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Breakdancer „Lil Rock“ : Leichtigkeit als Lebensgefühl

  • -Aktualisiert am

Völlig losgelöst: Für Niranh Chanthabouasy scheinen die Gesetze der Schwerkraft kein Problem zu sein. Bild: Wonge Bergmann

Der Frankfurter Niranh Chanthabouasy tut das, was er am liebsten macht, professionell: Breakdance. Als wichtiger Teil der Gruppe „Flying Steps“ tourt er um die Welt, nun ist er in der Jahrhunderthalle zu sehen.

          Als der kleine Niranh damals häufig mit einer Tüte voller Münzen heimkam, konnten seine Eltern nicht ahnen, dass ihr Sohn zwanzig Jahre später zu den weltweit besten Breakdancern zählt. Und dass Niranh Chanthabouasy nur noch als „Lil Rock“ bekannt ist. Und mit seiner Gruppe „Flying Steps“ erfolgreich um die Welt tourt. In seinen Anfangszeiten hat er mit seinen Kumpels auf dem Pflaster Heidelberger Fußgängerzonen getanzt und einen Hut rumgehen lassen. Die Musik lieferte ein Ghettoblaster. Breakdance? Einst in den achtziger Jahren in der New Yorker Bronx erfunden, in den Vereinigten Staaten und dann auch hierzulande populär geworden, war der artistisch-spektakuläre Tanzstil in den Neunzigern wieder out. Zuletzt ist er wiederbelebt und durch die „Flying Steps“ von einer Subkultur zu staunenswerten Bühnenshows verwandelt worden.

          Wer die Athleten bei ihrem Tun sieht, dem ist klar, dass diese extreme Körperbeherrschung, diese Akrobatik in Vollendung eine Melange aus Tanz, Kunst und auch (Hochleistungs-)Sport ist. Und irgendwo auch ein Lebensgefühl. Ihr Ziel ist es, dass es nicht nur federleicht aussieht, sondern sie selbst auch noch lässig-entspannt dabei wirken.

          Publikum „wie bei einem Rockkonzert“

          So wirkt auch Chanthabouasy, wenn er nicht auf der Bühne steht. Die kleine Flugshow für den Fotografen fällt ihm so leicht wie anderen das Anheben einer Kaffeetasse. Der 33-Jährige, dessen Wurzeln in Laos liegen, ist Teil der gefeierten Show „Flying Bach“. Die Verschmelzung von Johann Sebastian Bachs „Das Wohltemperierte Klavier“ und Breakdance, die Mischung aus alter Meister und Jugendstil tourt noch immer um die Welt. Knapp 140 Shows hat er bislang getanzt. In einem Monat war der Tross mal „nonstop durch sechs Länder unterwegs. Von heiß bis kalt - Dubai, Kanada, Italien und so weiter“, erzählt Chanthabouasy.

          Von der Straße bis in ausverkaufte Hallen auf der ganzen Welt: Niranh Chanthabouasy ist glücklich, wenn er auf der Bühne steht und tanzt.
          Von der Straße bis in ausverkaufte Hallen auf der ganzen Welt: Niranh Chanthabouasy ist glücklich, wenn er auf der Bühne steht und tanzt. : Bild: Wonge Bergmann

          Hotel, Flugzeug, Bühne, „bisschen Party“ und wieder von vorne - das Leben auf Tour reduziert sich auf das Immergleiche. Bei den PR-Terminen und Fotoshootings direkt nach Ankunft kann auf den Jetlag keine Rücksicht genommen werden. „Mobil sein, die Welt sehen und dabei das tun, was man am liebsten macht“ - Chanthabouasy hat Gefallen daran gefunden. Die kulturellen Unterschiede amüsieren ihn. In Skandinavien sei das Publikum „abgegangen wie bei einem Rockkonzert“, in Japan dagegen seien die Zuschauer während der gesamten Show still gewesen, ehe sich alles in einem fulminanten Schlussapplaus entladen hätte. Chanthabouasy, der seit fünf Jahren in Frankfurt wohnt, hat nie etwas anderes gemacht als tanzen. Im Mousonturm im Frankfurter Ostend hat er häufig als Tänzer und Choreograph gewirkt und dort auch seine Freundin Victoria Söntgen kennengelernt. Sie ist ebenfalls professionelle Tänzerin. In Frankfurt habe sich noch keine richtige Breakdance-Szene entwickelt, sagt Chanthabouasy. Im Gegensatz zu Berlin, das sich Breakdance-Crews untereinander in Bezirke aufgeteilt hätten und wo einige sogar vom Tanz auf der Straße lebten. In Frankfurt trainiere er als Ausgleich vor allem im Fitnessstudio. „Ich will ja noch ein paar Jahre durchhalten“, sagt Chanthabouasy schmunzelnd. Mit 33 gehört er zu den ältesten auf höchstem Niveau aktiven. Viele Breakdancer hätten chronische Beschwerden - extreme Bewegungen ergeben extreme Belastungen. Dabei ist Chanthabouasy kein sogenannter Powermover, der sich immerzu mit der Schwerkraft duelliert, dessen Körper beispielsweise auf der Schädeldecke stehend rotiert (Headspin), als ob er sich in den Boden bohren wolle. Die Spezialitäten des tänzerischen Allrounders sind unter anderem Popping und Locking - künstlerische, ausdrucksstarke Bewegungen, etwa wellen- oder roboterartig.

          „Unser Sohn macht doch etwas Gescheites“

          Das Hauptquartier der „Flying Steps“ liegt in Berlin. Fünf Monate am Stück hat die Gruppe dort seit vergangenem Sommer an ihrer neuen Show gearbeitet: „Flying Illusion“. Zwei Künstler, die schon an „Flying Bach“ mitgewirkt haben, sind wieder dabei. Einer davon ist „Lil Rock“, der auch als Ko-Choreograph fungierte. In der aufwendigen, zwei Millionen Euro teuren Produktion duellieren sich das Gute und Böse tänzerisch. Auf dem Spiel steht nichts weniger als das Schicksal der Menschheit - und Chanthabouasy verkörpert den Boss der Dunkelmänner. Die erste Station des sechzig Kräfte (davon elf Tänzer) starken Trosses nach der Premiere in Berlin im März ist die Frankfurter Jahrhunderthalle (25. bis 27. April). Nach der Deutschland- geht es für „Lil Rock“ und die Truppe wieder auf Weltreise. In der vergangenen Woche hat Chanthabouasy noch mal umsatteln müssen. Weil beide Shows parallel touren und sein Ersatzmann ausgefallen war, hat er im thüringischen Ort Meiningen nochmal bei „Flying Bach“ ausgeholfen. Der Hype um diese Show hat endlich auch seine Eltern mit seinem Beruf Breakdancer versöhnt. „Aha, unser Sohn macht doch etwas Gescheites“, hätten sie gesagt, erzählt er lachend.

          Von der Straße bis in ausverkaufte Hallen auf der ganzen Welt - „ich bin glücklich, wenn ich auf der Bühne stehe und tanze“, sagt Chanthabouasy. „Das Drumherum hat sich geändert, aber es sind immer noch Bühnen.“ Ein Filetstück der Shows der „Flying Steps“ sind die Zugaben. Dann kehren die Tänzer zurück zu den Wurzeln des Breakdance: Einer nach dem anderen tritt nach vorne und zaubert seine besten Moves hin oder das Spektakulärste, was ihm gerade einfällt. Jeder gegen jeden, „Battle“ nennen sie das. Auch Chanthabouasy „haut dann, getragen vom Publikum noch mal alles raus“. Wie damals in den Theatern und Clubs, wo er frei von Vorgaben und frei in Ausdruck und Stil tanzte. Wie noch früher auf dem Pflaster in der Fußgängerzone. Einen Hut lässt er nicht mehr rumgehen, den hat er jetzt meistens auf.

          Quelle: F.A.Z.

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