Ist es möglich, nach den langwierigen, wendungsreichen, lehrreichen, emotionalen Debatten um den Wiederaufbau der Altstadt gewissermaßen einen naiven Blick auf das Projekt zu werfen? Kann man die Bilder, die die Dom-Römer GmbH am Freitag im Sonderausschuss verteilen ließ, so unvoreingenommen betrachten, als erführe man das erste Mal von dem ambitionierten Vorhaben? Man kann. Und wer ein Herz hat, das nicht in bedingungsloser Anhängerschaft zur Architektur-Moderne zu Beton erstarrt ist, der wird zugeben müssen, dass ziemlich gut aussieht, was in den vergangenen Jahren geplant worden ist.
Sicher, es wird eine geschönte, bis zum Kitsch verniedlichte Version der historischen Altstadt wiedererstehen. Doch womöglich, wahrscheinlich sogar, wären die Gassen zwischen Dom und Römer ähnlich aufgehübscht worden, wenn die Originalsubstanz im Krieg nicht in Schutt und Asche gefallen wäre. Andernorts haben sich die Elendsquartiere von einst schließlich auch in Gemütlichkeitsmaschinen des Tourismus verwandelt.
Sinnvolle Korrekturen an einzelnen Parzellen
Und mit einer angesichts der Planlosigkeit der Planungspolitik zwischenzeitlich nicht mehr für möglich gehaltenen Konsequenz fügen sich die Gebäude nun doch zu Ensembles. Was von vornherein nahelag, von der Politik aber nicht bedacht wurde, hat die hohe Nachfrage unter Bürgern nach Rekonstruktionen ermöglicht: Der Hühnermarkt als zentraler Platz der Altstadt wird weitgehend von Häusern in historischem oder pseudohistorischem Gewand umstellt sein. Dagegen werden an der nördlichen Seite des Krönungswegs einige Gebäude stehen, die auf den ersten Blick als zeitgenössisch zu erkennen sind. Die Illusion, dass es die Bombennächte von 1944 nicht gegeben hätte, wird also nicht bis zur letzten Konsequenz verfolgt. Es wird aber auch nicht der Fehler gemacht, Neues und Altes in schematischer Abwechslung nebeneinanderzustellen.
Erfreulich ist ferner, dass auch für einzelne Parzellen sinnvolle Korrekturen vorgenommen worden sind. So soll das Haus Markt14 nach dem Entwurf des Kölner Büros Johannes Götz und Guido Lohmann entstehen. Bisher war vorrangig der Entwurf des Leipziger Büros Eingartner Khorrami mit seiner schwerfälligen Schieferfassade gezeigt worden, die eher nach Clausthal-Zellerfeld im Harz als nach Frankfurt zu passen schien.
Die Gunst der Stunde genutzt
Die Erfolge bedeuten noch nicht, dass sich alle Bedenken erledigt hätten. Es bleibt ein Ärgernis, wie wenig phantasievoll manche Architekten waren, die sich in ihren Entwürfen so nah an den Vorgängerbauten orientiert haben, dass die Grenzen zwischen Neubau und Rekonstruktion verwischen. Auch werden sich die Rekonstruktionen weitgehend auf die Fassaden beschränken. Dabei wären auch bei Beachtung heutiger Vorschriften mehr Anleihen bei historischen Techniken und Materialien möglich gewesen.
Die Dom-Römer GmbH hat die Gunst der Stunde genutzt, noch einmal für den Bau des Stadthauses zu werben. Sie hat zweimal zwei Simulationen veröffentlicht, die die „Goldene Waage“ und das „Rote Haus“ jeweils mit und ohne das benachbarte Multi-Funktions-Gebäude zeigen. Und tatsächlich belegen die Abbildungen für die, die sehen wollen, dass es ohne Stadthaus nicht geht. Die beiden wichtigsten Rekonstruktionen der Altstadt stünden andernfalls wie amputiert herum. Wenn die Gegner einer Überbauung des Archäologischen Gartens behaupten, diese Lücke sei durch kosmetische Eingriffe zu kaschieren, dann muss ihnen deutlich widersprochen werden. Der ahistorische freie Blick auf den Dom ist dieses Opfer nicht wert.
Fahrlässig angezettelte Debatte um das Stadthaus
Bemerkenswerterweise hat diese Einsicht auch die hartleibigsten Befürworter einer möglichst weitgehenden Wiederherstellung der Fachwerkaltstadt dazu gebracht, ihren Frieden mit dem von ihnen zuvor als zu modern verschrienen Stadthaus zu machen. So viel erfreulicher Gemeinschaftssinn sollte jedoch den Blick für die Schwächen des Ensembles nicht trüben. Das Stadthaus kann von seiner städtebaulichen Figur her zwar überzeugen, weil es den Nachbargebäuden Halt gibt und gemeinsam mit diesen attraktive Plätze schafft. Doch es wirkt zu groß, die Architektur fällt etwas zu beliebig aus, und die Ausführung in Naturstein will nicht recht zu den Fachwerk- und Putzfassaden der übrigen Gebäude passen.
Auch wenn es für den Architekten und die Dom-Römer GmbH die siebte oder achte Überarbeitung wäre: Die von der schwarz-grünen Koalition fahrlässig angezettelte Debatte um das Stadthaus, dessen Bau nach dem Willen einer Sparkommission aufgeschoben werden soll, bietet die Chance, noch einmal nachzubessern. Der Geschäftsführer der Dom-Römer GmbH, Michael Guntersdorf, hat sich an die Fraktionen im Römer mit dem Vorschlag gewandt, das Stadthaus in verkleinerter und damit verbilligter Form zu realisieren.
Von Süden nach Norden bauen
Der Vorschlag könnte auf Gehör stoßen. Vor allem unter den maßgeblichen Stadtverordneten und Stadträten der Grünen ist die Einsicht gewachsen, dass ein Verzicht auf das Stadthaus das gesamte Altstadtprojekt gefährden könnte, weil er langwierige Umplanungen notwendig macht und weil er das Zutrauen der privaten Bauherren in die Beständigkeit städtischer Planungen erschüttert. Auch in der CDU mehren sich die Stimmen, denen zufolge die Ersparnis von maximal acht Millionen Euro in keinem Verhältnis zum Risiko steht, das mit der Sparaktion verbunden ist. Allerdings haben bisher weder Kämmerer Uwe Becker noch der Fraktionsvorsitzende Helmut Heuser und auch nicht Oberbürgermeisterkandidat Boris Rhein ein Einsehen bekundet. Bleibt nur zu hoffen, dass sich die drei vor der Oberbürgermeisterwahl nicht mit dem Vorwurf belasten wollen, beim ersten Gegenwind von Sparvorschlägen abzurücken, sich nach der Wahl aber einsichtig zeigen.
Als ausgemacht gilt unter Immobilienexperten, dass der Aufschub des Stadthaus-Projekts dessen Ende bedeutet. Aus logistischen Gründen muss das Areal von Süden nach Norden, also von der Schirn Kunsthalle zur Braubachstraße hin, bebaut werden. Ist der Rest erst gebaut, ließe sich die Baustelle am Archäologischen Garten kaum noch sinnvoll andienen. Es sei denn, man verzichtete vorerst auch auf die Zeile zwischen „Goldener Waage“ und „Rotem Haus“, was aber vollends absurd wäre.
"Stadthaus" kein größeres Wagnis als gesamtes
Altstadt-Projekt, und:
S. Neumann (frankfurtrheinmain)
- 29.02.2012, 06:04 Uhr
Ohne ein Stadthaus wird es in der Tat nicht gehen.
Alexander Schäfer (DRATS)
- 28.02.2012, 20:38 Uhr
Lokschuppen
Closed via SSO (paultheodor)
- 28.02.2012, 12:47 Uhr
Die sich allmählich weitende Sicht des Herrn Alexander:
Peter-Michael Geissler (PMGeissler)
- 28.02.2012, 10:22 Uhr