollierbaren Stelle, so will es das Konzept der Messeleitung. Sie hat sich beraten mit der Polizei und mit der Buchmesse Leipzig Erfahrungen ausgetauscht. Krawalle wie 2017, als es zu heftiger verbaler und vereinzelter körperlicher Gewalt gekommen war, sollen dieses Mal verhindert werden.

          Radikale Gegenwehr im vergangenen Jahr

          Dass die Verlage, in denen rechtsintellektuelle Schriften mit gelegentlicher Tendenz zum nationalrevolutionären Umsturz erscheinen, in Frankfurt auftreten, hatte vor einem Jahr schon vor Beginn der Bücherschau für Aufregung gesorgt. Während etwa kein Hahn danach krähte, dass nach wie vor das „Kommunistische Manifest“ beworben wurde, in dem die Weltrevolution propagiert wird, die mit dem Grundgesetz nicht unbedingt vereinbar ist, und auch die marxistischen Kleinverlage wie üblich munter ihr klassenkämpferisches Geschäft betreiben konnten, ohne behelligt zu werden, sorgten die Vordenker von Rechtspopulismus und identitärer Bewegung für radikale Gegenwehr. Was die Rechten darin bestätigte, die Themen zu setzen, die gegenwärtig die Diskussionen bestimmen.

          Die Leipziger Buchmesse hatte aus den Frankfurter Verhältnissen ihre Schlüsse gezogen, die Verlage aus dem rechten Lager an einer Stelle gebündelt, Auseinandersetzungen blieben aus, die Sicherheitsbehörden waren wachsam. Auch in Frankfurt soll es in diesem Herbst ruhig bleiben und die Rechten weitgehend unter sich. Was Kubitschek, der zum unheimlich-heimlichen Star der letztjährigen Veranstaltung avanciert war, dazu bewog, an der Frankfurter Buchmesse 2018 nicht teilzunehmen. „Wir wollten nicht in eine Nische gepackt werden“, sagte er auf Anfrage. Dies sei der Versuch, Dinge an den Rand der Gesellschaft zu drücken, die längst in deren Mitte gerückt seien. „In Leipzig haben wir das mitgemacht, es war nicht schön.“

          „Das große Thema ist Vielfalt“

          Dass sich Kubitschek Frankfurt verweigert, bedauert Buchmessen-Direktor Juergen Boos nicht. Die Begegnung mit dem Verleger aus Schnellroda sei keine besonders erfreuliche gewesen, sagt er. „Aber das große Thema ist Vielfalt, ich muss auch Leute aushalten, deren politische Position mir überhaupt nicht passt.“ Schließlich habe sich die Frankfurter Buchmesse seit ihrer Neugründung 1949 der Freiheit des Worts verschrieben. „Wir können Plattform sein, wir können den Leuten Raum geben, wir haben Menschen aus 150 Ländern, und jeder bringt seine individuelle Position mit“, führt Boos aus. Und verweist darauf, dass es in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer wieder Konflikte gegeben hat, für die auch die Buchmesse eine Bühne bot: zwischen Türken und Kurden, Iranern und Exiliranern, Chinesen und Taiwanesen ging es heiß her. Der Gastlandauftritt von China warf viele Fragen nach dem Umgang mit Ländern auf, in denen keine demokratischen Standards herrschen. Neu sei, sagt Boos, dass sich die gesellschaftspolitische Situation in Deutschland selbst seit etwa zwei Jahren so zugespitzt habe, dass sich die Auseinandersetzung unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit auch auf der Buchmesse widerspiegele.

          Und wie wird es dieses Jahr auf der Messe zugehen? „Wir haben an vielen Stellen Kontroversen, die zum Teil auch laut werden können. Das werden wir zulassen. Aber bestimmte Dinge lassen wir nicht unwidersprochen.“ Weshalb das politische Forum der Buchmesse namens „Weltempfang“ gestärkt werde. Und ein Projekt wie „The Same Page“ initiiert worden sei, in dem es um die grundlegenden Werte geht, für die in besonderem Maß die Buchmesse stehe. „Wir sind der Aufklärung, den Menschenrechten verpflichtet und wollen sie in den Mittelpunkt stellen.“ Dies sei auch der Kerngedanke der europäischen Einigung, weshalb man Federica Mogherini, die Außenbeauftragte der Europäischen Union, eingeladen habe. Das alles wird nicht vereiteln, dass sich zwischen Buchdeckeln totalitäre Gedanken in die Messehallen einschleichen. Schriften religiöser Fundamentalisten, die den Gottesstaat fordern, dürften dort ebenso zur gefälligen Einsicht liegen wie Romane, in denen vor Fremden gewarnt wird. Da bleibt dann wohl nur die Hoffnung auf den mündigen Leser.

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