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Bahnhofsviertel Frankfurt : Crack an jeder Ecke

Straßenkampf: Mit einem abgeschlagenen Flaschenhals will ein Drogendealer an der Taunusstraße auf einen Konkurrenten losgehen. Bild: Helmut Fricke

Im Bahnhofsviertel etablieren sich neue Gruppen von Drogenhändlern. Untereinander fechten sie Revierkämpfe aus. Manchmal bis aufs Blut.

          Um drei Uhr nachmittags flippt der Mann aus. Eben noch hat er gemeinsam mit anderen vor dem „City Kiosk“ gestanden, eine Bierflasche in der einen Hand, das Handy in der anderen. Im Fünf-Minuten-Takt hat er Cracksteine gegen Geldscheine getauscht. Jetzt aber schreit er, dass es nur so durch die Häuserzeilen dröhnt, bis in die letzten Geschäfte hinein. „Ich bring’ dich um, ich schwöre es, ich bring dich um.“ Er stürmt auf einen anderen Dealer los, gleiches Alter, anscheinend gleiche Herkunft, offenbar auch gut im Geschäft. Eine Bierflasche wird zu Boden geworfen, Splitter verteilen sich auf dem Bürgersteig. Der brüllende Dealer hebt den Flaschenhals auf, oder vielmehr das, was davon noch übrig ist, und geht auf den anderen los.

          Christian Palm

          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET

          Blut läuft an seinen Händen herunter, ein Bekannter stemmt sich gegen ihn, es gelingt ihm gerade noch, den Marokkaner zurückzuhalten. „Mach keinen Scheiß“, ruft er. Doch der Mann bleibt rasend. Schließlich verschwindet er im Kiosk, kommt mit einer neuen Flasche Bier wieder heraus und gönnt sich einen kräftigen Schluck. Dann stellt er sich wieder an die Taunusstraße. Keine zwei Minuten später kommt der nächste Kunde vorbei.

          „Zustände schlimmer als je zuvor“

          Die Taunusstraße, das ist die neue Drogenmeile im Bahnhofsgebiet. Rauschgift wurde dort schon immer verkauft, aber nicht so konzentriert. Inzwischen ist sie zum Hauptumschlagplatz geworden, zumal, seitdem sich dort der „City Kiosk“ eingerichtet hat. Der Laden, sagen viele Geschäftsinhaber, die das Viertel schon seit zwanzig, dreißig Jahren kennen, sei das wahre Übel. „Die Dealer kommen und gehen, versorgen sich dort mit Bier und allem drum und dran.“ Mit dem Alkoholpegel steige die Aggressivität. „Und uns bleiben die Kunden weg.“

          In diesen Tagen haben die Einzelhändler der Taunusstraße einen offenen Brandbrief geschrieben. Zudem verteilt der Bildhauer Oscar Mahler, der zur Stimme der Geschäftsleute im Viertel geworden ist, sein „Atlas Magazin“. Eine Sonderedition mit dem Titel: „Wir vertreiben unsere Gäste.“ Mahler sagt, die Zustände seien schlimmer als je zuvor. Was die Stadt dringend brauche, sei eine koordinierende Stelle, die nicht die Süchtigen, wohl aber die Dealer bekämpfe. Von Revierkämpfen berichtet auch er. „Nicht von ungefähr hat es jüngst die beiden Schießereien gegeben.“

          Die nächste Schlägerei bahnt sich an

          Das Viertel ist seit längerem im Umbruch. Der Drogenhandel war über Jahre hinweg in mazedonischer Hand. Seit die Polizei die Banden zerschlagen hat, versuchen neue Gruppen, auf den Markt zu drängen. Die Hells Angels sind im Bahnhofsviertel zwar noch präsent, seit dem Verbot der beiden Charter aber nicht mehr als Ordnungsmacht. Ein Geschäftsmann, der seinen Laden an der Taunusstraße schon seit 30 Jahren betreibt, sagt: „Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde, aber ich sehne mir die Rocker zurück. Die sind einmal in ihren Kutten durchs Viertel gefahren, dann war Ruhe. Jetzt haben wir die Marokkaner und Bulgaren. Es gibt nur Ärger.“

          An diesem Nachmittag fährt die Polizei alle fünf Minuten über die Taunusstraße. Als sich dort die nächste Schlägerei anbahnt, hält der Streifenwagen vor dem „City Kiosk“, die Polizisten steigen aus und fordern die Ausweise der Männer. Der Dealer mit der zerschlagenen Flasche ist ein bekanntes Gesicht. Einer, der öfter Ärger macht. Diesmal ist es um 140 Euro gegangen, die ihm angeblich jemand geschuldet hat. An anderen Tagen geht es um weitaus weniger Geld. Auch dafür hat er schon zugeschlagen. Die Männer leeren ihre Taschen, in denen nichts weiter zu finden ist als einige zerknüllte Kugeln Papier. Als die Polizisten weg sind, heben sie ein Gitter hoch, das im Boden eingelassen ist und zum Keller des Nachbarhauses führt. Sie holen sich Crack-Nachschub, dann schieben sie das Gitter wieder zurück. Der nächste Kunde wartet schon.

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