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Zukunft der Bildung : Der Wert der Nebenflüsse und der Prüfungen

Werner D’Inka, Kultusminister Ralph Alexander Lorz und Jürgen Kaube im F.A.Z. Bürgergespräch zum Thema „Wie gut sind unsere Schulen?“ Bild: Frank Röth

Schule soll so viel: Bilden, erziehen, aufs Leben vorbereiten. Aber wie kann das gelingen? Und auf welches Leben eigentlich? Momente aus dem F.A.Z.-Bürgergespräch.

          Ein rohstoffarmes Land wie Deutschland müsse in die Köpfe investieren, heißt es allenthalben. Mindestens ebenso wichtig sei Bildung für jeden Einzelnen: als Schlüssel zu beruflichem Aufstieg und Wohlstand. Eine merkwürdige Sichtweise, findet Jürgen Kaube. „Als ob Bildung ein Mittel ist, etwas anderes zu erlangen“, sinniert der für das Feuilleton zuständige F.A.Z.-Herausgeber. Bildung bedeute nicht, aus der Not eine Tugend zu machen, sondern sei eine Tugend an sich.

          Matthias Trautsch

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Zumal Rohstoffarmut nach Kaubes Ansicht keine Not darstellt. Der Blick auf Länder wie Russland oder die ebenso ressourcenreichen wie gescheiterten Staaten Afrikas lege nahe, dass Deutschland sich glücklich schätzen dürfe, nicht allzu viel Gold, Diamanten und Erdöl im Boden zu haben. Hätten die Menschen die Wahl, lebten die meisten lieber hier als in Saudi-Arabien. Das hohe Bildungsniveau sei einer der Gründe dafür.

          So gesehen, ist Alexander Lorz nicht der Verwalter des Mangels, als der er sich im Alltag oft fühlen muss, sondern reicher als jeder Ölscheich. Der hessische Kultusminister und CDU-Politiker sitzt mit Kaube auf dem Podium im Holzfoyer der Oper. Moderiert von Werner D’Inka, dem für die Rhein-Main-Zeitung verantwortlichen Herausgeber, geht das F.A.Z.-Bürgergespräch der Frage nach, was Bildung bedeutet - auch auf den Spuren des Buchs „Im Reformhaus. Zur Krise des Bildungssystems“, das Kaube im vergangenen Jahr veröffentlicht hat.

          Aufgaben des Bildungssystems

          Die Schule müsse auf die Zukunft vorbereiten, darüber sind sich der Soziologe Kaube und der Jurist Lorz einig. Doch welche Zukunft ist gemeint? „Bildung ist erfunden worden, weil wir die Welt nicht kennen, auf die wir uns vorbereiten“, sagt Kaube und zieht daraus den Schluss, dass der Lehrstoff nicht allzu konkret sein dürfe. Es gehe nicht darum, dass Schüler telefonieren lernten - niemand wisse, ob diese Technik in 20 oder 30 Jahren noch gefragt sei. Einen Roman zu lesen könne hingegen ein Schritt in der Entwicklung zum mündigen Bürger sein. Und die Fähigkeit zum Urteil und zum Widerspruch sei auch noch in 20 oder 30 Jahren gefragt. Es sei sinnvoll, dass Schüler lernten, „alle Nebenflüsse der Weschnitz aufzuzählen“, auch wenn sie später einmal Zahnarzt würden.

          Eine Portion Konkretion gehöre schon zur Schule, meint Lorz. Er unterteilt die Aufgabe des Unterrichts in drei Sphären. Zum einen das Handwerk: Lesen, Schreiben, Rechnen. „So ungewiss die Zukunft ist - das haben wir in den vergangenen 3000 Jahren gebraucht und das brauchen wir auch in Zukunft.“ Daneben gehe es darum, einen Bildungskanon zu vermitteln. An den amerikanischen Eliteuniversitäten würden noch immer Horaz und Homer gelehrt, obwohl antike Literatur im späteren Berufsalltag der wenigsten Studenten eine Rolle spielen dürfte. Doch die Auseinandersetzung mit solchen Klassikern schärfe den Geist. Die dritte Sphäre sei vor allem am Ende der Schullaufbahn angesiedelt, sagt Lorz. „Da wollen wir Anstöße geben, wie es danach konkret weitergehen könnte.“

          Gegen solche Ratschläge sei nichts einzuwenden, meint Kaube. Angesichts einer zunehmenden Ausrichtung an ökonomischen Maßstäben müsse man sich aber bewusst sein, dass das Leben, auf das die Schule vorbereiten solle, nicht nur aus Wirtschaft bestehe. Das gelte selbst für das Berufsleben: Ein Bischof, ein Beamter oder ein Journalist beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk arbeiteten nicht nach Marktprinzipien. Im Übrigen seien wir auch Eltern, Kinder oder Eheleute und müssten uns somit in vielen Lebensbereichen als Menschen und nicht als Werktätige bewähren.

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